Netflix: One Day at a Time

mv5botezmjc3mdi3m15bml5banbnxkftztgwmdu0mda4mdi-_v1_sy1000_cr006731000_al_Zum Hintergrundlachen

Das Remake-der 70er-Serie One Day at a Time bietet in der Netflix-Version vieles, was an handelsüblichen Sictoms so hassenswert ist: schale Witze, viele Klischees, Lacher vom Band. Aber eben auch eine Menge Wahrhaftigkeit übers komplizierte Leben von Latinos in den USA, das eben manchmal urkomisch ist, oft aber auch ziemlich tragisch.

Von Jan Freitag

Wiederholung, das war mal ein Schimpfwort mit kritischer Wucht. Wer sich übers Fernsehen beklagte, tat es gern mit dem Vorwurf dauernder Duplikation des Gezeigten. Stimmt ja auch – wer aufs Alte setzt, dem fällt offenbar nichts Neues ein. Im Kino zeugt davon die Flut fortgesetzter Blockbuster voller Superhelden und -schurken, im Fernsehen der Hang zum Remake früherer Erfolge von den Gilmore Girls bis hin zu MacGyver. Es herrscht, auf Leinwand wie am Bildschirm, chronische Wiederholeritis.

Die könnte man auch der Sitcom One Day at a Time über eine amerikanische Arzthelferin diagnostizieren, die sich nach der Scheidung mit zwei komplizierten Kindern und ihrer verschrobener Mutter durchs Leben schlägt. Oberflächlich betrachtet schlachtet die Neuauflage das gleichnamige Original demnach bloß aus, was CBS ab 1975 neun Staffeln lang Topquoten und TV-Preise bescherte. Unterm berechneten Recycling des Bewährten schlummert allerdings eine Sozialkritik, die nicht nur billig wiederholt, sondern angemessen aktualisiert wurde.

Wie ihr Urahn Ann ist Nachfolgerin Penelope nämlich alleinerziehend und schon deshalb in einer materiell wie sozial schwierigen Lage. Was vor 42 Jahren jedoch im Unterhaltungsfach eher außergewöhnlich war, ist zwei, drei Wellen der Emanzipation später längst gesellschaftlicher Durchschnitt, ergo: dramaturgisch kaum der Rede wert. Darum hat Netflix Norman Lears Vorlage aus der weißen Mittelschicht Kaliforniens ins exilkubanische Prekariat von Florida verpflanzt, wo die Familie der Afghanistan-Veteranin sehr gegenwärtige Sorgen hat: latenter Rassismus, geringes Einkommen, Teenagerprobleme, solche Sachen.

Und so sehr die eingespielten Lacher nerven, so sehr es auch manch breit ausgewalztes Klischee tut – das migrationshintergründige Quartett meistert seine Existenz an der Seite ihres fürsorglichen Nachbars Schneider (Todd Grinnell) mit einer liebenswerten Leichtigkeit, die selten ins Alberne abdriftet und falls doch, nicht lang dort bleibt. Besonders Justina Machado, seit einem Vierteljahrhundert in fast 40 TV-Serien wie Six Feet Under Hollywoods Latina vom Dienst, verleiht ihrer Hauptfigur schließlich eine trotzig-brüchige Persönlichkeit, der man Humor und Niedergeschlagenheit im steten Wechsel gern abnimmt.

Das liegt gewiss auch an Gloria Calderón Kellett (iZombie). Selbst lateinamerikanischen Ursprungs, verleiht die Koautorin ihrem Drehbuch gemeinsam mit Mike Royce eine Authentizität, die selbst Rita Moreno als zugewanderte Großmutter mit großer Klappe und großem Herz nur selten ins Lächerliche zieht. Wie im Sitcom-Genre üblich wird natürlich auch hier kaum ein Kalauer zulasten ethnischer Differenz ausgelassen; dank der Wärme vieler Charaktere bis hin zu Penelopes Chef in einer kleinen Arztpraxis aber schafft es One Day at a Time, sich irgendwo zwischen Two and a Half Men und Orange is the new Black zu positionieren: nicht immer so deftig wie ersteres, dafür bei aller Komik mitunter wahrhaftig wie letzteres. Und vor allem: danke vorwiegend weiblicher Hauptrollen ebenso weiblich. Das ist für sich genommen ja schon die Ausnahme am Fernsehmarkt ohne Herzschmerzkern.

So gesehen ist die Eigenproduktion des Streamingdienstes gar keine Neuauflage, geschweige denn eine Wiederholung. Es ist die Adaption ehemaliger Überraschungseffekte für den heutigen Mainstream. Nicht unbedingt sensationell lustig, aber durchaus sehenswert. Das Maschinengelächter kann man sich dabei ja kurz wegdenken.

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