Dirk Thiele: Skispringer & Phrasenschweine

hqdefaultMir fällt’s halt ein

Nach einem Vierteljahrhundert am Mikrofon kommentiert Dirk Thiele seit dieser Saison – offenbar ein bisschen unfreiwillig – kein Skispringen mehr beim künftigen Olympia-Sender Eurosport. Zeit, ein Interview mit dem heute 74-Jährigen zu bringen, das er zu seiner aktiven Zeit an den Schanzen der Welt geführt hatte – und dabei ein Bild der Sportberichterstattung malte, das ihren elaborierten Aberwitz ein bisschen verständlicher macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Thiele, Gibt es in Ihrer Redaktion ein Phrasenschwein?

Dirk Thiele: Oh je, da müsste ich sicher einiges einzahlen.

Hier ist einer Ihrer live kommentierten Redensarten: Keiner wirft die Brandfackel, an der sich die anderen mal die Finger verbrennen können. Worauf bezog sich das?

(Lacht) Das ist vielleicht typisch für mich. Ich werde oft danach gefragt: Was hast du denn da und da gesagt. Ich weiß das abschließend oft gar nicht.

Sie haben damit von den deutschen Skispringern bei der Vierschanzentournee gefordert, einer müsse die anderen mit seiner Leistung mitreißen.

Da sind wir schon mitten beim Thema. Es ist vielleicht bei allen Schwächen eine meiner Stärken – diese Impulsivität, dass mir in bestimmten Situationen Dinge einfallen, die anders sind. Ich habe einen Fan, der offenbar Tag und Nacht nur Eurosport guckt. Er hat mittlerweile 657 Zitate, Sprüche von mir aufgeschrieben und sie mir geschickt.

Haben Sie sich da selbst gewundert, was Sie so vom Stapel lassen?

Auf jedem Fall hab ich mich in der Häufigkeit wieder erkannt. Und als ich ihn bei einigen Sachen fragte: Sag, mal hab ich das wirklich gesagt? Da meinte er selbstverständlich.

Suchen Sie sich Ihre Sprüche vor der Sendung?

Nein, ich recherchiere nicht so richtig, wo ich das her hab. Ich denke, dass ich das meiste irgendwann mal gehört habe. Das fällt mir spontan wieder ein und dann bringe ich’s an. Ich weiß, das ist ein schmaler Grat, auf dem ich da wandere. Es muss eben nicht immer hundertprozentig treffen, aber mir fällt’s halt ein und dann sag ich’s. Tja.

Ihr Kommentar zum finnischen Skispringer Ville Kante – „der Wille ist da, aber trifft er auch die Kante“ – kam Ihnen spontan in den Sinn?

Ich will’s nicht ganz ausschließen, dass ich mir vorher Gedanken mache: Was könntest du denn Originelles sagen. Aber man hört es, wenn solche Sätze aufgesetzt sind. Da bin ich fest von überzeugt.

Ist das die alte Schule reifer Sportreporter wie Werner Hansch im Fußball, bildhafter, aphoristischer zu reden?

Würde ich nicht sagen. Ich stehe auf dem Standpunkt: Jeder muss sich von den anderen irgendwie unterscheiden. Wenn es keine Unterschiede in diesem Geschäft gebe, wäre man fehl am Platze. Das ist ja vielleicht unsere einzige Stärke bei Eurosport – ohne Interviews, ohne alles. Es ist ein Konkurrenzkampf der Kommentatoren und man kann nur Äpfel mit Äpfeln vergleichen. Das heißt, ich kann ein Skispringen nur vergleichen, wenn es ein anderer Sender auch bringt. Alles andere wären Äpfel und Birnen. Wenn wir aufgrund des Kommentars 15 Prozent Einschaltquote von den Öffentlich-Rechtlichen holen, ist das ein Erfolg, der auf den Kommentator zuzuschneiden ist.

Es gibt also Zuschauer, die den Sender nur anhand des Kommentators sehen?

Davon bin ich fest überzeugt. Diese Resonanz kriege ich. Wir haben 300.000 Zuschauer, ARD und ZDF dagegen 2,5 Millionen. Sagen Sie mir einen anderen Grund, warum jemand sonst Eurosport gucken soll?

Die Frage gebe ich zurück.

Ich denke mal, das ist der einzige Grund.

Aber es gibt schon noch weitere Unterschiede in der Art der Sportübertragung?

Natürlich. Die Öffentlich-Rechtlichen sind aufgrund ihres Personals, ihres Überangebots ja im Vorteil – die sind ja grundsätzlich mit zehnmal soviel Leuten vor Ort, während wir noch nicht mal einen Redakteur haben. Wir sind auf uns allein gestellt. Die haben ihre Recherchen, die Interviews, eine Plattform, reichern alles an – das müssen wir alles verbal kompensieren.

Und das zieht bei Olympischen Spielen trotz Werbung, trotz lückenloser Übertragung Publikum von ARD und ZDF ab?

Bei den Sommerspielen gibt es noch einen Aspekt: dass sich die Öffentlich-Rechtlichen ein wenig verzetteln. Mal dahin schalten, mal das zeigen. Wir sind da konsequenter und bleiben einfach an einer Sportart dran – ob es nun redaktionelle Gründe sind oder vielleicht, weil wir diese vielen Schaltmöglichkeiten haben, weil wir auch 17 Sprachen bedienen müssen. Bei den Winterspielen gibt es keine anderen Gründe als die Moderation. Zu diesem Zeitpunkt findet nur dieser 15-Kilometer-Langlauf statt. Da sticht eben diese Karte oder sie sticht nicht. Entweder, ich bin mit Gerd Siegmund oder Fritz Becker in der Lage, Zuschauer abzuziehen oder nicht. Wenn’s nicht gelingt – liegt’s an mir!

Haben Sie vom Sender alle Freiheiten, zu kommentieren wie Sie es wollen? Bei den anderen wird es da Restriktionen geben.

Da bin ich mir sogar ganz sicher. Das ist ein Vorteil, den ich habe. Die Dramaturgie kann ich selbst wählen, ich kann sprachlich in Grenzbereiche gehen, von der Kritik her anders rangehen.

Sind Sie ein Vielredner?

(Seufzt) Im Nachhinein, wenn ich mich so abhöre, sage ich: leider ja, dass die Pferde manchmal mit einem durchgehen, dass man mehr redet und fast ein wenig ins Radio reinkommt. Da lässt man sich verführen, wenn die Dramatik zunimmt, kulminiert, dann ist man automatisch dabei mehr zu reden. Das ist eigentlich falsch, wird aber generell so gemacht. Auch bei den anderen.

Erfordert Nordischer Wintersport nicht auch mehr Worte als Fußball, wo einfach mehr los ist und weniger erklärt werden muss?

Sehen Sie, das ist Grenzbereich. Ist das wirklich so? Entscheidend ist der Zuschauer. Und wenn da mal fünf oder zehn Sekunden Lehrlauf sind, denkt der sich: da passiert wohl nichts, wie langweilig. Das kann durchaus der neue Stil sein, gezwungen zu sein, mehr zu reden als früher. Das beste Beispiel ist Boxen. Früher hat man nur in den Ringpausen gesprochen. Gut, da gab es auch die Werbung noch nicht, aber was es zu sagen gab, wurde in die Ringpause verlegt und ansonsten ganz, ganz sparsam kommentiert. Heute ganz anders.

Daran trägt die private Berichterstattung großen Anteil.

Ganz sicher sogar.

Klingt da auch Kritik von Ihrer Seite durch?

(Überlegt lange) Nee, ich hab es eigentlich nur geschildert wie es ist; ich mach’s ja selber auch nicht anders.

Haben Sie schon Boxen kommentiert?

Nein, meine Kernsportarten sind Nordischer Ski und Leichtathletik. Ich hab auch schon lange Strecken Fußball gemacht, aber das hat sich irgendwann gebissen mit dem Rest. Es musste eine Entscheidung her und nun bin ich da sehr erfolgreich, denn für einen kleinen Sender wie Eurosport ist es eine Menge, wenn man wie ich in der Ausscheidung zum deutschen Fernsehpreis ist, wenn man von der FIS als bester deutschsprachiger Kommentator im nordischen Ski 2004 ausgezeichnet wurde und für den Grimmepreis nominiert.

Wie Sie Ihren Sender schildern, wird man dennoch schneller zum Mädchen für alles.

Ja, aber das hat sich in letzter Zeit doch gebessert. Es ist nicht mehr so schlimm. Jemand wie Sigi Heinrich ist zum Beispiel noch sehr vordergründig auf dem Sender, weil er sehr viele Sportarten hat. Ansonsten haben wir eine ziemliche Spezialisierung erreicht. Das schließt aber nicht aus, dass, wenn mal was passiert wie im letzten Sommer beim Frauenfußball, als eine Leitung zusammengebrochen ist und sich der Kollege nicht gemeldet hat, ich angerufen werde: Du musst ganz schnell ins Studio fahren und Frauenfußball kommentieren. Das hab ich natürlich gemacht, dazu hab ich die Grundausbildung. Und dann hab ich mir – um mich einigermaßen aus der Affäre zu ziehen – den Bernd Schröder von Turbine Potsdam dazu geholt.

Der Teamkommentar. Schwer in Mode zurzeit.

Ja, ja. Aber ich weiß gar nicht, ob es unbedingt das Nonplusultra ist. Ich mache auch gern mal wieder einen Wettbewerb allein. Es ist eine gute Geschichte, aber es muss auch passen. Wenn sich Kommentator und Experte nicht verstehen, wenn die Chemie nicht stimmt, dann hat das überhaupt keinen Sinn, dann kommt nix raus. Mit Ernst Vettori und mir – das war ein Traum. Deutschland und Österreich stimmen auch von den Mentalitäten her. Um ein Haar hätte ich den Andi Goldberger gekriegt, aber das hat der ORF verhindert. Man muss in dem Sport drinstecken, es muss auch vom Charakter her stimmen, man sollte sich nicht anpassen, sondern es muss passen.

Droht bei einer breiten Streuung der Sportarten neben der Abnutzung letztlich auch eine Art gefährliches Halbwissen?

Die Gefahr droht. Ich zum Beispiel bin im Sommer total ausgelastet, weil ich mein eigener Statistiker bin. Ich sitze am Computer, gebe alle Daten ein und was ich nicht eingebe, hab ich nicht. Sie wissen, wie umfangreich manche Sportarten sind; das kostet viel Zeit. Eine ganz wichtige Frage, die jeder für sich allein beantworten muss.

Die Sie beantwortet haben.

Das ist richtig. Vielleicht noch mal Curling, aber sonst keine weiteren Sportarten.

Sie haben Ihre Kernsportarten beim DFF herausgebildet. Was war damals anders in Ihrem Job?

Man hat ganz einfach nicht den Spielraum von heute gehabt. Was aber vielleicht sogar besser war: Wir sind alle ausgebildet worden. Heute gibt’s so viele Seiteneinsteiger, die diese Sparte fast ein bisschen beschädigen. Ich hab studiert, bin Sportlehrer, hab Journalistik gemacht und das ganze Fernsehgeschäft von der Pike auf gelernt. Ich weiß wie ein Film gemacht und geschnitten wird und das ist es, was ich heute vielleicht beklage: die fehlende journalistische Grundausbildung.

Wie oft waren Sie bei Olympia?

Sommer und Winter zusammen? Da muss ich kurz zählen: die elften.

Wird auch dort viel aus der Box, abseits des Ereignisses vorm Bildschirm moderiert?

Schauen Sie, das ist auch ein Grund für meine Entscheidung. Beim Fußball hätte ich in der Tat viel in der Kabine gesessen. Bei der Leichtathletik bin ich in der Regel vor Ort und im Nordischen Ski weitestgehend. Das ist ein großer Vorteil, ein Privileg, weil diese Sportarten bei Eurosport sehr erfolgreich sind, denn nichts ist schlimmer als beim Kommentar nur vier Wände anzustarren, da muss man ein guter Schauspieler sein.

Das haben Sie aber auch gemacht.

Na aber sicher doch. Ich habe Leichtathletik-Europameisterschaften und Olympische Spiele aus dem Studio gemacht, wo ein Hochspringer im Bild ist und man weiß nicht, wie hoch die Latte liegt, nebenan knallt ein Startschuss, auf einmal kommt Schnitt – das ist nicht einfach. Man nimmt über Bildschirme weniger wahr, den Informationsverlust kann man kaum kompensieren. Auf einmal kommt eine Einblendung, da steht 2,30 Meter obwohl es 2,27 Meter sind. Das ist peinlich, aber nicht zu ändern.

Gibt es das Problem bei ARD und ZDF auch noch?

Ich bitte Sie! Die können doch aus den Vollen schöpfen. Das gibt’s überhaupt nicht, dass jemand da was im Studio macht.

Könnten Sie sich vorstellen noch mal dorthin zu wechseln?

Nein, das denke ich nicht. Ich bin auch ganz zufrieden mit dem, was ich jetzt tue. Ich kann mich hier wirklich in meinen Vorstellungen austoben, ich kann mich absetzen, ich kann es anders machen. Es gab mal lockere Gespräche als RTL in das Skispringen eingestiegen ist. Aber das würde gar nicht passen, weil die Philosophien der Sender andere sind. Da gab es Thoma und Jauch, der Kommentator Bartels hat schön im Hintergrund zu bleiben. Bei uns ist es anders, da bin ich im Vordergrund und das sagt mir doch eher zu.

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