Mannes Tod & Dead Man Working

TVDie Gebrauchtwoche

31. Oktober – 6. November

Die Endlichkeit des linearen Fernsehens wurde uns diese Woche auf drei nur scheinbar verschiedenen Ebenen in Erinnerung gerufen: Erst kam raus, dass der amerikanische Telekom-Konzern AT&T plant, den Medien-Riesen Time Warner für den Gegenwert von 85,4 Milliarden Dollar in Aktien zu schlucken. Dann gab Manfred Krugs Familie bekannt, der vielleicht prägendste deutsche TV-Darsteller des ausgehenden Jahrhunderts sei am 21. Oktober mit 79 Jahren gestorben. Zwischendurch sorgte die Vorabmeldung für ein wenig Aufregung, Guido Cantz schminke sich für die anstehende Samstagsshow Verstehen Sie Spaß im Ersten zum Schwarzen um, was dann auch gesendet wurde.

Letzteres deutet darauf hin, wie stinkend die Lagerfeuer des sterbenden Leitmediums vor sich hin kokeln – steht das rassistische Prinzip des Blackfacings doch für jene Zeit vor fast 100 Jahren, als schwarze Schauspieler in den USA nicht öffentlich auftreten durfte und deshalb von Weißen in sogenannten Minstrel-Shows kopiert (und dabei lächerlich gemacht) wurden. Ersteres hingegen dürfte die Mobilmachung stationärer Fernsehinhalte wie vom Serienproduzenten HBO oder dem Nachrichtenkanal CNN nachhaltig vorantreiben. Und dass Manfred Krug nicht mehr lebt, deutet schmerzhaft darauf hin, wie rasant die Generation jener Entertainer, denen Entertainment mit Herz und Verstand mehr bedeutet hat als Selbstsucht und Quote, ausstirbt.

Übrig lassen sie einen Boulevard, der sich bis tief in seriöse Redaktionen von Spiegel und Stern am soziokulturellen Durchfall eines dreiachtelprominenten Gossippaars namens Pietro und Sarah Lombardi delektiert. Dessen Trennung hat zwar eigentlich die Relevanz einer Zellteilung im Abwassertümpel, wird aber seit Tagen so zur Breaking News aufgeblasen, dass Ingo Zamperonis erste von Zuschauern erwählte letzte Worte in den Tagesthemen fast schon wieder interessant wirken – selbst wenn sie (tihi) „Möge die Nacht mit uns sein“ lauten.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. – 13. November

Viel lustiger wird’s diese Woche im Ersten nicht. Was einerseits daran liegt, dass die ARD unter Humor noch immer Schmunzelkrimis wie Morden im Norden mit Ingo Naujoks und Sven Martinek versteht, der am Montag auf den Sendeplatz vom Großstadtrevier wechselt. Andererseits liegt es am Zielspurt der US-Wahl, die uns etwa beim morgigen Thementag auf Phoenix allenfalls mal das Lachen über diese Farce im Halse stecken lässt. Und dann gibt es ja wie stets im Herbst noch die Themenwoche. Ihr Titel Zukunft der Arbeit klingt sachlich, klingt sogar spannend, ist aber ein Missverständnis. Was die ARD bis Samstag auf allen Kanälen zeigt, ist nämlich vor allem die Arbeit der Gegenwart.

Immerhin zählt dazu ein unterhaltsamer Mittwochsfilm: Dead Man Working. Auch das Banker-Drama handelt zwar vom höchst aktuellen Alltag skrupelloser Renditemaximierung im Finanzsektor; doch Wolfram Koch spielt die Hauptfigur – einen Manager der sich scheinbar vom Burnout gestresst ausgerechnet nach einem erfolgreichen Deal seiner Bank, das Leben nimmt – mit so toller Ambivalenz, dass die Geschichte trotzdem in die Zukunft weist.

Das wiederum unterscheidet sie grundlegend vom zähen ZDF-Melodram Schweigeminute. Die Lehrer-Schüler-Love-Story mit Jonas Nay und Julia Koschitz spielt nach dem Roman von Siegfried Lenz in den Fünfzigern und gibt sich auch keinerlei Mühe, die piefige Atmosphäre jener Zeit aufzulockern. Fernsehen von gestern mit den Mitteln von gestern fürs Publikum von gestern. Herrje… Dabei kann man sogar diese Kombination einigermaßen ansehnlich gestalten wie im ARD-Film Tödliche Geheimnisse. Mit Katja Riemann als windige Unternehmerin, deren Machenschaften im TTIP-Dunstkreis von Nina Kunzendorf als Reporterin aufgedeckt werden, was Anke Engelke als korrupte Chefredakteurin verhindert, ist auch dies nicht grad die Neuerfindung des fiktionalen Rades, aber ziemlich versiert inszeniert.

Trotzdem kann das alte Fernsehen vom neuen selbst dann noch was lernen, wenn dies im Gestern kramt. Die neue Netflix-Serie The Crown zum Beispiel beschreibt ab Freitag den Aufstieg der jungen Prinzessin Elisabeth zur Königin von England und tut das auch dank Claire Foy in der Hauptrolle zehn Teile mit präziser Grandezza statt öffentlich-rechtlichem Schmalz. Und sobald ARD und ZDF was auf ihre Jugendplattform Funk delegieren, wirkt eine Low-Budget-Mysteryserie wie Wishlist um Wünsche, die sich nur zu äußerst ärgerlichen Bedingungen erfüllen, plötzlich irgendwie lässig. Was die Wiederholung der Woche zumindest bei der Premiere 1978 auch war: Ein Käfig voller Narren (Montag, 20.15 Uhr, Arte), dicht gefolgt vom schwarzweißen Tipp Mein Freund Harvey von 1950 mit James Stewart in seiner Glanzrolle als schrulliger Millionär Elwood P. Dowd, der mit seinem unsichtbaren Hasen alle Widrigkeiten des Lebens durchschreitet, ohne je die gute Laune zu verlieren.

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