Florian Hager: ARZDF & Junges Netzangebot

704Reichweite statt schnelle Clicks

Mit 40 zählt Florian Hager (Foto: SWR/Stephanie Gagel) nicht unbedingt zur Zielgruppe des Jugendangebots von ARD und ZDF, das am 1. Oktober online geht. Andererseits kennt kein Medienmacher mit Einfluss die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährige besser. Schließlich hat der Schwabe bei Arte die Neuen Medien verantwortet oder ZDFkultur aufgebaut, das ebenso wie EinsPlus nun dem neuen Internetkanal weicht. Ein Gespräch über verbotene Inhalte, junge Nutzungsgewohnheiten, politische Einflussnahme und warum man den Begriff „jung“ mal neu definieren müsste.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hager, wenn der öffentlich-rechtliche Jugendkanal noch mehr junge Fernsehzuschauer ins Netz lockt – ist das dann nicht der Todesstoß fürs alte Leitmedium?

Florian Hager: Gute Frage, klare Antwort: Auf keinen Fall! Als Teil beider Welten war und bin ich nie der Meinung, dass ein Medium das andere ablöst. Das Gemeinschaftserlebnis ganzer Familien, die zusammen Nachrichten, Sport, Shows oder Filme gucken, wird es auch weiter gehen. Bis zum Vorjahr ist die Nutzung des Fernsehens altersübergreifend sogar gestiegen und hält sich nun auf konstant hohem Niveau. Nur weil der Internetkonsum der Zielgruppe 14 bis 29 rasant wächst, was sich ja bei mir fortsetzt, der mit Ende 30 auch nicht mehr strikt dem linearen Programm am großen Bildschirm folgt, heißt das noch lange nicht, dass es ausstirbt.

Aber könnte nicht genau das der Fall sein, wenn Ihr Jugendkanal die erste Generation, deren frühkindliche Medienprägung nicht vornehmlich vom alten Bildschirm stammt, weiter auf den Touchscreen lockt…

Diese Generation zurückzuholen, halte ich für utopisch. Deshalb ist es nicht unsere Aufgabe, sie ans klassische Fernsehen heranzuführen, sondern mit anspruchsvollen öffentlich-rechtlichen Angeboten auf den Plattformen zu versorgen, auf denen sie sich aufhalten.

Damit nehmen sie der Generation Multimedia, die beim Fernsehen nebenbei am Second Screen surft und chattet, aber doch unwiederbringlich den First Screen?

Ich glaube zwar nicht an die langfristige, nachhaltige, substanzielle Interaktion zwischen den Endgeräten, aber Sie sprechen mir aus der Seele: mein voriger Sender Arte zeigt ja, dass die umfangreiche Nutzung des gelungenen Netzauftrittes ohne das eine Prozent Marktanteil am Bildschirm unmöglich wäre. Aus Erfolgsgesichtspunkten wäre ein TV-Kanal sicher zuträglich gewesen. Das Gute ist aber jetzt, dass wir gezwungen sind, uns ganz neu aufzustellen.

Aber schreibt der Staatsvertrag nicht explizit vor, dass öffentlich-rechtliche Netzinhalte einzig ergänzenden Charakter zum Fernsehprogramm haben dürfen?

In der Tat. Und da unsere Aufgabe in den vergangenen Monaten vor allem darin bestand, mit den politischen Gremien genau darüber zu verhandeln, können wir erst Ende nächsten Jahres starten. Andererseits haben die Ministerpräsidenten vor einem Jahr ja selbst darauf bestanden, dass der Jugendkanal online only entsteht. Nach alter Rechtslage wäre das gar nicht möglich, weshalb der Staatsvertrag im Dezember mit einem Passus zum Jugendangebot verändert werden soll, was dann allerdings noch durch die Landesparlamente muss.

Das wäre der juristische Einfluss; welchen inhaltlichen versucht die Politik zu nehmen?

Keinen, Null, alles andere hielte ich auch für bedenklich. Wir haben unsererseits zugesichert, alle Genres abzubilden, also kein erweitertes Youtube mit Filmen in Dauerschleife zu sein, aber die Politik macht uns keine inhaltlichen Vorgaben.

Mir fehlt da gerade die Phantasie, dass sich ein Horst Seehofer freiwillig aus allen programmatischen Fragen raushält…

Ist aber so.

Gab es denn Versuche, dem Kanal Angebote wie nostalgische Shows und Serien für ältere Zuschauer zu untersagen, um dem Fernsehen kein Publikum abzuwerben?

Auch da gab es reichlich Kritik, aber keine Einflussnahme. Selbst von unserer privaten Konkurrenz nicht, die natürlich stark daran interessiert ist, uns auf Information und Kultur zu beschränken. Der Auftrag ist daher ebenso klar definiert wie die Zielgruppe.

Wie genau lautet dieser Auftrag, in den sie stolze 45 Millionen Euro stecken dürfen?

Stolz klingt jetzt, als hätte ich die bar auf dem Tisch, um sie nach Gutdünken herauszublasen; trotz der neun ARD-Anstalten und dem ZDF im Rücken halte ich diese Summe für ein derartiges Projekt nicht für überdimensioniert, aber wir werden damit sehr gut arbeiten können.

Mit welchem sichtbaren Ergebnis?

Umfassender, ständig verfügbarer, permanent wechselnder Content, den man über unsere App, vor allem aber die üblichen Plattformen der Zielgruppe – also Youtube, Facebook, Instagram, Snapchat oder auch Twitch oder Minecraft – auf dem Smartphone abrufen kann. Inhaltlich wollen wir nicht nur Abspielstation, sondern Aktivierungsplattform sein, im eigenen Angebot aber auch fiktionale Kaufproduktionen, vor allem Serien on demand anbieten, die bislang auf der Negativliste stehen.

Klingt ein bisschen nach Netflix…

Nein, nein. Dafür fehlt uns schon das Budget. Unsere Aufgabe ist ein möglichst breit aufgestelltes Bewegtbild, also auch ein eigenes Angebot auf Youtube, das strategischer vorgeht als die bisherigen Angebote von ARD und ZDF in der Hoffnung, einfach online gestellte Fernsehinhalte würden sich von alleine viral verbreiten. Wir suchen grad neue Köpfe und Formate für ein Portfolio mit Substanz und Haltung, das in der Zielgruppe zunächst nicht als peinlich empfunden wird; mit so viel Demut müssen wir mittlerweile da rangehen.

Um nicht als peinlich zu gelten, müssen Sie sich aber auch den Gepflogenheiten der digital natives anpassen – also eher Clips als Filme und Knalleffekte als Sachlichkeit oder?

Natürlich produzieren wir auch kurztaktigere, unterhaltsame Inhalte, aber eben auch längere, informative. Unser Ziel ist eine nachhaltige Reichweite, keine schnellen Clicks.

So ganz ohne werden auch Sie nicht auskommen, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Wir wollen keine schnelle Aufmerksamkeit, sondern nachhaltige Reichweite; schnelle Clicks sind da eher hinderlich. Nichtsdestotrotz werden wir Formatumfänge des Fernsehens überwinden. Nachrichtensendungen etwa haben eine feste Länge, weshalb weniger Wichtiges an nachrichtenarmen Tagen mit der gleichen Ernsthaftigkeit verlesen wird, wie Bedeutsames an nachrichtenreichen Tagen weggelassen. Von dem Zwang können wir uns befreien.

Apropos: Ist es Ihnen nicht ein wenig unangenehm, dass Sie das Fernsehen vom einzigen Sender befreien, der abseits von Oper und Schlager noch Musik zeigt – ZDFkultur?

Als einer, der am Start dieses Senders mit beteiligt war, bin ich voll auf Ihrer Seite: ZDFkultur reißt ein Loch ins Programm, zumal es noch keine Einigung mit Urheberrechtevertretern von Gema bis GVL gibt, wie wir Musik ohne Fernsehverwertung zeigen dürfen. Da müssen wir auch mit den Labels neue Wege finden, aber mit anspruchsvoller Musik werden da eher neue eröffnet als alte geschlossen. Wir wollen also auch die große Gruppe jener bedienen, die sich jenseits des Mainstreams aufhalten.

Also eher Tracks als N-Joy?

Tracks ist eine tolle Sendung, spricht aber eher jung gebliebene Nostalgiker und ältere Musiknerds an, also Leute wie mich. Aber da bedarf es ohnehin einer Neudefinition der Begrifflichkeiten; selbst ein vergleichsweise junger Star wie Jan Böhmermann trifft eher den oberen Rand der angestrebten Zuschauerschicht unseres Angebots. Uns geht‘s um Inhalte, Köpfe und Formate.

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