Reisereportage: Canyoning in Tirol

img_3500Gerademachen!

Von glitschigen Felskanten in dunkle Wildbäche zu springen erfordert neben Trittfestigkeit auch einer großen Portion Mut und einer noch etwas größeren Portion Irrsinn. Dennoch geht es beim Canyoning nicht nur um den Kick, sondern die Natur. Ein Erlebnisbericht aus der Berg- und Talwelt Tirols, wo manche Hotels mittlerweile sogar eigene Canyoning-Trainer haben.

Von Jan Freitag

Niemals, keine Chance, Unsinn ist das, ja: Irrsinn. Da springt keiner runter, nicht bei klarem Verstand. Und Robert weiß das. „Kein Problem“, beruhigt der Bergführer mit weisem Lächeln. „Du musst nur die Mitte vom Schwarz- und Weißwasser treffen“, erklärt er, rät aber doch, sich bis zum Eintauchen grade zu machen, dann sofort klitzeklein, „da kommt nämlich schnell der Grund“. Ah ja. Und viel mehr als kleinere Knochenbrüche, Robert zeigt sein gegerbtes Skilehrergrinsen, sei selbst bei größerer Unvorsicht nicht zu erwarten. Wie beruhigend.

Also Zielen! Absprung! Grademachen! Eintauchen! Kleinmachen! Also los! Lautstark dringt der ausgewachsene Körper eines ausgewiesenen Landtiers unterhalb eines betörenden Wasserfalls ein. Wie geplant dort, wo die schäumende Oberfläche ins Dunkel obskurer Tiefe übergeht. „Guat gmocht“, ertönt es von oben, und das denke ich auch. Sauguat. Meine Nase ist zwar randvoll mit einer Ladung klirrend kalten Auebachs, dann aber kommt es, so spontan wie unwiderstehlich: das Gefühl, keine Grenzen mehr zu kennen.

Der Siebeneinhalber? Kokolores! Das Zehnmeterbrett gar? Mach ich fortan im Schlaf! Dabei waren es bloß vier Meter freier Fall. Vier Meter von einem „Lippe“ genannten Felsvorsprung der Höllwiesenklamm, einer engen Schlucht der Nördlichen Kalkalpen, mithin meine erste Herausforderung einer Disziplin namens Canyoning, die in der Theorie etwas ungefährlicher klingt als in der Praxis. Eher nach gemütlichem Wandern als nach möglichen Frakturen.

Andererseits ist es ja kein Geheimnis, was Funsport, Trendsport, Extremsport so mit sich bringt: bei allem Spaß können Sporttrends nun mal extreme Nebeneffekte haben; davon zeugt jedes Skateboard-Video, jede Reportage über verunglückte Red-Bull-Werbeträger, davon zeugt auch der Tod eines Schluchtenwanderers samt Bergführer im Vorjahr, genau hier, vorderes Ötztal. Robert Monz ist noch immer geschockt. Umso erstaunlicher, wie freimütig er vom Unfall des Kollegen erzählt. „Das war Pech“, betont er, „aber auch Unvorsicht“. Nach heftigen Gewittern in die überflutete Klamm zu steigen, „so was machen nicht mal Profis allein“. Geschweige denn mit Anfänger im Schlepp.

Denn wenn die Strömung richtig arbeitet, der Durchfluss abwärts strebenden Wassers zur „Walze“ wird und die menschliche Kraft der natürlichen nicht gewachsen ist, dann könne es zum Unglück kommen. Da helfen selbst robuste Helme nicht mehr oder der Neoprenanzug, dick wie eine Walschwarte. So erzählt es Robert am Abend zuvor, beim informativen Warm-up für eines der großen Abenteuer zeitgenössischen Urlaubsentertainments, örtlich übersetzt mit Schluchteln. Aber das klingt dann vielleicht doch zu harmlos.

Canyoning ist schließlich nur was für einigermaßen Sportliche mit sicherem Tritt, Balance und dem Mut, sich auch mal ins Ungewisse zu stürzen. Allein hier, in der Mieminger Kette, gibt es im Umkreis von einer Stunde Fahrt 20 Kletterschluchten aller Schwierigkeitsgrade. Meine hat Stufe II bis III, 250 Meter Höhendifferenz auf knapp einem Kilometer Länge, ideal für Einsteiger mit Selbstvertrauen.

Nach einem verregneten Frühling und Roberts Briefing steht das allerdings auf der Kippe. Doch am Morgen, nach einer Nacht ohne Schlaf und einem Frühstück ohne Appetit, wiegelt der 37-Jährige mit der Erfahrung eines halben Funtrendextremsportguidelebens ab: „Alles easy“, sagt der Angestellte vom Alpenresort Schwarz, das sich im Dörfchen Mieming einen hauseigenen Lehrer der Boomdisziplin Canyoning leistet. Wenig Wasser. Strudel normal. Abfahrt zur Klamm. Auf 1800 Metern Höhe ist es in aller Herrgottsfrühe zwar frisch und die Sonne erreicht – zusätzlich blockiert von tief liegenden Wolken – kaum die oberen Lagen der Schlucht. Dennoch kommt bereits Bus auf Bus, als wir den Tauchanzug mit seinen dicken Gummisocken über ganz gewöhnliche Turnschuhe für den sicheren Halt auf glitschigem Stein gezogen haben.

Der liegt indes 25 Meter tiefer, am Fuße einer Brücke. „Abseilen?“, fragt Robert und antwortet selber: „Zum Warmwerden!“ Dass der Schritt ins Leere Überwindung kostet, zeigen spitze Schreie einer zwölfköpfigen Gruppe aus dem Ruhrpott über uns, aber es stimmt schon: An bombensicheren Tauen abgelassen zu werden, schafft gleich mal Vertrauen in den Guide, sein Material, sich selbst. Das Vertrauen in den Auebach kommt dann später. Am ersten Sprung. An einer kleinen Felsrutsche. An der Vertikale, 20 Meter Abseilen. Am zweiten Sprung, zwei Meter tiefer, in ein halb so breites Becken, die Nase abermals voll Wasser, der Körper voll Adrenalin. Und dann das dicke Ende, eine Rutsche, hier 16 Meter lang. Die Arme vor der Brust verschränkt, warte ich aufs Kommando. „Schon brutal“, sagt Robert noch und verharrt auf dem „a“. Oh, Panik, brodelt es in mir, als mich das steile Gefälle bis zum Kontrollverlust durchrüttelt. Und wieder dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit.

Als Robert auf der Rückfahrt zum Hotel namens Alpenresort Schwarz im Tiroler Mieming, dessen fünf Sterne die Anstellung eines eigenen Canyoning-Lehrers erlauben, fröhlich erzählt, er selbst springe bis zu 22 Meter tief, auch ohne exakt zu wissen, was ihn unten erwarte, verliert das Gefühl etwas von seiner Wucht. Irrsinn war es dennoch. Und zwar nicht bloß wegen des Thrills, darum geht es nicht beim Canyoning, nicht nur. Es geht darum, die Natur zu verinnerlichen, Teil der Elemente zu sein, ihre Gewalt nicht nur zu betrachten, sondern ertasten, erspüren, durchschreiten, am Ende also um eine bezaubernde Wanderung im Flussbett mit Extremsporteinlagen. „Die gleiche Route noch mal?“ Fragt Robert fröhlich, und jetzt gebe ich die Antwort: Nein danke, nächstes Mal. Man muss es ja nicht übertreiben.

Info Canyoning/Unterkunft

Allgemein

Tirol

Alpenresort Schwarz

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