Club-Mausoleum: Tiefenrausch (ca. 1985-97)

ex-tiefenrauschUnter Wasser an Land

Die zuckersüße Kellerdisko Tiefenrausch hat vorgemacht, dass Elektrosound auch ohne Stroboskop-Gewitter genießbar ist. Erinnerungen an Partynächte zwischen Tropenfischen, Zappelbeats und seltsamen Substanzen aller Farben.

Von Jan Freitag

Eintauchen, abtauchen, untertauchen: Wenn es um bewusst bewusstseinsverändernde Wechsel in Gefilde fern der Norm geht, wird dafür gerne mal Wassersportvokabular verwendet. In der Hamburger Hopfenstraße, dort wo St. Paulis Amüsiergegend jahrzehntelang ins Brauereiviertel ausfranste, gab es einst die Disko Tiefenrausch, die sich mit ihrem Namen dieser Assoziationen bewusst bediente.

Tiefenrausch. Clubgängern mit eigenem Erinnerungsspeicher geht gleichermaßen ein wohliges Kribbeln durchs Gemüt, wenn sie an den Laden denken. Schließlich war der kleine Kellerclub abgesehen vom unverwüstlichen Purgatory vermutlich Hamburgs erste Kleinraumdisco mit elektronischer Liedstruktur, dessen Innenausstattung vom Fabrikambiente damaliger Technoclubs konsequent abwich. Wer vor gut 30 Jahren House hören wollte, wurde seinerzeit noch vorwiegend ins Stroboskop-Gewitter geschickt – oder noch artifizieller ins Lasershow-Unwetter. Dann aber eröffnete schräg gegenüber der unberührbaren Herbertstraße dieser pittoreske Laden mit dem Mischnamen aus beidrehen, abdrehen, baden gehen und alles wurde irgendwie anders. Milder. Märchenhaft. Seifenblasig.

In den klinisch-kühlen Achtzigern am Übergang zu den übersteuert-beliebigen Neunzigern war er somit ebenso die Antithese zur herrschenden wie zur aufkommenden Partykultur jener Tage: Weder aseptisch wie Tunnel und Traxx noch poppig wie der analoge Rest des Mainstreams. Sondern wohlig warm und doch sehr künstlich. Schon dieser Einstieg: Ein paar Stufen abwärts ging es durch die wellenfarbig bemalte Fassade mit Tropenfischen hinab zur Tiefsee. Über der Theke hingen Fangnetze und Schwimmflossen, gesäumt von allerlei Korallenriffgetier aus Pappe und Plastik. Die maritime Dekoration garnierte einen Weg zum Dancefloor, der eigentlich fast überall war – so winzig kam der Meeresgrund unterm Kopfsteinpflaster daher.

Getanzt wurde darauf zu einer Art quirliger Entspannungselectronica, die dem damaligen Abzweig des langsam erwachenden Kiezes in die Chichi-Kultur ent-, zugleich aber auch widersprach. Nebenan rollte ja gerade eine Kuschelwelle über die Reeperbahn, vielerorts ging es plötzlich plüschig statt brachial zu. Noch ohne dem “Ex” davor hing selbst im Punkerschuppen Sparr ein Gemälde voll röhrender Hirsche überm Troddel-Sofa. Es war die Zeit der Geweihe und Flora-Soft-T-Shirts. Nach dem verlorenen Jahrzehnt blutiger Bandenkriege und konstanter Vernachlässigung wurde St. Pauli stellenweise behaglich, im Tiefenrausch vertont durch einen Sound, der dem zackigen Acid die Kanten abschliff und das Gemüt eher umschmeicheln als aufwühlen wollte.

Anfang der Neunziger wurde der Clubsound im Tiefenrausch dann zusehends ergänzt vom damals noch smartem Hip-Hop. Der Sprechgesang fand hier ein wichtiges Refugium und machte Hamburg für kurze Zeit zu einem Kristallisationspunkt des europäischen Hip-Hops. Das war natürlich, wie so oft im Rotlichtbereich, ein Stück weit Tarnung der vorherrschenden Mehrheitskultur, denn auch im Tiefenrausch drang neben feinem Elektro und Hip-Hop regelmäßig Mainstream aus den Boxen. Aber man ließ sich davon nur zu gerne blenden. Unterstützt übrigens durch diverse Pillen und Mischgetränke seltsamer Farbgebung von altrosa bis frühlingsgrün, die ihre Wirkung gern unverhofft und verspätet entfaltet haben. Schon deshalb verließ man den Laden selten vor dem Morgengrauen – um aus dem glitzernden Ozean sediert ins Brackwasser der Nachbarschaft gespült zu werden.

Die Querungen der Talstraße Richtung Hafen waren da nämlich noch fest im Griff von Prostitution und Anwohnerparken. Dort, wo die Gentrifizierung bald darauf eine Schneise der Aufwertung ins Quartier trieb, lebten und arbeiteten seinerzeit echte Menschen mit gewachsener Verwurzelung. Statt eines Hotels mit imperialem Namen überm Kupferportal im Albert-Speer-Gedächtnis-Stil erhob sich braukesselgesäumt das stilisierte Betonbierglas der Astra-Zentrale in den Himmel. Wo es jetzt streng nach Geld und Kaffeekapseln riecht, roch es noch strenger nach Hopfen und Malz. Umso erstaunlicher, dass mit dem Wandel von St. Pauli am Ort des Tiefenrausches der Punkrock noch ein Zuhause fand.

Schon in den letzten Zuckungen des Clubs vor der Jahrtausendwende mischte sich montags zwischen Breakbeats und House ein entfesselter Ska-Abend. Und als dann endgültig Schluss war mit Elektronik, zeigten schon die Namen der Nachfolger von Skorbut bis Kraken, wo hier musikalisch der Hammer hing. Der aktuelle Pächter namens Menschenzoo ist ein beharrliches Relikt dieser Punkkultur.

Man taucht allerdings nicht mehr wirklich ein, der Kellerabgang wurde zugemauert, die Fische fehlen sowieso. Chichi war gestern. Und dass die geschossarme Häuserzeile darüber einmal dem Renditewahn zum Opfer fallen wird wie die Brauerei gegenüber, ist keine Frage des Ob, allenfalls des Wann. Es verschwände ein Stück Aufbruchkultur vor dem Zeitalter der Stahlverglasung. Und damit die Erinnerung an Kurzurlaube in einem Club, der zwischen damals und heute stand wie kaum ein anderer. Blubbblubb.

Der Text ist vorab bei ZEIT-Online erschienen

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