Mittekill, Maria Taylor, Nothing But Thieves

mittekill-die-montierte-gesellschaftMittekill

Das derzeit interessanteste Durcheinander deutscher Herkunft stammt mal wieder von Mittekill. Auch auf seinem vierten Album kompiliert Friedrich Greiling – mittlerweile solo – 13 Stücke, die stilistisch scheinbar wenig mehr miteinander zu tun haben als den verspielten Aberwitz eines Soundbastlers aus Berlin, der aus dem schier unerschöpflichen Fundus seiner Rechner verknüpft, was der Kosmos des Synthiepops hergibt. Diesmal allerdings tut er es mit einem Leitthema, das sich bereits im Titel Die montierte Gesellschaft andeutet: Es geht um Flüchtlinge, denen Mittekill aus dem Herzen ihres kindlich verspielten Musikalität das Suffix “Krise” entziehen und durch politischen Dadaismus ersetzen.

In 4000 Kilometer etwa wird Migration mit Männerchor und Tuba zum absurden Theater, das ABC der Integration zwei Stücke weiter zum Technobeat gepaukt, und wenn die Bürokratisierung der (Un-)Willkommenskultur mit übertrieben ausländischem Akzent auf der Agenda steht, paart sich politischer Ernst mit hedonistischer Seriosität, die sogar tanzbar ist. Lacht kaputt, was euch kaputt macht: Mittekill hat selbst an dieser verheerenden Gegenwart im Kollektiv Betroffener Spaß. Freuen wir uns doch mit über dieses fabelhafte Experiment des fröhlichen Falismus!

Mittekill – Die montierte Gesellschaft (WELTGAST music)

tt-16-taylorMaria Taylor

Nicht ganz so experimentell, nein – überhaupt gar nicht experimentell, sondern mit Verlaub eher konventionell klingt hingegen jemand, deren Name allein schon so gewöhnlich wirkt wie hierzulande Thomas Müller. Dennoch ist es wichtig, ja unerlässlich, an dieser Stelle mal ausdrücklich all jene auf Maria Taylor aufmerksam zu machen, die sie nicht ohnehin bereits kennen, was trotz 25 ihrer 40 Jahren auf Erden im Musikgeschäft mit fünf Solo-Platten seit 2005 und einer ganzen Reihe von Bands durchaus möglich ist. Maria Taylor macht nämlich eine Art Indiefolk, die keinerlei Anspruch auf Exklusivität beansprucht, aber gerade dadurch unglaublich angenehm klingt.

Vom Trump-Land Alabama rechtzeitig nach Kalifornien gezogen, macht die zweifache Mutter nämlich auch auf ihrem sechsten Album unterm eigenen Namen dezent bandbegleitete Americana, mit der sie in keiner Fußgängerzone stören, aber in Windeseile zahllose Konsumenten kurz zum Verweilen einladen würde. Durch die ganze Tiefenentspanntheit einer Frau in den, pardon, besten Jahren bohrt sich In The Next Life mit Taylors gern gedoppelter, stets ausdrucksstarker Stimme nämlich direkt in die Seele. Und wenn es ein bisschen cheezy zu werden droht, nimmt sie etwas Tempo auf und macht aus dem Flower-Power-Pop alternativen Rock mit Anspruch und Ausdruck und Orgel aus dem Hamburger Grand Hotel van Cleef. Schön.

Maria Taylor – In The Next Life (Grand Hotel van Cleef)

Live in London

nothing_but_thieves_credit_sony-2Nothing But Thieves

Es gibt drei Voraussetzungen, die Weltbühne des Pop zu erobern: Man sollte möglichst massentaugliche Musik machen. Man sollte angloamerikanischer Herkunft sein und ganz wichtig: mindestens der Mensch am Mikro sollte maximal makellos sein, Tendenz Rampenschönheit. Bis auf Punkt zwei sind das keine idealen Voraussetzungen für Conor Mason, Sänger und Kopf einer Band, die durch alles Mögliche besticht, nicht aber Massentauglichkeit oder Schönheit an der Weltbühnenkante: Nothing But Thieves. Wie egal so etwas im Mutterland fast aller Sounds von heute sein kann, zeigte sich jedoch am Samstag in der Brxton Academy, einem dieser unzähligen Tempel des Londoner Musikolymps, jugendstilprächtig und voller Geschichte. Als der klitzekleine Connor mit dem zerknautschten Knuddelgesicht das fast hundertjährige Theater betreten hatte, geschah nämlich Seltsames: 5000 Besucher rasteten kollektiv aus, wie sie es schon bei den zwei Vorgruppen, ja selbst der gemeinsam mitgesungenen Pausenmusik vor Aufregung getan hatten.

Textsicher bis in die hinterletzte Reihe des riesigen Ranges, sang es praktisch jeden Track einer Band mit, die hierzulande kaum jemand kennt, in ihrer englischen Heimat aber ganze vier Jahre nach der Gründung längst zum Heißesten zählt, was dem Durchlauferhitzer britischer Gitarrenmusik zurzeit entfährt. Und das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die fünf Mittzwanziger aus Essex einen sehr straighten, oft räudigen, jedenfalls konsequent analogen Rock’n’Rollnothing_but_thieves_credit_sony-1 durch die gewaltige Lichtshow hämmern, der immer wieder vom vielleicht seltsamsten Gesang des Popbiz konterkariert wird. Musikalisch irgendwo zwischen Arctic Monkeys und Arcade Fire, untermalt Connor Mason das Ganze stimmlich im theatralischen Volumen von Freddy Mercury oder Spandau Ballet. Und trotz aller Melodramatik sorgt diese seltsame Mischung in der Brxton Academy mehr noch als auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum für eine Rätselhaftigkeit, die selbst Außenstehende mitreißt. Von den seligen Gästen des rasend schnell ausverkauften Abschlusskonzerts ihrer britischen Tour ganz zu schweigen.

Ein wuchtiger, verträumter, manchmal zu pathetischer, aber durchweg stimmiger Auftritt daheim, wo die Band anschließend allen Ernstes ihre Familien im Backsagebereich zum Feiern begrüßte. „Das ist hier einer der größten Momente meines Lebens“, sagte Connor dort aus seiner sympathischen Knautschzone, größer noch, als voriges Jahr, beim Support der stilistisch artverwandten Muse in Köln vor 15.000 Besuchern. Demnächst dürften sie eigens für Nothing But Thieves kommen.

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