Martinez, Run The Jewels, Iris, Hans Zimmer

tt17-martinezMartinez

Das Jahr ist noch jung, seine Seele längst steinalt, alles also noch ziemlich unbenutzt und doch schon so gebraucht es sich in einer fernen Zeit vor Trump und Terror frühestens im Herbst angefühlt hat. Da spendet es ungeheuren Trost, wenn eine Band daherkommt, die klingt, als sei sie brandneu und doch immer schon dagewesen. Sie heißt Martinez, stammt aus der Schweiz und besteht dem Vernehmen nach aus zwei Schlagzeugern namens Yvan und Valeria. Gemeinsam legen sie heute ein Debüt vor, das in seiner popkulturellen Berechenbarkeit klingt wie die Blaupause für einen Radiosound, der nicht stört, aber auch nicht überzeugt. Dann aber hört man sich in die fünf Tracks ein und es geschieht etwas Merkwürdiges.

Unter Valerias mild verzerrter Stimme in englischer Sprache entspinnt sich nämlich ein funkiges Gemisch digitaler Analogie, die vor Leichtigkeit nur so sprüht, dabei aber voller Melancholie ist. Einerseits. Andererseits schütteln sie den Indiepop immer mal wieder mit Einsprengseln von zauberhafter Verspieltheit auf wie im zweiten Stück Maryam, wo plötzlich ein paar Mariachi-Bläser durchs elektropoppige Arrangement plöttern, als sei das Lied kurz erwacht und im Zimmer umhergesprungen, um sich sodann wieder zu setzen und abzukühlen. So Far ist demnach kein ganz großer Wurf. Aber unbekannterweise vertraut zu wirken, das ist in dieser verstörenden Epoche schon mal nicht das Schlechteste.

Martinez – So Far (Oddity Music)

tt16-jewelsRun The Jewels

„Es ist schlimm in einem Land zu leben, in dem es keinen Humor gibt.“ Das schrieb Berthold Brecht, als die Zeiten noch viel, viel furchtbarer waren als heute und fügte hinzu, dass es allerdings noch schlimmer sei, „in einem Land zu leben, in dem man Humor braucht“. Ein Land wie einst das deutsche eben. Ein Land wie die USA mit neuem Präsidenten künftig sein könnte. Es ist das von Jaime Melines und Michael Render. Seit Jahren rappen sie unter ihren Pseudonymen El-P und Killer Mike im wütenden Soundgewitter von Hardcore über Techno bis Metal getrennt gegen alles an, was daheim schief läuft. Gegen Rassismus also und Ungerechtigkeit, gegen die Lügen der da da oben, denen es unter Donald Trump weniger denn je um die da unten geht. Zeit fürs dritte Album der gemeinsamen Kolkaboration namens Run The Jewels.

Sie klingt ebenso sauer wie ihre zwei Vorgänger. Kein Wunder. Gab es unter Barack Obama zumindest noch einen Hauch Coolness im Weißen Haus, der den Schimmer von Hoffnung mit einer gewissen Leichtigkeit untermalte, so herrscht heute nicht nur im liberalen New York der zwei Außenseiter des HipHop blankes Entsetzen. Mit freundlicher Unterstützung so verschiedenartiger Kollegen wie Danny Brown, TV on the Radio, BOOTS, Trina oder dem eklektischen Saxophon-Genie Kamasi Washington ist daraus nun ein fantastisches Album entstanden, dessen außergewöhnlich intensive Raps permanent mit einem düster dräuenden Klanggemisch um Deutungshoheit ringen. Vorweg: Beide laufen zeitgleich ins Ziel. Als Free Download hier, nächste Woche auch physisch, beides angemessen angepisst. Und musikalisch grandios!

Run The Jewels – RTJ3 (Rund The Jewels, Inc)

tt17-irisWinged Victory For The Sullen

Wenn ein Soundtrack seinen visuellen Kontext verliert, geht alle Wirkung häufig rettungslos verloren. Es sei denn, dieser Soundtrack funktioniert auch häppchenweise. Wie etwa bei Tarantino üblich. Oder er erzeugt auch ohne Sichtkontakt echte Bilder im Kopf. Wie A Wingend Victory For The Sullen. Voriges Jahr hat das Ambient-Duo aus Berlin und Brüssel Jalil Lesperts Erotikthriller Iris über eine Frau vertont, die mit fatalen Folgen ihre Entführung vortäuscht, um offenbar von ihrem Mann loszukommen. Nun erscheint die zugehörige Musik als Surrogat und schafft etwas Außergewöhnliches: Für alle, die den Film gesehen haben, läuft er abermals vor Augen ab.

Und dem Rest? Offenbart sich das Gehörte als metaphorischer Tagtraum, einer Kontemplation visueller Art, aus der man kaum erwachen kann, will. Dank modularer Synthesizer, gepaart mit einem 40-köpfigen Orchester, erzeugen Adam Bryanbaum Wiltzie und Dustin O’Halloran auf ihrem dritten Soloalbum eine filmisch entkoppelte Atmosphäre, die das Publikum im permanenten Wechsel von Künstlichkeit und Analogie mehr noch aus der Gegenwart zu entführen vermag als der Film selbst. Iris, ein kleines musikalisches Wunder.

A Winged Victory For The Sullen – Iris (Erased Tapes)

Hype der Woche

tt17-zimmerHans Zimmer

Einen Soundtrack, der weniger an Wunder als Dampfhammer erinnert, die aus der Leinwand gewaltiger Multiplexkinos runter ins Publikum krachen wie der Zorn aller Donnergötter zusammen, liefert gemeinhin ein optisch unscheinbarer Komponist aus dem Hessischen: Hans Zimmer. Mit Pauken und Trompeten, Geigen und der ganzen Bandbreite extrovertierten Lärms, hat er sich zu Hollywoods Blockbuster-Dirigent schlechthin entwickelt, der jede Mainstreamsequenz mit der doppelten Ladung Effekt zum Inferno von Gefühl, Gewalt, gern beidem aufbläst. Eine Sammlung des massenwirksamen Mainstreams von Batman über Gladiator bis Piraten der Karibik erscheint da wie die private Bedienungsanleitung für den hausgemachten Tinnitus. Auf The Classics allerdings hat Zimmer Solisten wie den Pianisten Lang Lang, den Trompeter Till Brönner oder den Geiger Maxim Vengerov, aber auch die Popstars The Piano Guys und Leona Lewis gebeten, seine Filmmusik vom Visuellen zu entkoppeln. Das Ergebnis ist natürlich immer noch ganz schön bombastisch. Aber auch sehr eindrücklich. Die Blockbuster dazu kann man sich ohnehin meist schenken.

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