Fest-Mehrteiler: Winnetou, Gotthard & Pregau

mehr1Geteilte Gefühle

Bis vor 20 Jahren hatte der Adventsmehrteiler – erst für Abenteurer, dann für Kids – große Tradition im deutschen Fernsehen. Dann wurde es ruhig ums Lagerfeuer der Weihnachtszeit. Dieses Jahr jedoch buhlen gleich drei Ausgaben um Zuschauer: Winnetou, Gotthard und Mörderisches Tal. Mit sehr, sehr, sehr unterschiedlicher Qualität.

Von Jan Freitag

Freundschaft ist ein großer Schatz, vielleicht der größte. Selbst die Liebe, Melodramenthema schlechthin, handelt letztlich davon wie alles, was dem Menschlichen in Film, Funk & Fernsehen Gefühl verleiht. Wobei Freundschaft natürlich nicht Freundschaft ist. Nehmen wir eine ungebrochen populäre Version deutscher Herkunft: Winnetou und Old Shatterhand, der vollfiktive Häuptling vom Stamme der Apachen und sein teilrealer Kumpel von dem der Sachsen. Selten wurde die Wesens- ohne Blutsverwandtschaft verschiedener Charaktere inniger inszeniert als in den Kinoadaptionen von Karl Mays Büchern. Daran ändert auch die jüngste nichts, mit der RTL ab 1. Weihnachtstag ein Stück vorankommt auf dem Weg zum Modeschmucksender mit echten Perlen im Programm.

Fünfeinhalb Jahrzehnte, nachdem Horst Wendlandts legendäre Rialto die Nachkriegsrepublik aus dem Schwarzwald an den Silbersee entführte, kehren die Blutsbrüder zurück auf den Bildschirm. Allerdings nicht im kommerziellen Effektgewitter zu lauter Musik über zu grellen Bildern zu platter Charaktere. In drei Teilen hat Philipp Stölzl den Märchenstoff des notorischen Lügners May so überarbeitet, dass Harald Reinls Westernklamotten der Sechziger dagegen knallbunt verblassen. Die Fieslinge Rattler (Jürgen Vogel), Loco (Fahri Yardim) und Santer (Michael Maertens) überdrehen die Boshaftigkeit ihrer Fieslinge in der Neuauflage zwar nach Kräften. Auch sonst ist sendertypisch vieles zu laut, schrill, zu kommerziell. Doch wie authentisch das Indianerleben dargestellt wird, wie anarchisch jenes der invasiven Siedler, wie liebevoll der Regisseur die Helden aneinander wachsen lässt – das ist in seiner unterhaltsamen Tiefe moderner als mancher Mittwochsfilm im Ersten.

Auch und gerade wegen jener salbungsvollen, aber wunderschönen Beziehung, mit der Wotan Wilke Möhring und ein albanischer TV-Star namens Nik Xhelilaj, statt einst Lex Barker und ein französischer Nobody namens Pierre Brice den Kampf edler Wilder gegen gierige Weiße grundieren. Beide beleben eine Freundschaft zum Niederknien, die nach Karl Mays Eintritt in Eine neue Welt sorgsam sprießen darf, bei der Jagd nach dem Geheimnis vom Silbersee erblüht und im Letzten Kampf tränenreich stirbt, wie es ergreifender kaum sein kann.

Womit wir beim nächsten Mehrteiler wären, der das Megathema im Mainstream surft. Wie Winnetou soll auch Gotthard von Liebe, Freundschaft, Gefühl und mehr3Menschlichkeit handeln. Tatsächlich aber verseift das ZDF die historische Grundlage seines Melodrams so lang mit einer saftigen Lovestory, bis es weiblich genug für Topquoten wird. Pünktlich zur Eröffnung des neuen Tunnels im gleichen Massiv, erzählt die Koproduktion vierer Alpenanrainer die erdachte Geschichte eines Ingenieurs, der 1873 am Megaprojekt des realen Louis Favre mitbaut. Wie üblich in derlei Epen, kommt es jedoch nicht nur zum Klassenkampf entrechteter Proletarier (gut) gegen profitgeile Unternehmer (böse), sondern zur Dreiecksbeziehung der schönen Anna (Miriam Stein) mit dem schlauen Max (Maxim Mehmet) und dem stattlichen Tommaso (Pasquale Aleardi), die dummerweise dick befreundet sind.

Das ist detailgetreu ausgestattet, angemessen spannend dargeboten und offensiv sozialkritisch. Doch anders als in der Wirklichkeit, inszeniert Urs Egger das menschliche Beziehungsgeflecht dabei als geordnete Abfolge größtmöglicher Eruptionen von extremer Hingabe bis totales Zerwürfnis und zurück, während alle Beteiligten bloß emotionale Beamtenlaufbahnen ohne jede Persönlichkeitsveränderung einschlagen. Dekoriert wird diese Wirklichkeitsferne von Frauenfiguren, die sich unzeitgemäß selbstbewusst durch die Männergesellschaft jener Tage beißen. Das seltsam verständliche Schwiezerdütsch in berechenbarer Inhaltsarithmetik macht den ZDF-Beitrag dann endgültig zur ärgerlichen Ausnahme im Festprogramm. Besonders, wenn man es mit dem dritten Mehrteiler vergleicht.

Mörderisches Tal: Pregau mag idiotisch betitelt sein und mit 360 Minuten etwas lang;  verteilt auf vier Filme (25.-28. Dezember) ist das ARD-Epos ein herausragendes weil skurriles, aber nie absurdes Stück Unterhaltung, das in deutscher Sprache so nur im Land von Manfred Deix und Josef Hader entsteht. Nach einem Familienfest erwischt der österreichische Dorfpolizist Hannes die Nichte seiner reichen Frau betrunken am Steuer und lässt sich das Schweigen mit einem Blowjob bezahlen, der eine fatale Kettenreaktion in Gang setzt: das Mädchen stirbt auf der erkauften Heimfahrt, ihr Beifahrer aber überlebt und stellt ebenso wie Armin Rohde als Zeuge eine Gefahr fürs Spießerleben des schüchternen Inspektors dar. Die Folgen eskalieren mit jeder Minute mehr Richtung Finale, das es nochmals in sich hat.

Russische Zuhälter spielen da ebenso tragende Rollen wie korrupte Provinzfürsten, ein Autobahnschütze nebst verschrobenem Bruder, dazu entflohene Zwangsprostituierte und entfesselte Teenager in einem Fantasie-Ort mit 9325 Einwohnern, Autobahnausfahrt plus Tierverwertungsfabrik. Eingebettet in eine mehr2Landschaft, die nichts mit dem porentiefreinen Postkartenambiente alpiner Schnulzenstoffe im Mainstream zu tun hat. In den dreckigen Ecken des Heimatfilms alter Prägung glänzt besonders die überwältigende Ursula Strauss. Sie wird aber von ihrem Film-Mann noch in den Schatten gestellt: Maximilian Brückner.

Wie seine Hauptfigur von Desaster zu Desaster schlingert, ohne die Abwärtsspirale je zu überdrehen, wie er mit desparatem Trotz ums Überleben kämpft und dabei Stück für Stück ein bisschen stirbt, wie dieser Zerfallsprozess am Bildschirm fast körperlich spürbar wird – das ist eine der reifsten Einzelleistungen des ausgehenden Filmjahrs im herausragenden Ensemble nationaler Bühnenstars von Robert Palfrader über Patricia Aulitzky bis hin zu Wolfgang Böck. Reich bebildert vom Kölner Kameragenie Peter Nix, badet Regisseur Nils Willbrandt dabei zwar mitunter arg tief im Pathos sterbender Schwäne und innbrünstiger Mimiken; er versucht damit jedoch weniger Eindruck zu schinden, als vielmehr die Tristesse ringsum sinnvoll abzufedern.

Mit – besonders menschlicher – Tristesse, haben demnach fast alle Protagonisten der drei Weihnachtsmehrteiler zu tun: Pregau mit ländlicher Sittenverrohung hinterm Schaufenster urbaner Freizeitrefugien; „Winnetou“ mit den Abgründen europäischer Eindringlinge, die den Lebensraum der Ureinwohner frei von jeder Empathie zugrunde richten; Gotthard im manchesterkapitalistischen Ambiente verantwortungsloser Gewinnsteigerung. Umso erstaunlicher ist es, wie unterschiedlich die zwei letztgenannten ihr Zeitalter behandeln, das sich nur um wenige Jahre unterscheidet.

Anders als bei RTL sonst üblich, benutzt der Privatsender seine 76 Schauspieler unter 4000 Komparsen am bewährten Winnetou-Drehort Kroatien vorwiegend nicht als Platzhalter gewünschter Effekte, sondern gewährt ihnen ein entwicklungsfähiges Eigenleben, das selbst den Gegenrassismus der unterdrückten Rothäute – mit Untertiteln, statt absurder Fremdsprachenkenntnisse! – zulässt. Anders als im ZDF möglich, sind dem öffentlich-rechtlichen Kanal hingegen sämtliche Figuren herzlich egal. Etwa, wenn drei wildfremde Menschen verschiedenen Geschlechts im prüden 1873 verkleistert von zukunftsbejahender Orchestermusik gleich nach dem Kennenlernen eine halberotische Kissenschlacht vollführen, während wenige Häuser weiter zum putzigen Westernsound eine Wirtshausschlägerei tobt, als sei der Filmtross kurz mal nach Dodge City gewechselt.

Was das mit Liebe, Freundschaft, Gefühl und Menschlichkeit zu tun hat? Nichts! Was Winnetou damit zu tun hat? Auch dank der fabelhaft interpretierten Originalmusik: Alles! Im Mörderischen Tal erweitert um Aberwitz und Fatalismus. Die ganze Vielfalt des Fernsehens in zwölf Tagen.

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