Mykki.BoysYouKnow.RobbingMillions.Antwoord

covernoresizeMykki Blanco

Was immer auch über HipHop an Klischees existiert – all das Gangsterhafte, Blingblingbesetzte, CNNsurrogative, Wackelärschige, Popaffine, Geldgeile, Befreiende, Fesselnde: Man kann das in jahrelanger Exegese der Abermillionen Raps, die jedes Jahr den Lagerbestand von Abermilliarden anderer erweitern, bestätigen oder widerlegen, je nach Herangehensweise. Man kann aber auch einfach mal Mykki Blanco zuhören und sich selbst Track für Track für Track dabei beobachten, wie der Kopf von ganz allein geräumt wird. Denn was der schwule Transvestit diffuser Hautfarbe da in seinem/ihrem Debütalbum Mykki fabriziert, ist die endgültige Sprengung aller Grenzen des Genres.

Produziert von Woodkid und Jeremiah Meece, walzt es der Performance-Künstler aus New York so variabel aus, dass alles andere verglichen damit irgendwie stereotyp und fade wirkt. In seinem Aberwitz erinnert das dann manchmal an Busta Rhymes, in der überdrehten Künstlichkeit wiederum an Plastikpop der Marke Dragostea din tei, überall scheppert und flattert und weht irgendwas Verschrobenes unter den Sprechgesang, der seltsam blechern, diffus, geschlechtslos umherirrt. In dieser Platte wird alles so virtuos mit nichts verbunden und nichts mit allem, dass am Ende niemand mehr weiß – war das jetzt bedeutsam, war es relevant, gar gut? Es war! Auch, weil es das nicht zwanghaft sein will…

Mykki Blanco – Mykki (!K7)

tt16-boysThe Boys You Know  

Es geschieht nicht oft, dass Bands aus dem deutschsprachigen Raum ihre Herkunft verleugnen, wenn sie auf Englisch singen. Die Hardrock-Fossilien Scorpions tun es zwar trotz niedersächsischer Intonation, das Hamburger Softpopduo Boy hingegen wegen der Aktzentfreiheit. Ansonsten aber fallen zurzeit nur The Boys You Know auf, deren Wiener Wurzeln allenfalls aus den Namen sprechen: Thomas Hangweyrer, Wolfgang Möstl, hörbar alpine Kaliber. Ihr College-Rock indes klingt vom Gesang bis in die Bläsesequenzen hinein so amerikanisch, als wäre er vor 30 Jahren unter der Sonne Kaliforniens entstanden.

https://youtu.be/0n7v-gGYpaw

Parallel zu neuen Platten alter Powerpopstars wie Dinosaur Jr. und Teenage Fanclub ist Elephant Terrible eine verträumt coole Reminiszenz an die Westcoastrock-Ära der Neunziger, als Männer erstmals alternativen Rock mit Gitarrensoli garnieren durften, ohne in Mackerposen zu erstarren. Jeder der neun Songs mahnt das aufgestaute Testosteron der neuen Maskulinität daher, bitte in den Drüsen zu bleiben und lieber entspannt beim Bier gen Abendhimmel zu blicken als, sagen wir, die Harley anzuschmeißen. Allein dafür schönen Dank!

The Boys You Know – Elephant Terrible (wohnzimmer records)

tt16-robbingRobbing Millions

Man hört ja selten Gutes aus Molenbeek. Weltweit als Keimzelle islamistischen Terrors europäischer Prägung verschrien, dringt aus dem Brüsseler Stadtteil allenfalls das desillusionierte Allahu Akbar desperater Integrationsverlierer an die Öffentlichkeit. Aber Musik? Dafür muss man an Betonburgen und Schlagzeilen vorbei schon genauer lauschen. Doch wer es tut, taucht in einen Mikrokosmos, der aller Todessehnsucht ringsum funkensprühend Märsche purer Lebensfreude bläst. Der eingeborene Jazzgitarrist Lucien Fraipont und ein befreundeter Cartoonist namens Gaspard Ryelandt haben sich zum elektronischen Duo Robbing Millions vereint.

Und es ist nicht allein so, dass es auch im hellsten Sonnenlicht noch besonders strahlen würde; an klischeehaft tristen Brennpunkten wie ihrem gleicht ihr Auftritt einer Supernova kreativer Energie. Abgemischt vom New Yorker Studio-Wizzard Nicolas Vernhes (Deerhunter), bringen sie ein gleichnamiges Debütalbum zum Leuchten, dessen psychedelischer Faulenzerpop mit absurdem Doppelfalsett in englischer Sprache symphonisch und gleichsam minimalistisch klingt. Ein himmlischer Hoffnungsschimmer aus dem sprichwörtlichen Höllenloch.

Robbing Millions – Robbing Millions (PIAS)

Hype der Woche

covernoresize-1Die Antwoord

Aus welchem Höllenloch Die Antwoord einst gekrochen sind, dürfte all jenen, die ihre Kinder schon immer vor denen gewarnt haben, schlaflose Nächte bereiten. Geografisch ist es erst mal Südafrika, das ja auch so ein Land am Rande des Wahnsinns ist. Atmosphärisch ist es für die Einen ein satanischer Abgrund verstörender Inszenierungen, für andere der Himmel kreativer Vielfalt ohne Geschmacks- und Soundgrenzen. Auf ihrem vierten Album Mount Ninji And Da Nice Time Kid (Kobalt) oszilliert das rappende Ehepaar ¥o-Landi und Ninja nebst DJ Hi-Tek wieder furios zwischen HipHop, Techno, Punk und Grime, mischen dem Irrsinn diesmal allerdings noch mehr ethnische Klänge wie Kwaito bei. Die Videos dazu sind gemeinhin Feuerwerke diabolischer Diesseitszerstörung. Doch das Besondere: für solche Bilder im Kopf braucht man überhaupt keine visuellen Anreize; es reicht, sich voll und ganz auf dieses Meisterwerk des Clutureclashs einzulassen.

 

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