Testosteron-Schwemme & Apropos-Flut

TVDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Januar

Er ist in vollem Gange – der bemitleidenswert schlichte Wettstreit, welcher Wintersportreporter die Erfolge deutscher Landsleute nun debiler giggelnd feiert, als wären es die der eigenen Kinder: Michael Antwerpes, Norbert König, Matthias Opdenhövel, Sigi Heinrich, weitere Vorschläge? Schon merkwürdig, wie wenig Distanz erwachsene Profis mit Journalistenausweis im Portemonnaie zu ihrem Berichtsgegenstand aufbringen. Na – wenigstens die Lügenpressekeule von Pegida und Co. bleibt diesen Hurra-Patrioten dank ihrer unverbrüchlichen Vaterlandsliebe erspart…

Das sollte sich kurz mal vor Augen halten, wer das Schicksal seriöser Kollegen bereits vor Augen hat: Von denen nämlich wurden nach Recherchen der Reporter ohne Grenzen voriges Jahr 74 im Einsatz getötet und 348 inhaftiert. Gar nicht zum Jubeln. Zumal die Situation auch in Zivilisationen kritischer wird, Polen zum Beispiel, Ungarn, der Türkei, bald den USA. Einst das Land der unbegrenzten Freiheit, in dem der scheidende Springer-Angestellte Kai Diekmann ein Praktikum zur digitalen Zukunft absolvierte, ist es längst das der Rendite, in dem mit Apple vorige Woche einer von Diekmanns Ausbildungsbetrieben auf Befehl der Machthaber hin die chinesische App der New York Times sperrte. Es ist so armselig.

So gesehen hat der Postillion sogar Glück gehabt, dass sich dort keiner für die deutsche Satireplattform interessiert. Auf ihr ist nämlich der beste Beitrag zur Debatte ums Polizeikürzel für vermeintliche Intensivtäter aus Nordafrika erschienen. Und während sich der WDR dafür rechtfertigen musste, die Extraportion „Nafri“-Testosteron in Köln und anderswo „gewaltgeile Männerhorden“ genannt zu haben, wird planvoll vergessen: wo immer sich Männer gleich welcher Herkunft zusammenrotten, wird‘s für Frauen rasch unangenehm.

0-FrischwocheDie Frischwoche

9. – 15. Januar

Wie unangenehm es auch mit weit weniger Subjekten für weibliche Objekte werden kann, zeigt der ARD-Thriller Kalt ist die Angst. Als Peter Heller darin unerwartet stirbt, stößt seine Frau Claire auf dessen Doppelleben, in dem es vor Abgründen von Intrigen bis Prostitution im Kreise machtverliebter Männer wie Christoph Maria Herbst als eine Art Bodyguard nur so wimmelt. Das ist grad von Caroline Peters zwar durchaus intensiv gespielt, verheddert sich aber wie üblich im Netz aus Effekthascherei und Designervillen. Fazit: Für Zuschauer mit Anspruch zu seicht, für Fans des Genres akzeptabel, fürs Medium Fernsehen bestenfalls Stagnation.

Apropos: Das Dschungelcamp ist zurück. Freitag sammeln sich dort zum elften Mal semiprominente RTL-Adepten von Casting-Gewächs (Gina Lisa) bis Fußball-Fossil (Thomas Hässler) und spielen vor 100 Kameras Privatsphäre. Apropos: Inspector Jury ist zurück. Dienstag sammeln sich ein paar talentierte Schauspieler wie Fritz Karl oder Götz Schubert in einem sehr deutschen ZDF-England und vergessen zum drittenmal, dass sie diesen Beruf gelernt haben. Apropos: Einstein ist zurück. Dienstag macht Sat1 den fiktionalen Ururenkel des Genies zum Profiler leidlich lustiger Krimizoten und zeigt damit, dass Screwball-Humor der 40er Jahre offenbar weiter Drehbudgets rechtfertigt.

Bei so viel fiktionalem Müll gibt es abgesehen von Christian Petzolds Kinofilm Phoenix mit der hinreißenden Nina Hoss als jüdische Holocaust-Überlebende, die dank einer Gesichtsoperation am Mittwoch auf Arte unerkannt ihrer Vergangenheit nachspüren kann, nur Dokumentarisches zu empfehlen. Ein sehr kluges Porträt des gar nicht so dunklen Darknet zum Beispiel, heute um 22.45 Uhr in der ARD. Der Arte-Themenabend Die Milch macht’s zum breiten Graben zwischen Tiernutzung und Veganismus tags drauf. Oder all das Brimborium zum Eröffnungskonzert der  Elbphilharmonie am Mittwoch. Weil es ebenso wie alle anderen Konzerte bis Jahresende ausverkauft ist, zeigt der NDR die Premiere ab 20.15 Uhr live, gefolgt von einer Doku übers prachtvolle Milliardengrab, was Arte am Sonntag ab 16.30 Uhr wiederholt.

Zum letzten Mal apropos, versprochen: Die Wiederholungen der Woche. Heute in schwarzweiß: Das Testament des Dr. Mabuse (20.15 Uhr, Arte), Fritz Langs letzter Film vor der Emigration verfeinerte 1933 den selbstkreierten Typus des größenwahnsinnigen Megaverbrechers. Morgen in Farbe: Falsches Spiel mit Roger Rabbit (20.15 Uhr, Disney Channel), der Mix aus Comic und Film setzte 1988 einen Meilenstein der Special Effects. Mittwoch der Tatort-Tipp erneut aus Bayern: Das Verlorene Kind von 2006 (20.15 Uhr, BR). Und wer es noch nicht gesehen hat: Seit voriger Woche ist The People v. O.J. Simpson bei Sky zu sehen, die American Crime Story von den juristischen Folgen der berühmtesten Autoflucht mit Cuba Gooding Jr. als gestrauchelter Football-Star und John Travolta als einer seiner Anwälte. Grandios!

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