1000 Folgen Tatort: Rückblick & Ausblick

ard-tatortTeufels Werk und Tatorts Beitrag

Wenn die Kommissare Borowski und Lindholm an diesem Sonntag im November den 1000. Tatort betreten, ist das nicht nur ein guter Grund, zu feiern, sondern auch zurückzublicken auf 46 Jahre, in denen die erfolgreichste Reihe des hiesigen Fernsehens das Land ringsum nicht nur analysiert, porträtiert, katalogisiert hat, sondern auch ein bisschen verändert.

Von Jan Freitag

Die Polizei hat‘s schwer. Unterbezahlt und mies beleumundet, ringen die einst geachteten, gar Staatsdiener vergebens um Respekt. Besser entlohnt und legerer gekleidet, ist nur der Ruf des Mordermittlers einigermaßen intakt. Das aber liegt weniger an ihrer Aufklärungsquote nah 100 Prozent, sondern daran, dass sie im Fernsehen noch übertroffen wird. Im Tatort etwa tendiert die Chance, sonntags um 21.45 Uhr als Kapitalverbrecher anders als verhaftet oder tot zu sein, gegen Null. Das war beim 1. Fall am 29. November 1970, als Kommissar Trimmel im Taxi nach Leipzig fuhr, wie beim 1000., der zwei seiner Nachfolger mit dem gleichen Gefährt gen Osten kutschiert.

Sie heißen Lindholm und Borowski, lernen sich auf einer Fortbildung kennen, steigen zu einem traumatisierten Afghanistan-Veteranen ins Taxi und befinden sich flugs auf einer Odyssee nach Leipzig. So zeigt sich beim Jubiläum mit Kriegsthema wie beim Debüt mit Ost-West-Problematik, dass Deutschlands wichtigste TV-Marke mehr aneinanderreiht als bloß Krimis. In 46 Jahren hat sie sich zur Enzyklopädie bundesrepublikanischer Befindlichkeiten gemausert. Und weil Politik seit jeher gleichberechtigt neben Unterhaltung firmiert, liest der Literaturwissenschaftler Jochen Vogt darin den „wahren deutschen Gesellschaftsroman“.

Mitgeschrieben haben ihn Regisseure wie Wolfgang Petersen, Margarethe von Trotta oder Dominik Graf. Nach Büchern von Martin Walser über Friedrich Ani bis 33 Mal Ernst Huby haben sie ein Langzeitprojekt kreiert, das der Tatort gar nicht sein wollte. Seine Geburt hatte mehr mit Bürokratie zu tun als dem Ziel, Geschichte zu schreiben. Zwei Jahre zuvor – Heintje führte die Hitparade an und Richard Nixon Amerika – hatte „Der Kommissar“ im ZDF als erster Serienbulle ein Privatleben, das anders als üblich auch fern des Studios gedreht wurde. Die Resonanz war so gut, dass der Hamburger Kriegswitwer Trimmel elf Folgen zwischen Wohnung, Dezernat und Kneipe auf Täterjagd ging.

Doch so menschlich zeigte sich bald nicht nur der NDR-Kauz, sondern ein Kollegium in Stuttgart, Mannheim und Köln, München, Berlin, gar Wien. So sollte die ARD dem Staatsvertrag gerecht werden, also vom Organisationsapparat zum Organismus. Denn 1970 war das Land gespalten. Pillenknick, Auschwitz-Prozesse, RAF-Terror, ein Alt-Nazi im Kanzleramt, das Erlahmen des Wirtschaftswunders: die Verwerfungen der 60er hatten das saturierte Nachkriegsland von der Gegenwart entfremdet. Doch auf die Angst vor Werteverfall und Modernisierung fand das Leitmedium nur die Antwort, in Form vom berühmten Stahlnetz den Ordnungsstaat zu simulieren.

Bis WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte den Straßenfeger zum Tatort machte: Mit realistischen, aber erdachten Plots unregelmäßig, aber wiederkehrender Protagonisten, rechtsstaatlich statt obrigkeitshörig, echte Typen aus den Daseinswelten der Durchschnittszuschauer mit all ihren Spießigkeiten und Ausbruchsversuchen. Es war die Geburt des Buletten-Fans Heinz Haferkamp, dem Hansjörg Felmy ab 1974 schludrige Lässigkeit verlieh; von Melchior Veigl, den Gustl Bayrhammer zwei Jahre zuvor weißwurstig konservativ, aber mit Dackel als Weibsersatz zukunftsweisend spielte; von Horst Schimanski, der dank Götz Georges fragiler Respektlosigkeit die starre Struktur führungsstarker Bürokraten (plus zwei Bürokratinnen) aufbrach; von Paul Stoever, der dem Format jene gewichtige Leichtigkeit verlieh, der man seit Manfred Krugs Tod doppelt nachtrauert.

Lange also vor einem Pathologen mit kleinwüchsiger Assistentin, zwei internetaffinen Quereinsteigern im Dichternest Weimar oder 300 Leichen pro ironiefreier RTL-Reminiszenz von Til „Bang“ Schweiger als Nick „Boom“ Tschiller, hat der „Tatort“ die irritierende Welt vorm Wohnstubenfenster mit der Leichtigkeit des Feierabendeins dahinter versöhnt. Weil das kollektive Entspannungsbedürfnis zum Wochenstart aber zugleich mit der rauen Wirklichkeit kontrastiert wurde, entstand aus Sicht des Soziologen Hendrik Buhl „Politainment par excellence“, dessen Hybris im Vergleich zur Flut heutiger Schmunzelkrimis umso mehr brilliert.

Dass die Quote nach einer Delle zur Jahrhundertwende oft achtstellig ist, hat indes viele Gründe. Stars von Ulrich Tukur über Dagmar Manzel bis Devid Striesow, denen der Ruhm des Evergreens die Angst vorm Sackbahnhof Serienermittler nimmt.  Dazu Produktionsbedingungen auf Kinoniveau nebst Oasen voller Autoren, die der Drehbuchwüste Deutschland Sittengemälde von Innovationskraft und Bewahrungsdynamik schrieben. Nichts aber grundierte den Erfolg nachhaltiger als ein vernachlässigtes Terrain: das Milieu.

Erst im „Tatort“ wurde die Unterschicht vom Subjekt zum Objekt, die aus dem Rotlicht der Kieze ins Neonlicht der Macht wanderte – und damit sind nicht Derricks Grünwalder Villen gemeint, sondern Entscheidungsträger bis tief in Vereine, Verbände, Finanzvorstände, von Parteien, Amtsträgern, Polizei ganz zu schweigen. So, wie sich die Gesellschaft jenseits alter Werte ausdifferenziert und die Grenzen „zwischen gut und böse“, wie es Jo Goebel ausdrückt, „gerecht und ungerecht, privat und beruflich, heldenhaft und feige“ diffundieren, so tut es nach Ansicht des Medienforschers der Tatort.

Die Mehrheitsgesellschaft, das suggerieren 1000 Täterprofile, ist selbst da voll dunkler Ecken, wo scheinbar die Sonne lacht. Jeder kann zum Raubmörder, Serienkiller, Triebtäter, Menschheitsverbrecher werden. Und jeder ist es in 1500 Stunden Sendezeit theoretisch schon geworden. Fast jeder. Denn um das Publikum nicht aller Hoffnung zu berauben, blieben die Ermittler trotz wachsenden Hangs zur Rechtsbeugung dem Guten verpflichtet. Dennoch: So wie die Taten aller Fernsehkrimis auch dank des Tatort im Kontext diverser Lebensumstände bewertet werden, verändert sich auch das Persönlichkeitsprofil der Kommissare.

Und zwar zulasten klarer Grenzen, wie es Medienforscherin Joan Bleicher von der Uni Hamburg ausdrückt. Standen die Ermittler den Verdächtigen bis in die Neunziger „kontrastiv gegenüber“, sind die Hauptfiguren nun „psychologisierter, ausdifferenzierter“. Soziopathen wie Faber, Feenwesen wie Sänger, Macker wie Tschiller, Ghettokids wie Gümer, Seelenwunde wie Odenthal, Freaks wie Stellbrink, Säufer wie Steier – wer heute ermittelt, teilt mit dem Publikum nicht nur den Bildschirm, sondern die Makel. Umso mehr erstaunt die Makellosigkeit der Neuen von Nürnberg.

Statt skurriler Kleidung oder sonstiger Fimmel fiel beim fränkischen Debüt allenfalls die Sprache ringsum aus der Norm. Doch auch seltsam gekünstelt sorgte der Dialekt für Heimatverbundenheit. Irgendwer babbelt, sächselt, schwäbelt, grantelt, nuschelt garantiert, wenn die Spurensicherung an derzeit 22 Tatorten auftaucht. Hannover mag mangelnde Präsenz bei Lindholms Einsätzen beklagen, Wien den fehlenden Schmäh seit Mareks Abgang, das Saarland seine skurrilen Charaktere – meist ist der „Tatort“ ein markenbewusster Hochglanzkatalog regionaler Eigenart, den kein Tourismusbüro finanzieren könnte. Wieso sonst sind zwischen Rhein und Ruhr dauernd Kölns Dom oder alte Zechen im Bild? Weshalb radelt Kommissar Thiel ständig über den Prinzipalmarkt? Und warum nehmen seine Hamburger Kollegen seit jeher vom Fischmarkt nach Blankenese den Umweg via Reeperbahn?

Mit Autos, die noch mehr Kitt zwischen Produkt und Publikum kleben. Sportwagenvermittelte Freiheitsliebe in Ludwigshafen, kleinwageninduzierte Betulichkeit am Bodensee, Thiels Vadder im Taxi oder Inga Lürsens Kleinbürgertraum mit Stern: Am letzten analogen Lagerfeuer der Republik firmieren selbst Fortbewegungs- als Bindemittel und liefern ein weiteres Stück Corporate Identity wie sonst nur die Lindenstraße – die sich allerdings mit einem Bruchteil der Zuschauer begnügt, während Prof. Boerne (mit Jaguar) und Nick Tschiller (mit Sixpack) den Quotenrekord im Wechsel über 13 Millionen geschraubt haben.

Befeuert von PR auf allen Ebenen. Es gibt Fachtage, Dissertationen, Fanclubs, Public Viewing, Radioeditionen, Zeitungsrubriken samt Second Screen, der jede Ausstrahlung mit Abertausenden von Tweets in Echtzeit begleitet. Dass die vorwiegend kritisch sind, ändert nichts am Sog. Bevor Tukurs Bühnenepos Im Schmerz geboren alle wichtigen Preise gewann, hat es online Prügel bezogen. Selbst seltener Defätismus wie Schweigers Suada gegen die Titelmelodie kratzen nicht am Markenkern. Was stört es die Eiche… Zu stramm steht sie im Gegenwind der digitalen Gegenwart, sturmfest und flexibel. Bei all den Gewissheiten vom Einstieg mit Plastikbecher am Fundort bis hin zum Ausstieg mit Täter (außer beim Münchner Einsatz vor zwei Wochen), haben die Hauptfiguren Migrationshintergründe, Körperbehinderungen, professionellen Humor und überdurchschnittlich oft weibliche Vornamen wie in Freiburg, wo mittlerweile Heike Makatsch im Einsatz ist.

Im strengen Proporzsystem der ARD bleiben damit nur Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern tatortfrei. Doch auch wenn sonntags irgendwann dort ermittelt würde, täten es Kommissare wie du und ich: Mal scheu, mal arrogant, oft kompetent, längst fehlbar, selten hässlich, seltener schön und trotz aller Macken herrlich normal, also eher keine türkischstämmigen Undercovercops wie Cenk Batu, der trotz Splitscreen selbst beim Nachwuchs im Quotentief versank. „Soziale Rollenspieler“ nennt sie der Soziologe Carsten Heinze. Platzhalter des Pöbels, die dessen Freud und Leid, Ängste und Wünsche in sich vereinen. Auch in den nächsten 1000 Folgen.

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