Seehofers Quark & Dittsches Umzug

TVDie Gebrauchtwoche

12. – 18. September

Er hat es wieder getan, er kann‘s halt nicht lassen, er ist schlicht zu machtgeil für die Auslastung des Gehirns: Horst Seehofer hat gefühlt zum 275. Mal die Zusammenlegung von ARD und ZDF gefordert. Seine medial besten Buddys Bild und RTL sind da natürlich sofort auf diesen mit „populistisch“ eher zaghaft umschriebenen AfD-Zug gesprungen. Dass er politisch irreal ist, soziokulturell verwerflich und juristischer Quatsch – egal! Hauptsache, die CSU fischt fleißig am rechten Rand. Dabei wäre es dringend angebracht, das öffentlich-rechtliche System gründlich zu reformieren. Fort von Pöstchenschieberei, Pensionenirrsinn und einer Programmstruktur, die Niveau allenfalls auf zwei, drei Primetimeplätzen parkt und ansonsten immer wieder den gleichen, wohlgefälligen, geriatrischen Quatsch reproduziert.

Zum Beispiel, deutsche Schauspieler als ausländische Ermittler unter Eingeborene mit ortsansässigem Akzent zu schicken, um hiesige Befindlichkeiten im dortigen Urlaubsambiente zu verhandeln. Zwischen Kroatien und Island zieht die Krimi-Karawane da grad nach Lissabon. Den Kommissar spielt Jürgen Tarrach, der das große Erdbeben in Portugals Hauptstadt von 1755 live erlebt hat, ölig gegrillte Meeresfrüchte liebt und seit der EM Vollbart trägt. Was als nächstes kommt? Ein Namibia-Krimi mit Heino Ferch als Inspektor von Lüderitz, der zum Auftakt in Deutschsüdwest Ritualmorde an Kolonialnachfahren löst. der Budapest-Krimi mit Béla Réthy als Opfer einer radikalen Sekte, die Hauptmännin Márta Szölösznölszny (Nina Kunzendorf) im Alleingang zerschlägt. Dazu Anke Engelke als heiter bis tödliche Dirigentin Klárá Slangsdóttir, die nach der Orchesterprobe von ihrem umgebauten Fischtrawler aus Sexualverbrecher auf den Färöer Inseln jagt.

Falls die Komödiantin dahinter dazu Interviews gibt, muss Reportern kleinerer Medien jedoch bewusst sein, dass sie nur der Großpresse von FAZ bis Zeit Audienz gewährt wie beim PR-Termin für den ARD-Politthriller Tödliche Geheimnisse, wo sie eine (ausgerechnet) Journalistin spielt. Da lobt man sich Engelkes Kollegen Thomas Gottschalk, der sich zwar für den besten Entertainer aller Zeiten hält, aber immer ein bisschen für alle da sein wollte. Kein Wunder, dass er beim gestrigen Finale von Zimmer frei! mit großer Lust am Medium den letzten WG-Bewerber gab.

0-FrischwocheDie Frischwoche

19. – 25. September

Nächsten Sonntag um 22.45 Uhr steigt noch die Abschiedsparty im WDR mit allerlei Mitbewohnern von Clueso über Anne Will bis Armin Rohde; dann ist das Aufwärmprogramm für den unvergleichlichen Dittsche im Anschluss nach 20 Jahren Geschichte. Wobei auch der Unterschichtenphilosoph aus Hamburg verschwindet – allerdings nur auf einen anderen Sendeplatz, von dem noch zu klären sein wird, ob er der bessere ist: Die 25. Staffel startet am Freitag um 23.30 Uhr, leitet das Wochenende also eher ein als aus. Und weil sie auch am neuen Termin live gesendet wird, lässt sich nur mutmaßen, was darin zu sehen, hören, riechen ist.

Es dürfte nach zwölf Jahren und zehnmonatiger Pause aber weiterhin die Quintessenz intelligenten Aberwitzes sein, den Olli Dittrich am 29. Februar 2004 irgendwo zwischen Altsozi und Neurechtem zur Kunstform erhob. Auch 2016 sieht sich sein Dittsche nämlich als Epizentrum des Weltgeschehens  und verzieht dabei nie auch nur den kleinsten Muskel selbstironischer Reflexion. Deutschlands einzig wahre Alternative, sie steht für weitere zwölf Folgen am fettigen Imbiss-Tresen im feinen Eppendorf.

Der zweite Sendeplatzwechsel lässt dich hingegen nur im Kontrast einordnen: Heute um 18.50 Uhr wandert Francis Fulton-Smith als „Dr. Kleist“ vom Haupt- zum Vorabend der ARD, was sogar noch egaler ist als Moni’s Grill (Donnerstag, 23.30 Uhr) an gleicher Stelle, wo Monika Gruber und Christine Neubauer ein scheußliches Hybrid aus Talkshow und Kochsoap in den Sand setzen. Was FFS verzapft, wird nämlich erst am Dienstag deutlich, wenn er nach FJS in der Spiegel-Affäre zur Geisterstunde im NDR als Der Gute Göring glänzt. Was die Frage nach sich zieht: Warum bastelt der Macho mit Herz parallel so vehement am Klischee seiner selbst?

Und versucht es stattdessen nicht mal wie Orlando Bloom im südafrikanischen Verschwörungskrimi Zulu (heute, 22.15 Uhr, ZDF) oder George Clooney als durchgeknallter Veteran in der Antikriegsgroteske Männer, die auf Ziegen starren (Mittwoch, 22.15 Uhr, Eins Plus) mit einem echten Imagewechsel? Wobei wir da bereits bei den Wiederholungen der Woche wären, die ebenfalls mit einem wandelnden Stereotyp beginnen. Marilyn Monroe als Berufsblondine in Wie angelt man sich einen Millionär von 1953 (Freitag, 23.15 Uhr, BR). In seiner schwarzweißen Pracht kehrte 2003 die Raumpatrouille Orion ins Kino zurück, was heute auf Tele5 zu sehen ist. Und dokumentarisch wären diesmal gleich zwei Tipps zu nennen: der Themenabend Atomkraft am Dienstag auf Arte mit einer Doku über den Ersatzstoff Thorium und warum uns die ersetzten Stoffe noch Jahrtausende zusetzen. Dazu das tolle Porträt (Dienstag, 22.30 Uhr) des streitbaren Volksmusikers Hubert von Goisern im BR.

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