Interview Classics: Yvonne Catterfeld

goerlitz-wird-krimistadt-19122014-100-_v-standard644_cf1289Jetzt ist Schluss mit hübsch sein!

Vom Soap-Sternchen über den Popstar zur respektablen Größe des deutschen Fernsehmelodrams weiter ins Casting-Fach: Yvonne Catterfeld (Foto: Jens Trenkler/MDR) kennt viele Facetten des Showgeschäfts. Heute Abend spielt sie zum zweiten Mal die ARD-Kommissarin in Wolfsland. Ihre erste Polizistin im Sat1-Film Schatten der Gerechtigkeit ist jedoch bereits sechs Jahre her. Ein überraschend aussagekräftiges Interview mit der damals 29-Jährigen über gute und schlechte Zeiten ihrer Karriere, den Boulevard und wie es war, erstmals nicht hübsch sein zu müssen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Catterfeld, gibt es bedeutende und weniger bedeutende Rollen im Leben einer Schauspielerin?

Yvonne Catterfeld: Selbstverständlich. Aber weniger bedeutend  darf nicht die Leistung beeinflussen, warum gibt es sonst die Auszeichnung für „beste Nebenrolle“. Man muss versuchen, jedem Moment im Film eine Bedeutung zu geben. Diese Einstellung führt meines Erachtens  dazu, dass man beim  Publikum eine Bedeutung erwirbt, auch wenn die eine oder andere Rolle weniger bedeutend war.

Merkt man schon am Drehbuch, beim Spielen, welche Rolle haltbar sein könnte?

Alles fängt mit der Lust auf die Rolle an und ich überlege nicht in dem frühen Stadium, wenn ich das Drehbuch lese, ob ich mit dem Film langfristig in Erinnerung bleibe. Darüber entscheidet sowieso das Publikum. Je besser ich bin umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich helfe, etwas Haltbares zu schaffen. Aber ich glaube, bislang noch keine Rolle angenommen zu haben, weil ich das Geld brauchte.

Was an Ihrem Haupterwerb als Sängerin liegt.

Auch, sicher. Und ich glaube gerade jetzt, in der Krise, sagen viele Schauspieler öfter mal ja, wo sie vorher nein gesagt hätten. Abzulehnen muss man sich auch schließlich leisten können, obwohl viele Schauspieler in dem Beruf auch so was wie Berufung fühlen und hart bleiben. Ich habe mich bislang zu jeder Rolle bewusst entschieden, auch wenn man hinterher schon mal sagt, das war eher Teil eines Entwicklungsprozesses und nicht so bedeutend.

Da denkt man spontan an Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Aber nicht, wenn man genauer nachdenkt. Zum einen wäre ich durch GZSZ nie zur Schauspielerei gekommen, sonst hätte ich ja das studiert und nicht Musik. Zum anderen habe ich da unheimlich viel gelernt, dieses unablässige Drehen, dreieinhalb Jahre jeden Tag vor der Kamera, hochkonzentriertes Arbeiten mit wenigen Möglichkeiten zur Wiederholung. Klar – heute kann ich mir die Folgen von damals nicht mehr ansehen; das ist Vergangenheit. Und in der Schauspielschule lernt man sicher mehr als in so einer Rolle, die bei der Intensität ohnehin irgendwann mit einem selbst verschmilzt. Das Gute war aber, dass ich damals sehr intuitiv zu spielen gelernt habe.

Reduziert man Sie eher auf die Schauspielerin, die eigentlich singt, oder auf die, die gar nicht ordentlich ausgebildet ist?

Das verändert sich durch meine Arbeit. Jetzt kommen drei höchst unterschiedliche Filme, die die öffentliche Wahrnehmung sicherlich beeinflussen. Wenn die Leute merken, meine Musik berührt und meine Schauspielerei tut es auch, dann werden solche Überlegungen überflüssig.  Deutschland hatte eine große Tradition mit Künstlerinnen, die beide Fächer beherrscht haben.  In den USA dagegen gehört die Kombination immer noch zum Pflichtprogramm, was man an den erstaunlichen Gesangseinlagen in Mamma Mia gesehen hat oder Moulin Rouge. Für mich gehört beides selbstverständlich zusammen.  Aber keine Frage – mein Weg als Sängerin und Schauspielerin bietet mehr Angriffsflächen. Manche denken, die sollte doch nur singen und manche die sollte nur noch Filme drehen. Ich bereue den Weg dennoch nicht.

Hat Ihre Rolle in Schatten der Gerechtigkeit so gesehen die Bedeutung, sich sowohl von der Sängerin als auch der Soap-Darstellerin freizuschwimmen?

Absolut. Die Rolle war für mich wie ein Geschenk, auf so etwas habe ich hingearbeitet. Dass sie mir dann angeboten wurde, beweist auch, dass Leute Vertrauen in meine Fähigkeiten haben oder glauben, dass ich noch mehr kann.

Hat der Trubel um Romy Schneider dabei geholfen, die sie ursprünglich spielen sollten?

Vielleicht, aber hinter Entscheidungen stehen immer Leute, die Verantwortung tragen und für die ist Rummel weniger wichtig als das Vertrauen, dass man den Job gut oder sehr gut machen wird. Im Nachhinein hätte ich mir trotzdem gewünscht, dass man den Romy-Film an eine kleinere Glocke gehängt hätte, weil die Aufmerksamkeit um meine Person im Moment meiner Absage natürlich genauso groß war, wie bei der Bekanntgabe, dass ich die Rolle spielen werde.

Herrscht jetzt, nachdem der Rummel abgeebbt ist, Enttäuschung darüber, dass es nichts geworden ist mit der Romy?

Dafür schließe ich zu schnell und zu konsequent mit der Vergangenheit ab, wenn ich sehe, dass ich nichts mehr ändern kann.

Dann können Sie sich also Jessica Schwarz als Romy in der ARD ganz vorbehaltlos ansehen.

Warum nicht, ich hab gehört, dass er gut geworden ist. Natürlich gucke ich ihn mir an.

Frau Schwarz sieht Romy jedenfalls nicht halb so ähnlich wie Sie. Glauben Sie, das war ausschlaggebender für Ihre anfängliche Besetzung als ihr schauspielerisches Können?

Aber ganz bestimmt nicht. Ich war nur eine von vielen Schauspielerinnen, die in Rom, Paris, Berlin und Hamburg gecastet worden sind. So eine bedeutsame Rolle bietet man doch niemandem an, nur weil die Optik stimmt. Nein, nein – ich habe Castings gemacht und dabei offenbar überzeugt, wobei Romys zweiter Mann Daniel Biasini und der französische Produzent…

Raymond Danon

… der den letzten Film mit Romy gemacht hatte, sogar ausdrücklich meinten, die Ähnlichkeit sei eher hinderlich, weil man keine Kopie von etwas schaffen wolle, was einmalig ist. Das Risiko bloßer optischer Übereinstimmung wäre man da sicher nicht eingegangen.

Spielt ihr Aussehen ansonsten eine Hauptrolle Ihrer Besetzungsgeschichten oder durften Sie schon mal richtig hässlich sein?

Na ja, Hans-Günther Bücking, der Regisseur von Schatten der Gerechtigkeit, meinte gleich zu Beginn: so, jetzt ist Schluss mit Hübschsein! Er wollte mich also das erste Mal anders als gut aussehend besetzen.

Kann Schönheit eine Bürde sein auf der Suche nach ernstzunehmenden Rollen?

(überlegt lange) Dann gab es für Schönheiten wie Ingrid Bergmann, Katherine Hepburn, Liz Taylor, Catherine Deneuve offenbar keine Bürden. Sie haben alle ernstzunehmende Rollen gespielt, die zu Klassikern geworden sind. Heutzutage ist das mit Angelina Jolie und Penelope Cruz doch nicht anders. Wenn hinter der Schönheit kein Ausdruck steht und so ins klischeehafte mündet, stört es mich wirklich.

Wenn etwa kommerzielle Thriller mit 21-jährigen Quantenphysikerinnen vom Laufsteg erzählt werden.

Mein Regisseur dachte zunächst, dass ich permanent drauf achte, wie mein Haar und Make-up sitzen, und glaubte nun, mir das erstmal austreiben zu müssen.

Musste er?

Nein. Auch ich bin natürlich eitel, aber für mich hat das überhaupt keine Relevanz und Frauen, die morgens frisch geschminkt aus dem Bett steigen, haben ja nichts mit der Realität zu tun. Solange es jedoch nichts mit dem Kern der Rolle zu tun hat wie Charlize Theron in „Monster“, muss man sich auch nicht zwanghaft Makel überstülpen.

Übergestülpt an ihrer Polizistin wirkt allerdings, dass sie nicht nur bildschön, sondern auch kompetent, tough, klug, loyal, gerecht und edel ist. Ein Bulle wie im Märchen.

(lacht) Die Frage habe ich mir auch gestellt, aber wenn jemand so extrem gerecht ist wie sie, muss es eine Geschichte dahinter geben.

Die im Film nur nicht erzählt wird.

Ja, schade, stand halt nicht im Buch. Aber als ich mir diese Gedanken gemacht habe, wie sie sich auch jeder Zuschauer machen kann, dachte ich: da kann sich halt jeder seinen Reim draus machen. Jeder hat ja seine dunkle Seite.

Wie Richy Müller als Ihr Kollege, der zur Ergreifung des Täters gern illegale Methoden benutzt.

Da fragt sich aber auch, ob das System dahinter gerecht ist. Wenn man trotz ausreichender Indizien ewig auf Durchsuchungsbefehle warten muss, wenn das Leben eines Menschen in Gefahr ist, wenn Bürokratie der Gerechtigkeit im Weg steht. Man muss sicher das Maß wahren, aber an der Leine, sagt man, fängt der Hund keinen Hasen.

Warum müssen Sie eigentlich ausgerechnet einen Kinderschänder fangen, den es in der Realität weit seltener gibt als im Film?

Also wenn ich die Zeitung aufschlage, finde ich ständig Geschichten von kleinen verschwundenen Mädchen.

Weil auch die Medien daran Schuld sind, dass die Realität so verschoben wird.

Da habe ich mich also täuschen lassen, weil die Medien offenbar vieles präsenter machen, als tatsächlich stattfindet. Die Realität ist ja auch künstlich hergestellt. Als zum Beispiel gestern in der Zeitung stand, dass Oliver Pocher ohne Sandy zur Fernsehpreis-Verleihung kommt, musste ich lachen, weil das so irrelevant ist, aber zur Meldung seriöser Tageszeitungen wird.

Wie ihr eigenes Privatleben auch.

Kein Sorge, eigentlich erfährt man gar nichts über mich. Die Boulevardpresse muss da sehr improvisieren. Auch wenn alle glauben, sich ein Bild von mir machen zu können. Andererseits versuchen nicht wenige meiner Kollegen, das auf Teufel komm heraus mitzugestalten.

Sie nicht?

Bloß nicht!

Trotzdem eine private Frage: Hatten Sie schon mal einen jüngeren Freund?

Mit 17, da hatte ich mal was mit einem 15-Jährigen. Warum fragen Sie?

In Schatten der Gerechtigkeit haben Sie Affären mit zwei viel älteren Männern. Warum darf das hier Episode sein, während der umgekehrte Fall einer älteren Frau stets zum Thema des Films wird?

Das Denken ist da noch relativ konservativ. Aber ich hätte mir als 20-Jährige nicht vorstellen können, mit einem zehn Jahre älteren Mann zusammen zu sein. Heute erscheint mir das zunehmend belanglos. Der Abstand relativiert sich.

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