The Pop Group, Leonard Cohen, Jamie Lidell

imagesThe Pop Group

Bandnamen, die allzu offensichtlich auf ein Genre hinweisen, enthalten mit großer Sicherheit das genaue Gegenteil. Darauf sind Außenstehende zuletzt reingefallen, als sie die britpoppig harmlosen Eagles of Death Metal wegen ihrer vermeintlich satanischen Inhalte zum islamistischen Terrorziel im Pariser Bataclan erklärten. The Pop Group dürfte in diesem Gedankenkonstrukt also überaus leicht und fluffig klingen. Dass davon nun wirklich keine Rede sein kann, belegt das englische Noise-Sextett seit fast 40 Jahren immer wieder aufs Neue. Schon als Punk noch nicht mal im Ansatz dead war, verpassten sie ihm mit industrieller Wucht ein erstes Post- davor. Auf ihrer sechsten Platte nun klingt The Pop Group noch irrer, noch wirrer, nicht aber verirrt oder -wirrt.

Ein wenig im Stile der ideologisch ähnlich weit link(sradikal)en Buzzcocks oder Atari Teenage Riot, dreht sie bloß die etablierte Zeichenwelt des Rock durch den Fleischwolf ignorierter Mainstreammechanismen und macht daraus dystopischen, aber kreativen Experimentaltrash mit Resten erkennbarer Stilfragmente. Da flirren dann schon mal klassische Gitarrenläufe unter funkige Beats, werden aber spätestens von Mark Stewarts proklamativen Lyrics wieder in den Keller bürgerlicher Erwartungshaltung gezogen. Das zweite Album nach einer epischen Pause, die punktypisch bereits 1980 begann und erst 1998 endete, ist sicher nichts für den lauschigen Sesselabend mit Wein. Für die permenante Selbstversicherung, dass Pop nicht für seicht und beliebig stehen muss, ist es ein Allheilmittel.

The Pop Group – Honeymoon On Mars (Freaks R Us)

indexLeonard Cohen

Wer in unserem Kulturkreis ein solides Maß an Wohlstand erreicht hat, antwortet auf die Frage nach dem wichtigsten Besitztum verlässlich mit: Zeit. Das hat mit dem Trendbegriff Achtsamkeit zu tun, der das tägliche Tun in den Kontext größtmöglicher Sinnstiftung stellt. Andererseits herrscht so viel Überfluss, dass die Ressource der individuellen Daseinsspanne absolut zu Recht als schützenswert gilt. Dennoch neigen junge Menschen dazu, sie hektisch mit Inhalt zu füllen, während ältere zur Verschwendung neigen. Das erklärt, warum sich Leonard Cohen auf seiner neuen Platte noch mehr Zeit nimmt als auf den 13 Alben zuvor.

https://soundcloud.com/paulkalkbrenner/leonard-cohen-you-want-it-darker-paul-kalkbrenner-remix

Vom ersten bis zum neunten Lied verströmt sie – melodramatisch angedickt mit etwas Ghospel und Ethno – die unendliche Gelassenheit des 81-Jährigen, der dem Ende gewahr so in sich ruht, als hätte er noch ein, zwei Leben vor sich. Als Kontrastmittel empfiehlt sich da Paul Kalkbrenners Interpretation des Titelstücks, die Cohens brummelnden Erzählmodus elektronisch so aufmöbelt, dass beides voneinander lernt: Der Folk den Spaß, der House den Ernst. Doch keine Sorge: auch ohne digitales Anfetten bleibt Cohen ein unsterblicher Poet gediegener Ereignislosigkeit.

Leonard Cohen – You Want It Darker (Sony)

Hype der Woche

indexJamie Lidell

Das führt uns zum ewigen Nachwuchstalent Jamie Lidell. Der englische Grenzgänger des funkigen Pop versteht es zwar virtuos, LoFi dank guter Gastmusiker nach Bigband klingen zu lassen, die aufwändig kostümiert jede Terassenbühne bevölkert und ganze Konzertsäle beschallt. Dahinter jedoch wird es aber doch zu dünn für das, was Lidell anstrebt: die Neuerfindung der Disco mit nostalgischen Mitteln. Diesmal versucht er es es mit einem Soul, der auf dem sechsten Album futuristisch und zugleich traditionell klingen soll, also mit Building A Beginning (Jajulin Records) adäquat großkotzig betitelt ist. Diese Großkotzigkeit hat sich Lidell auch verdient; sie erfordert aber musikalische Unterfütterung, die er hier schlicht nicht leistet. Was als psychedelischer Soul angekündigt wird, ist am Ende bloß emotionales Gefasel über sein Familienleben. Routinierte Berechnung ist demnach weit deutlicher zu hören als wahre Seele. Macht aber nix – er ist ja noch, nee, mit Anfang 40 nicht mehr jung, aber ewig talentiert.

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