Rückblicksfutter & Kriminostalgie

TVDie Gebrauchtwoche

26. Dezember – 1. Januar

Wenn sich das Jahr dem Ende entgegen neigt, beginnt gemeinhin die Zeit der Rückblicke. Von satirisch bis sportlich, von ernst gemeint bis unfreiwillig komisch ist dann auf beinahe allen Kanälen alles dabei, was viele in dieser überhitzt schnelllebigen Epoche schon Tage nach dem Ereignis vergessen haben, weil es von einem andern überlagert wurde. Wofür das Rückblicksfutter in den vergangenen zwölf Monaten ungeachtet des zynischen Verdrängungswettbewerbs jedoch gesorgt hat, ist ein Zuspruch für seriöse Medien wie schon lange nicht mehr.

Auch das ZDF hat ähnlich der ARD vom Bombardement harter Nachrichten profitiert und zum fünften Mal in Folge den inoffiziellen Titel des meistgesehenen Senders errungen. Dazu muss allerdings dringend ergänzt werden: Ohne athletische Zuschauermagneten wie Fußball-EM oder die Doping-Olympia läge das Zweite wohl kaum mit 13 Prozent Marktanteil ein paar Zehntel vorm Ersten, sondern womöglich ein Stück hinterm Dritten RTL.

Der frühere Branchenprimus hat schließlich nicht nur in der willkürlichen Zielgruppe unter 49 oft die Nase vorn, sondern überzeugt dank ordentlicher Blockbuster der Art von Winnetou, dessen Neuauflage zuletzt drei Teile lang im Schnitt rund fünf Millionen Zuschauer sehen wollten, längst auch das Gesamtpublikum. Der ARD bleibt aber natürlich immer noch König Tatort. Wenn er denn regieren darf. Gestern indes wurde der Dortmunder Fall namens Sturm auf Ende Januar verschoben, weil der darin enthaltende Selbstmordattentäter-Terrorismus zu nah an der bitteren Wirklichkeit von Berlin lag. Antiquiertes Taktgefühl oder zeitgemäße Pietät? Es gibt Sitten und Gebräuche, die überstehen jeden Zeitgeist.

0-FrischwocheDie Frischwoche

2. – 8. Januar

So wie manch ein Fernsehermittler. Georges Simenons Groschenromanfigur Jules Maigret etwa wurde schon 1932 zum Filmpolizisten verwandelt und seither von knapp 30 Darstellern verkörpert. Darunter besonders Jean Richard, der das Bild des Pariser Kommissars seit 1967 auch im ZDF prägte. Nun geht sein neuester Nachfolger im Ersten auf Mörderjagd: Rowan Atkinson. Ausgerechnet! Als Witzfigur Mr. Bean ist der Brite bisher nur in ulkig aufgefallen, was auch hier exakt das Problem. Denn wann immer er als Melancholiker mit Pfeife auftaucht, erwartet man instinktiv was Lustiges.

Allein – es kommt nicht, nie. Im Gegenteil: Wie beim gestrigen Debüt strahlt sein Maigret auch nächsten Sonntag (21.45 Uhr) elegante Zurückhaltung aus, wenn er einem Bauernkiller nachspürt. Und dann erst diese 50er-Aura: Füller, Wählscheiben und Notizblöcke, Männer mit Hut und Ganoven mit Fliege in einem wunderschön patinierten Paris – das verweist auf Zeiten, in denen das Fernsehen sein Publikum noch zu entführen vermochte. Da darf man dann ruhig vergebens auf einen Scherz der Titelfigur warten…

Was im Übrigen ebenso auf die Sitcom Magda macht das schon! zutrifft, die RTL ab Donnerstag um 21.15 Uhr in Doppelfolgen zeigt. Als klischeepolnische Haushälterin, die den Haushalt einer klischeedeutschen Familie durcheinanderordnet, rettet auch Burgschauspielerin Verena Altenberger das Format nie vorm Klamauk. Und weil der Taunus-Krimi in seiner neuesten Folge heute im ZDF dank Ulrich Tukur als Killer in seiner aufdringlichen Brutalität erstmals nicht unfreiwillig komisch ist, wird es diese Woche (Teil 2 Mittwoch) auch mit Tim Bergmann und Felicitas Woll eher ernst.

Ernsthaft peinlich wird es Mittwoch, 22.30 Uhr, wenn Sat1 Mega! Hotels, dann Die größte Therme der Welt porträtiert. Wenn sich der verseifte Kanzler-Kanal von früher mit dem Größenwahn von heute beschäftigt, kann man sich sicher sein: kritische Töne gibt’s nicht. Fernsehen für Fortschrittshörige. Fernsehen für Musikfans läuft Freitag um 22.45 Uhr. Dann zeigt Arte das Konzert der Red Hot Chili Peppers beim vorjährigen Rock am Ring, gefolgt von Tracks.

Weil frisches Fernsehen in den frühen Tagen des Jahres eher selten ist, fallen die Wiederholungen der Woche umfangreicher aus. Um zu zeigen, dass neu nicht immer das bessere alt ist, zeigt der Bayrische Rundfunk ab Montag abendlich um 20.15 Uhr die Originale der Winnetou-Reihe aus den 60ern in Technicolor. Auch farbig, aber tiefgründiger ist Claude Leluches Ein Mann und eine Frau (Montag, 22.10 Uhr, Arte), für viele schon deshalb einer der schönsten Liebesfilme, weil die Leidenschaft zwischen zwei verwitweten Internatskindereltern 1966 so hauchzart wachsen durfte. Weniger zart geht es beim Schwarzweißtipp Im Schatten des Zweifels zu, Hitchcocks Frühwerk von 1943 mit Joseph Cotten als Serienmörder (Donnerstag, 20.15 Uhr, 3sat).

Sehenswert ist auch die Tatort-Wiederholung, auch wenn es eher ein Spin-Off ist: Schimanski – Blutsbrüder (Dienstag, 23.45 Uhr, NDR) mit dem 1997 nur irdischen Christoph Waltz in der Episodenhauptrolle. Und weil Retro schick ist, noch ein Montagabend auf 3sat für Fans von Elvis – angefangen mit einem Biopic, in dem Jonathan Rhy Meyers nach John Lennon auch den King zur Deckung mit dem Original bringt, gefolgt von einer hinreißenden Doku über dessen Deutschland-Aufenthalt.

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