Quotenranking & Historienquatsch

TVDie Gebrauchtwoche

26. Dezember – 1. Januar

Von wegen – die Öffentlich-Rechtlichen schaffen es nur noch mit Fußball, massenhaft Menschen vor die Glotze zu locken: 2016 belegte Deutschlands liebster Sport trotz EM im Quotenranking nicht sämtliche der ersten 20 Plätze. Auf Rang 17 kommt mit 13 Millionen Zuschauern etwas völlig komplett total anderes: Handball. Und für den Relaunch der umstrittenen Tagesschau-App, die Mittwoch in Hamburg vorgestellt wurde, war auch noch ein bisschen Geld übrig. Sage also niemand, die Gebührenmilliarden würden nur in Pensionskassen und Sportmainstream fließen…

… sie fließen auch in Talkshows. Daher dürfte man es besonders in der ARD mit Argwohn betrachten, dass ein völlig komplett total anderer Kanal nun wieder auf diesem Erbpachtterrain des Ersten wildert: RTL. Wobei sie es da natürlich so brachial gestalten, wie vor der Wiederbelebung vom Heißen Stuhl befürchtet. Darauf saß vorigen Montag nämlich Thilo Sarrazin und faselte gewohnt dummheitsstolz von Billionen Beweisen für Millionen orientalischer Vergewaltiger okzidentaler Frauen, die man allerdings nicht unbedingt en detail nennen müsse, weil das ja eh alle wüssten.

Womit er insofern richtig lag, als nicht der postfaktische Scharfmacher unter Steffen Hallaschkas wohlwollender Moderation im Kreuzfeuer stand, sondern seine Kontrahentin muslimischen Glaubens: Eine Journalistin mit dem schönen Namen Khola Maryam Hübsch, die für jedes Wort vom sarrazinesken Publikum niedergebrüllt wurde, was nahelegt, nach welchen Kriterien es gecastet wurde. Fazit: Krawall kann „Rammeln, Titten, Leichen“, wie man RTL 1989 gern ausschrieb, auch im Jahr 2016. Und damals wie heute hat dessen Stammpublikum gewiss Null Interesse an einem ARD-Mittwochsfilm, der ihm ermöglichen könnte, die Sache mit den bösen Ausländern und guten Ariern doch mal zu überdenken.

0-FrischwocheDie Frischwoche

19. – 25. Dezember

Der weiße Äthiopier handelt vom Bankräuber Michalka (Jürgen Vogel), der vor Gericht völlig komplett total anderes ist, als AfD, Pegida und längst auch wieder die CSU gern hätten: ein Waisenkind mit elender Kindheit, das kriminell wird, weil es der deutschen Männergewalt von Elternhaus über Schule bis Beruf entfliehen will, und in Äthiopien landet, wo ihm erstmals Liebe und Respekt zuteil wird.

Dabei geht es manchmal rührselig, aber stets ergreifend nicht nur um eine deformierte Seele, sondern uns alle: Was die Umstände aus Leuten machen – im Guten wie im Schlechten. Inszeniert als Justizdrama mit Thomas Thieme als Staranwalt, dessen Feuer für Gerechtigkeit durch seine Referendarin (Paula Kalenberg) neu entfacht wird. Afrika erscheint zwar etwas warm und Deutschland arg kalt; darüber hinaus geht die Message an alle Rassisten da draußen: die Armen wollen gar nicht alle hierher, sie wollen bloß leben. Am liebsten, wo man geliebt wird und lieben kann. Selten war Moral so unterhaltsam.

Im Gegensatz zur Keule, die uns das Historienevent Gotthard heute im ZDF vor den Bug knallt. Augenscheinlich beleuchtet der Zweiteiler den Bau des damaligen Weltwunders durchs gleichnamige Schweizer Bergmassiv vor fast 150 Jahren. Weil das ganze aber wieder mit einer fiktiven Dreiecksbeziehung viel zu schematischer Kerle im Kampf um eine viel zu selbstbestimmte Frau verklebt wird, sei lieber auf die Dokumentation im Anschluss des Finales am Mittwoch verwiesen. Der Spielfilm zuvor ist sorgsam kostümiert, aber lausig erzählt.

Irgendwo zwischen Doku und Fiktion steht hingegen der Dreiteiler Mundo, mit dem der NDR voller Stolz das kommerzielle Real Crime-Genre ausprobiert, also wahre Kriminalfälle spielerisch nachverfolgt. Na ja. Dann doch lieber eine andere Dokumentation, die das Spielerische zum Thema, aber nicht zum Wesen hat: A Documentary, mit der der HR am Donnerstag (23.45 Uhr) das Schaffen, vor allem aber Leben eines der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Regisseure unserer Zeit beleuchtet: Woody Allen.

Und vor den Wiederholungen der Woche noch was Packendes auf Netflix, nämlich die mitreißend unergründliche Mystery-Serie The OA. Und was Neues für Kinder an Heiligabend, der programmatisch zwar wie gewohnt ein paar alten Märchen im Ersten umfrisiert, ansonsten aber eher durch Heavy Rotation der üblichen Gebrauchtware (Das Leben ist schön) auffällt: Stockmann die britische Animationsadaption eines der schönsten Vorlesebilderbücher überhaupt (Samstag, 11.20 Uhr, ZDF). Bekannt, aber sehenswert und aus Anlass des 100. Geburtstag vom Hauptdarsteller Kirk Douglas doppelt sehenswert: Mit stahlharter Faust, 1955 unterm Titel Man Without A Star gedrehter Viehzüchterwestern mit Cowboys, die den Namen auch verdienen (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Am selben Abend in Schwarzweiß (3sat): Dreimal Laurel & Hardy: In Oxford (20.15), Die lieben Verwandten (21.15) und Wüstensöhne (3.05). Bliebe noch der Tatort-Tipp: Schwarzer Advent (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) von 1998 mit Christian Berkel als Kindermordverdächtiger in München. Oder alternativ am Mittwoch ab 22 Uhr im NDR: Der Tatortreiniger.

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