Línt, Konni Kass, Nighthawks, Madness

tt16-lintLínt

Dass Musik wie Landschaften klingen kann, wird zwar seit Smetanas Flusszyklus Die Moldau immer wieder mal konstatiert, ist aber meistens doch eher konstruiert. Natur ist Natur, Sound ist Sound, dazwischen gibt es persönliche Assoziationsketten, die im Kopf des Hörers wachsen und nirgends sonst. Allenfalls skandinavischer Pop jedoch zuweilen eine Art naturalistischen Zugang zum Pop, besonders in Island, aber auch ein bisschen in Norwegen. Ein gutes Beispiel dafür ist die junge Postrock-Band Línt. Nach eigener Aussage beeinflusst von Mogwai oder Sigur Rós, fährt das Sextett auf seinem Debütalbum Then They Came For Us fraglos ein wenig über Land und besingt es unterschwellig.

Denn es scheint wirklich so zu sein, dass die schwirrenden Gitarren immer mal wieder auf- und abwallen wie ein kleiner Bach, der zum Strom an- und wieder abschwillt. Der hauchzarte Gesang darüber klingt wie aus großer Ferne ins weite Tal gesungen. Und zwischendurch schlagen Keyboards und elektronische Spielereien luftige Kapriolen, als liefen sie fröhlich über bunte Wiesen. Sicher, das klingt jetzt alles ein wenig drüber, als sei all dies auf Munterdrogen verfasst. Aber Línt schaffen tatsächlich einen absolut geschmeidigen Spagat zwischen aufgeheiztem Geschredder und tiefenentspannter Mystik nordischer Gefilde. Da darf man schon mal bisschen schwelgen…

Línt – They Came For Us (Popup Records)

tt16-kassKonni Kass

Ebenfalls skandinavisch, aber alles andere als schwelgerisch, geschweige denn irgendwie mystisch klingt hingegen das Debütalbum einer Band von den Faröer Inseln, die abgesehen von Fisch allenfalls mal kleinere Sensationen gegen kontinentaleuropäische Fußballnationen exportieren. Es heißt leicht kryptisch Haphe, was noch erratischer wirkt, da Konni Kass auf Englisch singen und zwar vornehmlich über Liebe und Artverwandtes. Die Stimme der namensgebenden Konni erinnert dabei – Achtung, Klischee! – zwar ab und zu an Björk, die nicht allzu fern von der Inselgruppe entfernt ihre Weltkarriere begann. Die Parallel verklingt aber auch schnell wieder, wenn Konni Kass tun, was sie weit mehr kennzeichnet als nordatlantische Verschrobenheit.

Besonders die ortsüblich wirklich sehr, sehr blonde Sängerin nämlich unterfüttert den elektronischen Folk ihrer drei Mitmusiker aus dem malerischen Dörfchen Tórshavn konsequent mit viel Jazz im Organ. Gepaart mit einer elegischen Orgel und fabelhaften Synthie-Twists bis hin zum stilisierten Saxofon-Solo, erinnert Haphe demnach bald eher an Joan As Police Woman als an irgendwas Landestypisches, von dem die meisten von uns ohnehin keine Ahnung haben. Man könnte diesen eklektizistischen Pop daher auch prima ohne Vocals hören – er wäre trotzdem gehaltvoll und schön. Besser aber ist es, sich voll und ganz auf die Stimme einzulassen; sie ist die Seele das Ganzen, eine überaus sprühende.

Konni Kass – Haphe (Tutl/Cargo)

tt16-nighthawksNighthawks

Dennoch ist Gesang gerade in allem, was sich dem Jazz annähert, oft eine heikle Angelegenheit. Weil Klavier, Drums, Blech und Bass darin gewissermaßen das Reden übernehmen, senkt ihn jede Verwendung menschlicher Stimmen rasch aufs Niveau loungigen Pianobargeklimpers. Umso eindrücklicher wirkt es dann, wenn ein einzelnes Instrument so beredt ist, so mitteilsam, fast gesprächig, dass der Sound auch ohne Lyrics zu uns spricht. Bei den Nighthawks zum Beispiel ist es eine Trompete, durch die sich das deutsche NuJazz-Ensemble im Wechsel mit dem Flügelhorn seit 1997 gern mitteilt.

https://soundcloud.com/herzog_records/sets/pre-listening-707-from-nighthawks-new-album

Die Virtuosität des Trompeters Reiner Winterschladen treibt die raumgreifenden Arrangements vom zweiten Gründungsmitglied Dal Martino auch auf dem achten Studioalbum zu einer virtuosen Vielschichtigkeit, die den Anhängern der reinen Lehre schmeichelt, sich aber auch ein Stück weit davon emanzipiert. Im Kern ist und bleibt 707 also Jazz. Drumherum allerdings eröffnet das Sextett mit digitalem Programming, zuweilen peitschender E-Gitarre und flächigen Sixties-Keyboards ein Panoptikum, das selbst im Club funktioniert. Und gesungen wird auch. Ausnahmsweise. Aber ohne tieferen Sinn.

Nighthawks – 707 (Herzog Records)

Hype der Woche

tt16-madnessMadness

Hoch droben auf dem Olymp aktiver Musiklegenden, schräg links unter den Stones oder Bob Dylan, doch auf einer Stufe mit Gleichaltrigen von AC/DC bis U2, sitzt eine Band namens Madness, die exakt so unantastbar ist wie der Titel ihres 13. Studio-Albums klingt. Fast vier Jahrzehnte nach dem Debüt One Step Beyond, dürfte Can’t Touch Us Now (Universal)allerdings nicht als Durchhalteparole gemeint sein. Es ist die reine Tatsachenbeschreibung. Daheim in England genießen Madness Volksheldenstatus, der fast jede Neuveröffentlichung verlässlich Richtung Top-10 spült. Und so wird es auch mit dieser sein. Die hohe Kunst, Off- nach Onbeat klingen zu lassen, also Ska wie Pop und umgekehrt, hat schließlich wenig von ihrer Frische der 70er verloren. Wie damals untergräbt Graham McPhersons Sprechgesang die hedonistische Aura des jamaikanischen Imports mit melancholischer Eleganz; wie damals verstärkt der unermüdliche Einsatz tiefer Saxofone das theatralische Aroma; wie damals lockern Spaß-Elemente wie Mumbo Jumbo die getragene Stimmung aber immer wieder spielerisch auf. So schnell wird kein neuer Platz frei im Olymp. Madness werden sich nicht mehr ändern, sie haben aber noch einiges vor.

http://www.vevo.com/watch/GB2DY1600237?isrc=GB2DY1600237

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