Die Systemmedien & Der heiße Stuhl

TVDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Dezember

Ah ja, die AfD beklagt also mal wieder mangelhafte Berichterstattung der „Systemmedien“ über einen der mehr als 150.000 Sexualverbrechen mit Todesfolge, die Tag für Tag für Tag von Ausländern orientalischer Herkunft an deutschen Blondinen verübt werden, um den schwarzrotgelbgrüngelenkten Genozid am deutschen Volke voranzutreiben. Ungefähr damit begründet die rechtspopulistische Partei nämlich abermals ihre Forderung, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen, was ihr die nicht nur in dem Punkt geistesnahe FAZ flugs mit einem Bericht dankte. Und was macht die ARD? Sie berichtet am Dienstag darauf in den Hauptnachrichten von einem mutmaßlichen Vergewaltiger mit Migrationshintergrund.

Wohlgemerkt: mutmaßlich, also bis zu einem Gerichtsurteil: unschuldig. Angesichts der schieren Zahl dieser Straftat, die vor allem deutsche Männer ihren wie anderen Frauen abertausendfach im Jahr zufügen, müsste die Tagesschau für vollständige Berichterstattung aus AfD-Sicht also zeitlich verzehnfacht werden. Obwohl – nee, die wollen ja nur, dass über vergewaltigende Flüchtlinge berichtet wird, was wiederum kaum Berichte erfordern würde, weil es da einfach nicht so viel zu berichten gäbe; aber davon wollen Rechtspopulisten natürlich nichts hören.

Umso schlimmer, dass die Sache mit Verhältnismäßigkeit und Relevanz in deren Bannstrahl nun auch den Qualitätsmedien zusehends egal zu sein scheint. Man möchte all die Lügenpressekrakeeler per Zeitmaschine fünf Jahre zurückschicken in eine Epoche, da Linke landauf landab klagten, „Systemmedien“ würden ausländische Hintergründe jeder Straftat überbetonen und zugleich rechtsmotivierte Straftaten verschweigen. Es ist so ermüdend…

0-FrischwocheDie Frischwoche

12. – 18. Dezember

Ähnlich wie der Drang des Privatfernsehens, seine Vergangenheit auf Krampf für die Gegenwart zu reanimieren. Neben Glücksrad oder Ruck Zuck und demnächst Tutti Frutti, holt RTL heute Abend Der Heiße Stuhl aus der Grube. Jenes Krawallformat der dualen Aufbruchsphase, das sein Medium vor 28 Jahren – moderiert vom arglos lächelnden Ulrich Meyer – umwälzen half. Nun folgt ihm der netter lächelnde Steffen Hallaschka zwischen die Streithähne, um ein vorheriges Primetime-Thema aufzuarbeiten. Zum Auftakt: Die innere Sicherheit, ein Jahr nach der Kölner Silvesternacht, mit keinem Geringeren als der durchfallbraunen Verbaldreckschleuder Thilo Sarrazin auf dem Drahtgestell.

Das schafft den seltsamen Spagat, gleichermaßen zeitgemäß und anachronistisch zu sein – als Symbol telegener Brutalisierung, die heutzutage harmlos daherkommt, im permanenten Sperrfeuer des digitalen Hasses. Die AfD jedenfalls dürfte es freuen, dass RTL sich nun ihrer Streitkultur annähert. Das fällt umso mehr auf, als parallel dazu einer der dezentesten Gesprächsleiter abtritt: Jürgen Domian. Am Freitag um 0.45 Uhr spricht er nach gut 20 Jahren letztmals mit anonymen Anrufern und beendet damit endgültig jene TV-Ära, in der das gesprochene Wort auch ohne Krawall ringsum bedeutsam sein konnte.

Was hingegen nie niemals ein Ende zu finden scheint, ist die öffentlich-rechtliche Neigung, Frauenschicksale frauenfeindlicher Epochen zu verklären. Am Montag ist mal wieder das ZDF an der Reihe, eine historisch verbürgte Hauptfigur zur emanzipierten Freiheitskämpferin zu stilisieren, die es so nicht gegeben haben dürfte. Die Glasbläserin mag zwar Ende des 19. Jahrhunderts im Thüringischen tatsächlich die Christbaumkugel erfunden haben; der unzeitgemäße Grad an selbstgewisser Emanzipation, mit dem sie es in dieser Schmonzette der grauenhaftesten Art tut, ist allerdings pure Fiktion fürs weibliche Stammpublikum über 65.

Das parallel auf RTL mit ähnlich fiktiver Romantik im Gewand vermeintlicher Authentizität versorgt wird: Inka Bauses Bauer sucht Frau geht ins 12. Staffelfinale. Wenden wir uns also bedeutenderen Dingen zu. Etwa der fundamentalen Frage, die Arte Dienstag ab 20.15 Uhr einen ganzen Themenabend lang stellt: Brauchen Tiere Rechte? Nicht nur der Kulturkanal beantwortet das natürlich mit ja, so wie nicht nur die Wiederholung der Woche namens Die durch die Hölle gehen (Mittwoch, 23.15 Uhr), vermutlich der beste Vietnam-Film überhaupt, 1978 mit Robert de Niro und Christopher Walken in den Hauptrollen die Frage, ob wir Kriege brauchen, verneint hat.

In Schwarzweiß ist eine Stunde früher beim RBB der ewig sehenswerte Krimiklassiker Es geschah am helllichten Tag von 1958 mit drei L empfehlenswert – auch, um sich nochmals daran zu erinnern, was Heinz Rühmann abseits seiner schauspielerischen Qualität zur Nazizeit für ein rückgratloser Opportunist war. Und der Retorten-Tatort entführt uns nach Weimar, wo Christian Ulmen und Nora Tschirner am Dienstag (22 Uhr, NDR) nochmals ihr Debüt Die Fette Hoppe nachfeiern.

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