2 Bier – 1 Platte

marthe-wehlandHenning Wehland & Lindenberg

Zugegeben, bevor ein Musik-Superhirn es bemerkt: Henning Wehland ist gar kein Hamburger. Damit sprengt er nach ziemlich genau zwei Jahren 2 Bier – 1 Platte frech das Konzept. Manche mögen sagen, er darf das – wegen seiner jahrzehntelangen Karriere bei den H-Blockx und Söhnen Mannheims, seiner Arbeit als Moderator bei Viva 2 und Coach für junge NachwuchsmusikerInnen im Privatfernsehen. Glaub ich nicht. Aber wer seine Platte Der Letzte an der Bar nennt und sich schon nachmittags als erster mit mir an einer in Hamburg zum Bier trifft, gehört zu dieser Kolumne wie der eiskalte Korn in die Kneipe nebenan.

Von Marthe Ruddat

Henning: Ich mag Hamburg aber auch sehr! Ich habe viele Freunde hier. Und Hamburg und Münster haben auch sehr viele Gemeinsamkeiten: das große Gewässer in der Innenstadt, das Studentenleben, die schöne Altstadt.

freitagsmedien: Hamburg hat aber etwas, was Münster nicht hat: Udo Lindenberg. Und um den soll es heute gehen, oder?

Ja, das stimmt.

Wieso hast Du dir eine Platte von Udo ausgesucht? Und vor allem: welche?

Was Musik angeht bin ich sehr stark von meinem älteren Bruder beeinflusst worden. Über ihn bin ich an deutschsprachige Rock- und Punkmusik gekommen. In den Siebzigern kam man in dem Bereich einfach gar nicht an Udo Lindenberg vorbei. Und da gab es eine Platte, die mich einfach wahnsinnig fasziniert hat: Votan Wahnwitz.

Votan Wahnwitz erscheint 1975. Es ist Udo Lindenbergs fünftes Studioalbum und eingespielt mit dem berühmten Panikorchester.

Was hat dich so fasziniert an diesem Album?

Also zum einen ist das einfach die beste Udo-Platte. Jeder Song ist ein Hit, Knallertexte und wirklich einzigartige Musik. Was mich aber als 7-Jähriger besonders beeindruckt hat ist das Cover der Platte. Da ist vorne drauf ein Porträt von Udo und zwar ohne Hut und ohne Brille. Und hinten drauf ist das Orchester zu sehen. Und die Cellistin ist als einzige komplett nackt und verdeckt ihren Intimbereich mit dem Cello. Für mich war das damals die Ausgeburt des Rock’n’Roll.

Hat dein Bruder dir die Platte geschenkt?

Nein, aber mein Bruder hatte irgendwann die alte Kompaktanlage meiner Eltern bekommen. Wir hatten immer schon ein sehr gutes Verhältnis und deshalb durfte ich zu ihm in den Keller kommen und seine Platten auflegen. Zu Weihnachten hat er dann oft Mixtapes oder ganze, auf Kassette überspielte Platten verschenkt. Und ich habe sie mir dann auf meinem Mono-Kassettenspieler immer wieder angehört. Und so bin ich auch zu der Votan Wahnwitz gekommen.marthe-udo

Verbindet Euch die Platte dann heute noch? Hört ihr sie zusammen, wenn ihr euch seht?

Die Platte verbinde ich schon sehr mit meinem Bruder, aber zusammen singen wir eigentlich eher selten. Die Kompositionen auf dieser Platte sind auch meistens echt so episch, dass sie nicht so einfach nachzuspielen sind. Mein Bruder und ich waren allerdings mal gemeinsam mit unserem Vater in der Steiermark wandern. Irgendwann habe ich angefangen Das kann man ja auch mal so sehen vor mich hin zu singen. Als ich wieder aufgehört habe, hat mein Bruder dann plötzlich weiter gesungen und so haben wir uns bei der Wanderung irgendwie ein bisschen gebattlet. Das war auf jeden Fall das modernste Wanderlied, das ich jemals gehört habe.

Ist Das kann man ja auch mal so sehen dein Lieblingssong auf der Platte?

Nein, das ist Jack. Das ist eine Nummer, die vom Tod eines Freundes von Udo handelt.

Udo Lindenberg – Jack

Heute morgen um 7 ging das Telefon / sie sagten: Dein Freund Jack ist tot

ein Laster ist frontal in ihn reingeknallt / der hatte überholt trotz Überholverbot

Zuerst wollte ich das nicht begreifen / ich dacht’, das ist ein makabrer Gag

mein Freund Jack kann doch nicht so plötzlich sterben / wir wollen doch heute abend noch zusammen weg

Es war wie ein Faustschlag in den Magen / diese Nachricht von Jackies Unglück

ich versuchte mir vorzustellen / wie dieser Lkw auf ihn zukommt

und was in Jack vorgeht in diesem Augenblick /Ein komischer Zufall, erst vor zwei Wochen

haben wir noch über den Tod gesprochen / er hatte Angst davor, er meinte, dann ist alles zu spät

ich sagte: Nein Jack, ich glaub’, daß nach dem Tod / das Leben irgendwie weitergeht!

Über den Wolken ist es so schön / wie in den Bergen der Antarktis

und weiter geht dein Flug, vorbei an den Planeten / und du erreichst die Rock ‘n Roll-Galaxis

Und da siehst du ihn wieder / Jimi Hendrix, ich weiß noch, als er starb

warst du sehr traurig / weil’s für dich keinen Größeren gab

und Buddy Holly / singt für dich noch einmal “Peggy Sue”

du bist froh, daß er auch da ist / und zusammen mit deiner neuen Freundin Marylin

hörst du ihm zu / Brian Jones und Janis Joplin auf dem Nebelpodium

und bald gehörst auch du zu ihrem Stammpublikum

 

Ob die Geschichte wirklich wahr ist, weiß ich gar nicht. Aber das ist auch glaube ich gar nicht wichtig, denn es geht um das Erzählen einer Geschichte. Ich glaube nicht, dass Udo Lindenberg so gut funktioniert, weil er die größten Hits geschrieben hat, die musikalisch total beeindruckt haben. Er war und ist erfolgreich, weil er Dinge auf den Punkt bringt und ausspricht, die sich oft noch niemand getraut hat auszusprechen. Und gerade auf der Votan Wahnwitz hat er mit Sprache Bilder gemalt, wie es bis dahin in der deutschen Rockmusik noch niemand geschafft hat.

Ist er damit ein Vorbild für dich geworden?

Ja, auf jeden Fall.

Hast du ihn mal getroffen?

Ja, das war echt geil. Ich habe ja das große Glück, dass ich in den letzten Jahren viele beeindruckende musikalische Persönlichkeiten treffen durfte. Bei den meisten hat sich im Laufe der Zeit das Bild über die Person verändert, manche sind sogar Freunde geworden. Udo ist aber immer so ein Phänomen geblieben und das wird er auch bleiben, glaube ich. Ich glaube er hat sich irgendwann entschieden ein Leben zu führen, das kein anderer führt. Er wollte eine Kunstfigur erschaffen, die sich in den Dienst dessen stellt, was sie sieht. Die Kunstfigur äußert sich ja schon darin, dass er seit 40 Jahren in einem Hotelzimmer wohnt. Da war ich übrigens auch schon mal.

Marthe1Echt? Erzähl!

Naja, also wenn du in der Wohnung bist hast du auf jeden Fall nicht das Gefühl in einem Hotel zu sein. Es ist schon sehr privat. Das mag ich ja. Wenn die Menschen ihren Ruhm und den Reichtum nicht ausnutzen, um andere zu beeindrucken, sondern um sich selbst auszudrücken. So wirkte das bei ihm.

Gibt es eine Frage, die du Udo Lindenberg gerne mal stellen würdest, dich bisher aber noch nicht getraut hast?

Puh, ich glaube es geht da nicht unbedingt um Trauen. Meine Frage wäre eher etwas ausufernder. Udo hat sich ja so den Ruf eines Paten erarbeitet, der irgendwie im besten Sinne des Wortes eine Art Mafiosi ist. Es gibt auch Geschichten über Geheimräte, seine engsten Mitarbeiter und Freunde. Es würde mich einfach interessieren, wie das so gekommen ist und was für ein System dahinter steckt.

Das wäre eine ganz gute Frage für einen gemütlichen Abend am Tresen. Der Titel deines Albums lässt vermuten du seist eine Barfly.

Ja tatsächlich, immer noch und auch sehr gerne. Die Bar ist ein bisschen wie Bahnfahren: Du kannst dir nicht aussuchen, wer neben dir sitzt und am Ende fängt man aber doch oft ein Gespräch an oder belauscht andere Gespräche. Am Tresen trifft man sich einfach immer auf Augenhöhe, da ist es egal, wo man herkommt. Und da entstehen einfach die besten Geschichten.

Diese Geschichten erzählt Henning Wehland auf seinem Solo-Debüt Der Letzte an der Bar. Das Album erscheint am 27. Januar. Zum Überbrücken der Wartezeit und fröhlichem Musiker-Raten eignet sich das gleichnamige Freunde-Video hervorragend. Weitere Infos auf Hennings Facebook-Seite.

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