Bon Iver, Heim, Tribe Called Red, Lukas Rieger

tt16-iverBon Iver

Der Boom larmoyanter weißer Männer mit Wandergitarre ist ungebrochen, seit Folkbands wie Mumfords & Sons das Privileg der Unansehnlichkeit ins Popbiz reimportiert haben und ein nöliger Junge namens Passenger damit im Alleingang riesige Hallen füllte. Am Anfang dieser immer noch leicht merkwürdigen Entwicklung aber stand ein anderer: Bon Iver. Schon vor zehn Jahren gruppierte der amerikanische Organist Justin Vernon ein Kollektiv talentierter Singer/Songwriter um sich und entzog dem Mackergewerbe Bühnenshow damit eine so große Portion Testosteron, dass man glauben wollte, dessen Zeit sei endgültig abgelaufen.

Das ist sie natürlich nicht, aber besonders Bon Ivers zweites Album ist und bleibt ein Monolith männlicher Reflexion zu hinreißenden Melodien. Schwer, da das Niveau zu halten. Und in der Tat reicht das neue Album 22, A Million bei Weitem nicht an seinen Vorgänger an. Dennoch vollführt es abermals etwas Wundervolles: Mit gläserner, beinahe  durchsichtiger Stimme und einer oft geschmeidigen, noch öfter aber kratzigen, verwaschenen Musik im Rücken Kraft zu versprühen, die eher aufmuntert als deprimiert wie das selbstmitleidige Gefasel ihrer Kollegen.

Bon Iver – 22, A Million (Jagjaguwar)

tt16-heimHeim

Es gibt Dinge, die man immer erst dann richtig zu fürchten lernt, wenn eigentlich alles gut zu sein scheint. Regen zum Beispiel beim Sommerfest am See oder Sonne, wo die Nacht gerade saftig zum Tag gemacht wird. Manche nennen das dann Pessimismus, andere eher Realitätssinn, wir nennen es an dieser Stelle einfach mal HEIM. Und zwar nicht im Sinne von „Heimat“, sondern des bayerischen Indierocktrios. Dessen zweites Album mit dem absurd kosmopolitischen Titel Palm Beach beginnt nämlich so hinreißend lässig, dass man angesichts der Herkunft befürchtet, es garniert sein Westcoastgebräu zwischen Dinosaur Jr. und den Melvins nun mit Dictionary-Englisch.

Doch kaum ist die erste Rückkopplung verklungen, singt Denny Thasler „Ich glaube alles, was ich sage / ich bleib‘ genau der, der ich bin“ und die Überraschung ist perfekt: deutscher Garagengrunge mit Texten, die davon zeugen, was die Band dahinter empfindet, nicht, was ein paar vage Vermarktungsmöglichkeiten im fremdsprachigen Ausland in Aussicht stellen könnte. Die Poesie ist dann am Ende gar nicht so herausragend, sondern einfach glaubhaft von Herzen erzählt und authentisch. Im Ganzen allerdings sprüht Palm Beach so sehr vor Charme und Kraft und Kreativität, dass man endlich mal nicht neidisch übers Wasser dorthin blickt, wo alternativer Sound wirklich zuhause ist. Mit HEIM hat er hier kurz mal eine Heimat gefunden.

Heim – Palm Beach (Tapete)

indexA Tribe Called Red

Wer versucht, A Tribe Called Red zu beschreiben, sollte sich einen Begriff wie Gefasel hingegen besser verkneifen. Kaum eine Band ist politischer als das multiethnische Soundkollektiv aus den Weiten Kanadas. Und nur wenige Musiker definieren ihren Sound aktivistischer als Ian “DJ NDN” Campeau, Tim “2oolman” Hill und Bear Witness. Ihr musikalisches Revier mag eine hypnotische Mischung aus HipHop, Dubstep, Dance und experimenteller Electronica sein; thematisch ist auch auf der dritten Platte We Are The Halluci Nation jeder Track eine polyphone Anklageschrift gegen die herrschenden Verhältnisse.

Umso erstaunlicher ist es, dass dieser Systemkritik nicht nur in den Kopf, sondern ohne Umwege ins Blut geht, vor allem aber: dass die indigenen Gesänge unter hochenergetischen Technosequenzen nie folkloristisch klingen. Die 15 Stücke inklusive eher proklamativem In- und Outro sind frei schwingende Beweise für die partielle Vereinbarkeit von Entertainment und Botschaft, von Hedonismus und Politik. Und wenn das Trio mit Gastmusikern von Yaslin Bey über Tanya Tagaq bis hin zum Ethnoaktivisten John Trudell die Schlagzahl hochfährt wie in R.E.D. oder The Virus, beginnen die Boxen förmlich zu brennen. Weltmusik war gestern, heute ist Tribe Called Red.

A Tribe Called Red – We Are The Halluci Nation (Radicalizd Record)

Hype der Woche

tt16riegerLukas Rieger

Wir wollen an dieser Stelle kurz im Kaffeesatz wühlen: Lukas Rieger, bildhübsch(zurechtgemacht)es Dutzendgesicht plastinierten Pops Konstruktionsjahr 2016 wird sein heute erscheinendes Debütalbum Compass (Jetpack Musik) in den nächsten vier, fünf Jahren drei, viermal identisch covern, seine Fan-Schar auf Instagram oder musical.ly damit gen Siebenstelligkeit steigern, nach den anschließenden zwei, drei Flops mit den üblichen Schmalzbrotbelägen à la “your words cut deeper than a knife” ein, zwei Ausflüge in HipHop oder Rock machen, infolge abermaligen Versagens verschiedene Drogen und falsche Freunde ausprobieren, um wenigstens damit noch kurz mal die Schlagzeilen (ge)fallsüchtiger Gossipmedien zu entern, und dann, sagen wir im Herbst 2021, wenn er zumindest dem Alter nach endlich erwachsen ist, im Fernsehgarten enden, wo er sein frühes Zeugs dann immerhin vor der ZDF-Zielgruppe 66+ Playback trällern darf, und niemand, wirklich niemand mit dem geringsten Hauch von Niveau, Anspruch oder Moral wird diesem menschlichen Machwerk auch nur die geringste Träne nachweinen außer seine Mudda. Punkt.

 

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s