Falsche Olympiaden & gefakte Dokus

TVDie Gebrauchtwoche

28. November – 4. Dezember

Nun ist es also amtlich: Katharina Blums Einsätze am Bodensee, vom Gros der Fans konsequent, aber fälschlich „Tatort“ genannt, der ja eigentlich ansehnliche Kriminalunterhaltung bezeichnet, sind seit vorigen Sonntag endlich Geschichte. Und dann noch das: die Olympischen Spiele, vom Gros der Medien konsequent, aber falsch „Olympiade“ genannt, die ja nur den vierjährigen Zeitraum zwischen zwei Spielen bezeichnet, werden bis 2024 ausschließlich von Sendern der Discovery-Gruppe gezeigt, hierzulande also neben Pay-TV vor allem: Eurosport.

Das ist in der Tat jene Zäsur, die ARD und ZDF nun angemessen lautstark beklagen, ohne in Tränen auszubrechen. Mehr als 150 Millionen Euro für ein paar Häppchen – und das ohne Digitallizenzen – waren beiden dann doch zu viel. Was zwei Folgerungen nahelegt: Fernsehsport ist für die Platzhirsche vor allem Fußball, der ihnen jeden noch so hohen (Gebühren-)Betrag wert ist. Und die private Konkurrenz? Will gar keine öffentlich-rechtlichen Partner im Boot, um das Publikum langfristig von ihnen zu entwöhnen.

Das hat drei Konsequenzen: Da Discovery rein wirtschaftlich tickt, wird es unwirtschaftliche Sportarten, sagen wir: Gehen, zugunsten lukrativer, sagen wir: Sprinten, in die hinterletzten Programmecken verbannen. Zumal (zweitens) Eurosport mitsamt des Mackerkanal DMAX alles andere als objektive Chronisten des Olympischen Events sind, sondern Teile desselben, die sich produktschädigende Berichte über Themen wie Doping oder Korruption tunlichst verkneifen werden. Was zum dritten Punkt führt: ARZDF können ihr hyperpatriotisches Jubelpersertum endlich durch distanzierte Analysen ersetzen und dem Staatsauftrag damit gerecht werden.

Schöne alte Medienwelt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

5. -11. Dezember

An die erinnert auch Blacktape. In seiner ZDF-Doku reist Sékou Neblett heute um 0.15 Uhr in die Zeit des öffentlich-rechtlichen Monopols, als Videos noch bei Peter Illmann statt MTV, geschweige denn Youtube liefen. Der Filmemacher sucht den Künstler Ti Gon, der vor rund 40 Jahren als Erster auf Deutsch gerappt haben soll. Begleitend zu Wort kommt auch das Who-Is-Who des hiesigen HipHop: Max Herre, Thomas D., Samy Deluxe, Haftbefehl – solche Kaliber. Gemeinsam jagen sie ihren legendären Vorreiter. Allein – den gibt‘s gar nicht! Nebletts Film ist eine Mockumentary, gibt sich mit Wackelkamera, Interviews und viel Musik also nur den Anschein dokumentarischer Authentizität.

Da Dichtung und Wahrheit Richtung Finale aber zusehends wild ineinander rauschen, wird Blacktape zur grandiosen Geschichtsstunde des hiesigen HipHop. Fiktion kann so wahrhaftig sein! Ein Motto, das wirklich nicht auf jede Erzählung dieser Woche zutrifft. Im Piloten der neuen Krimireihe Wolfsland zum Beispiel schickt die ARD am Donnerstag erneut inländische Ermittler ins Ausland – diesmal die Hamburger Kommissarin Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) nach Görlitz, wo natürlich bizarr gemordet wird. Tags drauf deliriert sich Arte zur besten Sendezeit ein weiteres Frauenschicksal des Fin de siècle schön: Die Glasbläserin erfindet historisch verbürgt die Christbaumkugel, agiert dabei aber eher ahistorisch erträumt wie ein weibliches Rolemodel von heute.

Dann doch lieber dystopischer Realismus aus Spanien, wo sich der junge Drogenkurier Farid in Cannabis an gleicher Stelle ab Donnerstag um 21.45 Uhr mit seinem Boss anlegt – und dabei in zwei Dreifachfolgen die Abgründe des Gangstermilieus erlebt. Den Mythen der Realität spürt ab Freitag Netflix nach, wenn die Macher der Myhthbusters drei äußerst telegene TV-Wissenschaftler beauftragen, den Wahrheitsgehalt so genannter White Rabbits zu erkunden – Ereignissen und Erfindungen, die oft zu verrückt sind, um wahr zu sein. Verrückt genug um unwahr zu sein ist offensichtlich Dirk Gentlys Holistische Detektei, in der Samuel Barnett ab Sonntag ebenfalls auf Netflix als verschrobener, aber brillanter Amateurdetektiv mit seinem Assistenten (Elijah Wood) acht schräge Fälle löst. Für den nötigen Aberwitz sorgt da schon der Vorlagengeber: Douglas Adams.

Realen Irrsinn zeigt die Wiederholung der Woche in Farbe: Neue Vahr Süd (Montag, 23.15 Uhr, NDR), Hermine Huntgeburths großartiges Prequel von Sven Regeners Lehmann-Trilogie mit Frederick Lau als Bundeswehrrekrut im Kalten Krieg. Ebenfalls und immer wieder empfehlenswert: Apocalypse Now Redux, der Director’s Cut von Coppolas Vietnam-Klassiker (Mittwoch, 0.00 Uhr, HR). Schon wegen des Alters von fast 100 Jahren ein schwarzweißes Erlebnis besonderer Art: Der rote Halbmond (Montag, 23.50 Uhr, Arte) von 1919, Frühwerk des ungarischen Filmpioniers Alexander Korda um die Auseinandersetzungen seiner Heimat mit dem Osmanischen Reich. Ab heute neu: die Tatort-Wiederholung, zum Auftakt von 1996 Schattenwelt (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) mit Bruno Ganz frühen Leitmayr/Batic-Fall um einen toten Obdachlosen. Mit auch schon 50 Jahren noch älter ist das legendäre Album Pet Sounds der Beach Boys, dem Arte am Freitag (21.45 Uhr) ein Plattenporträt widmet.

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