Netflix: Dirk Gently’s Holistische Detektei

download-3Die Komplexität des Verbrechens

Wenn selbst Krimi zum absurden Theater wird, stammt es schnell mal von Douglas Adams, aber eher selten aus Deutschland: Die Netflix-Serie Dirk Gently‘s Holistische Detektei beweist seit Sonntag, wie grandios Fernsehen sein kann, das bedingungslos steilgeht…

Von Jan Freitag

Die wirre Welt in der wir leben, neurechte Vereinfacher von Trump bis Pegida mögen es gern noch so laut brüllend bestreiten, ist höchst komplex. Fast alles darin ist mit fast allem derart dichtmaschig verwoben, dass einfache Problemlösungen die zu lösenden Probleme oft nur noch weiter verschlimmern. Da muss gar kein chaostheoretischer Schmetterlingseffekt oder ähnlich vielschichtige Deutungsmuster diffiziler Phänomene bemüht werden; es reicht bereits, einer skurrilen Frohnatur wie Dirk Gently zuzuhören. Als der freiberufliche Detektiv bei einem chronischen Loser namens Todd einbricht und ihm erklären soll, was er denn bitte sehr auf dessen Fensterbrett zu suchen habe, gibt er nämlich „etwas sehr Wichtiges“ zur Antwort und fügt lachend hinzu: „Nichts!“

Also alles.

In einer Netflix-Serie, die mit herkömmlich zubereiteter Krimikost aus deutschen Landen weniger zu tun hat als der Streamingdienst mit 3sat, hängt schließlich jede, wirklich jede scheinbar belanglose Nebensächlichkeit mit dem Rest dieser aberwitzigsten Ermittlungsstory zusammen. Dirk Gently, viel mehr erfährt man zunächst nicht über die herrlich durchgeknallte Titelfigur, ist ein Privatschnüffler mit der Gabe, Beziehungsketten zu erkennen, wo andere nur Einzelfälle sehen. Alles hänge mit allem zusammen, so lautet sein Mantra, weshalb die Serie folgerichtig Dirk Gentlys holistische Detektei heißt. Und genau darum sitzt ihr Chef und bislang einziger Mitarbeiter nun auch auf dem Fensterbrett von Todd, der kurz zuvor seinen Job als schlecht bezahlter Lobby-Boy eines Grandhotels verloren hat, in dem zum Auftakt ein gut sichtbares Massaker stattgefunden hat. Mit tiefenentspannter Selbstverständlichkeit verkündet ihm der Detektiv, er sei fortan sein Assistent in einem Kriminalfall, der – leider, leider – zu komplex sei, um ihn jetzt grad näher zu erläutern.

Was folgt, ist eine Feuerwerk bizarrer Gewalttaten, deren Subjekte ebenso wie die Objekte reichlich miteinander zu tun haben, was schon in Folge 1 des Achtteilers zu erahnen ist und Richtung Staffelfinale immer deutlicher Gestalt annimmt. Katzenbabys sind da in direkter Linie mit Hooligans verbunden, Rassehunde mit Kidnappern, das FBI mit Todds Lottogewinn und alle gemeinsam mit Dirk Gently samt seinem Helfer in spe. Ein cineastisch sprühendes Potpourri, das sich so wohl nur jemand wie Douglas Adams ausdenken kann.

Nach dem Roman des kalifornischen Erfinders von Per Anhalter durch die Galaxis hat sein kalifornischer Landsmann, der Showrunner Max Landis, dieses außergewöhnliche Stück Bildschirmunterhaltung umgeschrieben und fernsehgerecht zurechtgemacht. Ein „Geister-Horror-Wer-ist-der-Täter-Zeitmaschinen-Romanzen-Komödien-Musical-Epos“, wie es der viel zu früh verstorbene Vorlagenautor vor Fertigstellung des dritten Teils umschrieb. Dass die verfilmte Version da spielend mithält, hat gleich mehrere Gründe. Allen voran Samuel Barnett, der seiner Titelfigur im amerikanischen Seattle mit britischem Akzent und kanariengelber Lederjacke eine Verschrobenheit von hinreißender Tiefe verleiht. Glänzend assistiert von Elijah Wood, dessen dauerpanisches Hobbit-Gesicht ideal zur konstanten Überforderung seines Todd passt.

Wie all die anderen Freaks und Bullen, Täter und Opfer, Schwergewichte und Accessoires ringsum, treiben sie die Fähigkeit angloamerikanischer Komödianten, angemessen statt selbstreferenziell zu grimassieren, dabei leichter Hand gen Perfektion. In seiner raumgreifenden Absurdität mag das Ganze die Grenzen von Logik und Verstand dabei zwar ein ums andere Mal frontal attackieren; vollständig überschritten wird sie allerdings fast nie; zu sorgfältig fließt letztlich jeder Handlungsstrang in den nächsten, zu liebevoll sind die unterschiedlichsten Charaktere gezeichnet, zu dezent grundiert ein brillanter Soundtrack jeden Anflug ziellosen Irrsinns.

Das ist trotz all der bluttriefenden Brutalität unzähliger liebevoll inszenierter Tötungsdelikte oft so brüllend komisch, als zöge hier Quentin Tarantino mit den Simpsons ins Grand Budapest Hotel ein, um dort Twin Peaks nachzudrehen. Das zieht unweigerlich die Frage nach sich: Warum ist so großes, lustiges, aber selten albernes Fernsehen aus deutscher Produktion eigentlich schlicht undenkbar? Wie gesagt – die Welt ist viel zu komplex für einfache Antworten…

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