Wolfram Koch: Tatort-Brix & Suicide-Banker

jochen-walther-100-_v-varxl_aa9ef8Ich bin in der Volldeppen-Phase

Auf der Bühne zählt Wolfram Koch (54) seit Jahrzehnten zu den Großen. Dank des Tatort-Kommissars Brix gilt das nun auch fürs Fernsehen. Im ARD-Mittwochsfilm Dead Man Working (Foto: Börres Weiffenbach/HR) brilliert der Offizierssohn aus Paris als Banker, den der Druck seiner Branche zum Selbstmord treibt. Ein Gespräch über fiese Manager, Perfektion als Ziel und wie es ist, einen Geist zu spielen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, haben Sie zuvor schon mal einen Banker gespielt?

Wolfram Koch: Viele sogar, aber alle im Theater. Zum ersten Mal glaube ich 1995 in Männergesellschaft von Edward Bond – sehr spannender Rollentypus im shakespeareschen Sinne männlicher Machtkonzentration. Daher waren unter meinen Bankern auch schon richtig böse dabei, fast verbrecherische.

Im Tatort zum Beispiel.

Mehrfach sogar.

Entwickelt man zu so etwas eine Affinität, wenn’s mal gut geklappt hat?

Nö. Wer wie ich vom Theater zum Film gekommen ist, spielt je nach Alter ohnehin fast alles. Nach den Revoluzzern bin ich grad in die Phase der Volldeppen eingestiegen, wie in der Spanischen Fliege unter Frank Castorff in Berlin oder zuletzt im Tukur-Tatort: Wer bin ich?, wo Martin Wuttke und ich uns selbst spielen, allerdings als total dämliche Arschlöcher.

Ihr Bankmanager Jochen Walther hingegen ist weder Revoluzzer noch Depp, sondern ein Manager an den Hebeln der Macht.

Richtig, und vor allem einer, der sie bedingungslos schaltet. Der sitzt wirklich am Drücker einer Maschine, die die Welt zum eigenen Vorteil bewegen will. Dead Man Working versucht aber nicht nur diesen Antreiber zu zeigen, sondern auch den Getriebenen. So getrieben, dass er relativ früh im Film stirbt. Aber ob sein Tod nun Erlösung, Flucht oder Rache ist – da hat das Publikum großen Interpretationsspielraum.

Ist dieser Topmanager, dem der Erfolg über alles inklusive des Wohls der gesamten Gesellschaft geht, demnach ein lupenreiner Bösewicht?

Das wär mir zu einfach. In Banken begehen Menschen definitiv Verbrechen, aber ich kenne im Freundeskreis meiner Kinder auch ausgestiegene Banker, die erzählen, wie gnadenlos diese Branche auch mit ihrem Spitzenpersonal umgeht. So gesehen ist Jochen Walther weder gut noch böse, sondern zunächst mal ungeheuer gierig.

Kennen Sie diese Gier von sich selbst?

Nein, ich habe ja nicht mal extremen Ehrgeiz, obwohl ich sehr auf der Suche nach Rollen bin, die mich an den Rand des Machbaren bringen. Schauspielerisch bereitet es mir daher enorme Freude, mit Macht und Gier umzugehen. Privat ist mir das völlig fremd und beruflich endet mein Ehrgeiz dort, mir größtmögliche Autonomie zu erspielen. Dafür bin ich allerdings bereit, einiges zu investieren.

Etwa, im Tatort nicht nur böse Banker, sondern den guten Kommissar zu spielen?

Absolut. Eine tolle Rolle. Der Hessische Rundfunk gewährt uns da kreative Spielräume, die anderswo undenkbar wären. Das ist schon manchmal irre. Darüber hinaus genieße ich den Luxus sehr, dank dieser Reihe wirtschaftlich zurzeit sorglos nach vorn blicken zu können. Es kann sogar sein, dass mir erst der „Tatort“ Zugang zu Filmen wie diesem hier verschafft.

In dem es einen besonderen Twist gibt: Nach einem Drittel des Films schweben Sie als eine Art Geist überm Rest der Handlung.

Ja, toll. Sehr spannend, aber im Grunde gar nicht anders zu spielen, als bliebe ich am Leben. So ist es ja auch mit der Erinnerung an Menschen, die man verloren hat: die verändern darin auch nicht ihr Wesen, sondern bleiben genauso lieb oder fies, wie sie waren.

Dieser hier agiert ziemlich fies, während ihr Kommissar Brix das genaue Gegenteil ist.

Ein extrem normaler, aber dennoch schwer zu fassender Charakter, der den Fall ins Zentrum des Interesses lässt. Das ist ein schöner Kontrast zum Theater, wo ich oft sehr extreme Figuren spiele. Beides macht enormen Spaß.

Aber ist es aus schauspielerischer Sicht nicht anspruchsvoller, der Normalität Spannung zu entlocken?

Das ist richtig. Umso schöner finde ich es, im Tatort normal zu sein, während meine Fälle total steil gehen. Wir drehen gerade, kein Scherz, eine Horror-Episode, wo ich bei mir unterm Dach ein totes Kind finde und meine Mitbewohnerin von Geistern besessen ist. Sowas Schräges hab ich noch nie gemacht.

Und das, obwohl Sie mit 13 Jahren in der Böll-Verfilmung Ansichten eines Clowns erstmals vor der Kamera standen. Warum waren Sie im Anschluss so wenig in Film und Fernsehen präsent?

Na ja, als Teenie hab ich noch zwei, drei Sachen gemacht. Dann hatte ich allerdings eine Kabarettgruppe in Bonn und war nach der Schauspielschule voll auf die Bühne fixiert. Trotzdem hab ich immer Filme gemacht, die mir wichtig sind; es hat sie nur keine Sau gesehen. Unabhängig vom Ergebnis finde ich Drehen verglichen mit dem Theater aber auch unfassbar langweilig.

Warum?

Man bereitet Häppchenkost zu Studiomusik zu und ist ständig am Warten, während Theaterstücke vor Publikum ein einziger Rauschzustand sind.

Ist es dann purer Pragmatismus, Filme zu machen?

Nein, es ist auch Interesse am Weiterkommen, denn ich bin weit davon entfernt, diesen Beruf in all seinen Facetten zu beherrschen. Wenn ich das Gefühl hätte, alles darin zu wissen, würde ich meine Sachen packen und was Neues suchen. Mein Anspruch ist Perfektion, aber sie wäre auch das Ende.

Was genau heißt Perfektion?

Angstfrei zu sein, keine Gedanken an die Absicherung zu verschwenden, sondern ausschließlich an die Kunst. Diese absolute Emotionalität sehe ich jedoch höchstens im Rambazamba-Theater, wo Kinder mit Down-Syndrom Shakespeare spielen. Es bleibt eine ewige Suche.

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