Rhonda, Smile and Burn, Klangstof, Oh!chestra

tt17-rhondaRhonda

Wenn es aus den Boxen klingt, als würden Henry Mancini und Amy Winehouse gemeinsam mit Shirley Bassey und Robin Williams einen Bond-Film der frühen Sechziger nachvertonen, landet man dieser Tage nicht in London oder Las Vegas, sondern im nasskalten Hamburg. Hier, wo das Erdbeben des Pop vor Jahrzehnten mal kurz, sehr kurz ein Epizentrum hatte, ist gerade eines jener Alben entstanden, die der spröden Hansestadt und dem ähnlich nüchternen Land ringsum kurz mal das Gefühl geben, auch hier können aus Studios Funken sprühen: Rhonda sind zurück! Und Wire ist nochmals besser als ihr gefeiertes Debütalbum Raw Love vor knapp drei Jahren.

War die kratzbürstige Grandezza der raumgreifenden Sängerin Milo Milone im Kreise ihrer exzellenten Band damals noch voll und ganz auf den hedonistischen Frohsinn des klassischen Heist Movies gepolt, verleiht ihr das deutsche Filmorchester Babelsberg diesmal die düstere, nie schwermütige Tiefe des Film Noir. Wire ist so gesehen ein cineastisches Werk, visuell und überfrachtet durch und durch. Nach dem hitverdächtigen Opener In My Eyes schwappen da elegant die Mandolinen ins getragene Lost My Man, bevor dunkle Kriminal-Tango-Orgeln durchs anschließende Paws dräuen, was das bigbandartige When You Find Out aber doch wieder auf die Tanzfläche einer Sixties-Party holt. Schwer nostalgisch, hinreißend schön.

Rhonda – Wire (PIAS)

tt17-smileSmile and Burn

Weder nostalgisch noch schön, sondern einfach Punkrock kommt an dieser Stelle ebenfalls aus Deutschland. Wobei – mit Punkrock ist das so eine Sache. Beide Silben sind in der Regel Betrug, vornehmlich an sich selbst. Die erste möchten Punkrocker dem Namen nach gern leben, tun es aber allzu selten, die zweite wollen sie eigentlich überwinden, nutzen aber die Mechanik des Mackerfachs moderner Musik. Man könnte also lang über die Stichhaltigkeit des Begriffes in Bezug auf die Berliner Punkrockband Smile and Burn diskutieren – oder Debatte kurz Debatte sein lassen und einfach rumhüpfen, wenn die Berliner in die Saiten dreschen, als gäb’s zumindest kein Übermorgen.

Denn das Quintett hält sich auch auf dem vierten Album nicht lange mit Äußerlichkeiten auf, sondern treibt das Tempo mit dem Opener Not Happy one-two-three-four gleich mal zum Thema soziale Netzwerkpornografie auf Anschlag, regelt es im melodischen Bye Bye Perfekt kurz wieder gefühlvoll runter, biegt mit Good Enough kurz in die Punkrockkulturtechnik des Mitvorgrölens ab und zeigt somit die gesamte Bandbreite dessen, was mit Emocore vielleicht besser beschreiben wäre; aber was sind schon Labels, wenn man auch einfach nur zuhause kurz die Anlage aufdrehen und durch die Sitzecke springen kann. Hier kann man. Wenn man will.

Smile and Burn – Get Better Get Worse (Uncle M Music)

tt17-klangstofKlangstof

Ein Begriff wie Klangstaub weckt für wahr Musikästheten ohne Amphetamine im Urin eher ungute Assoziationen. Klangstaub – unter derlei Namen animieren Trance-Acts gern zum Planieren überdekorierter Tanzflächen. Klangstaub klingt daher schwer nach Patschuli und Batik. Doch mit Klangstaub wird zwar auch die norwegisch-holländische Band Klangstof übersetzt. Deren Sound allerdings hat mit Patschuli und Batik noch weniger zu tun als mit Trance, obwohl ihr Wavepop bei aller Getragenheit etwas durchaus Transzendentes hat. Angeblich inspiriert von Radioheads epischen Meisterwerk OK Computer sucht Close Eyes To Exit in der Welt griffiger Harmonien nach Halt, greift aber stets Millimeter vor einer fassbaren Liedstruktur daneben.

Als würde er sich mühsam durch Gelee quälen, zittert Koen Van De Wardts hauchzarter Gesang dabei über windschiefe Synths und mal scheppernde, mal minimalistische Drums und Gitarren, dass man ihm permanent die Hand zur Hilfe reichen möchte. Doch das will der gar nicht. Sein Heim ist ja genau das Ungefähre zwischen Fläche und Song, Struktur und Gefühl, Refrain und Strophe. Und er fühlt sich so wohl darin, wie wir es nun auch können. Denn mit etwas Bonusmaterial ist das Ganze jetzt hierzulande erhältlich. Unbedingt reinhören, aber nicht drin verlieren! Denn das geht schnell…

Klangstof – Close Eyes To Exit (Mind O A Genius)

 

tt17-ohchestraThe Oh!chestra

Sehr, sehr viel ist manchmal noch immer nicht ganz genug. Elf Jahre lang hatte das Duo The OhOhOhs mit seinem eklektischen Mix aus E-Piano, Sampling, Drums, Percussion schon den Underground ihrer Heimatstadt Frankfurt aufgemischt und dank spektakulärer Live-Auftritte auch weit über die regionale Elektroszene hinaus für Furore gesorgt. Dann aber beschlossen der examinierte Pianist Florian Wäldele und sein autodidaktischer Namensvetter Dreßler am Schlagwerk, ihre Strahlkraft abermals zu vergrößern. Und zwar buchstäblich. „Unsere Studioproduktionen und Kompositionen sind oft wesentlich umfangreicher instrumentiert als vier Hände und Füße in der Lage sind“, schildern die beiden Enddreißiger den Wunsch zur Ausdehnung ihrer Möglichkeiten und gingen dafür im Herbst 2014 keinen radikal anderen, aber radikal breiteren Weg. Er nennt sich Oh!chestra und erschafft etwas Außergewöhnliches, wenn nicht gar Epochales: Ein kammermusikalisches Ensemble, das klassischer Musik auf analogen Instrumenten über den Umweg elektronischer Reorganisation zurück in die Zukunft verhilft.

Anders ausgedrückt: Aus Band wird Kapelle wird Band, aus Club wird Konzertsaal wird Club, aus Disco wird Festspiel wird Disco, aus OhOhOhs wird Oh!chestra und daraus wieder die Band mit dem Anspruch, Bühnen durchs Repertoire der alten Meister hypermodern zu rocken. Zu kompliziert? Bei der Konzeption des Debütalbums mit dem leicht irritierenden Titel Vierhändig schon. Beim Hörgenuss keineswegs. Schon das Auftaktstück Scales And Rivers mag ja beginnen wie ein virtuoses Meisterwerk der modernen Klassik, als säße der amerikanische Weltstar Keith Jarrett am Klavier, nicht der hessische Musikpädagoge Wäldele. Fröhlich fließen die Harmonien da vom anderen Flo zunächst minimalistisch untermalt wie Smetanas Moldau mit einer Prise Debussy aus den Boxen. Dann aber wuchtet das Schlagzeug seinen analog treibenden Beat unters Klavier, das die Klangfarbe zeitgleich auf Bass färbt und aus der melodischen Klassik somit macht, was die OhOhOhs seit 2005 kennzeichnet: ausgelassenen Analog-Techno – nur eben noch opulenter, noch filigraner, noch hinreißender

Und so geht es die meisten der zwölf Stücke weiter. Im anschließenden Cha Cha legen die Gastmusiker Juan Bauste Granda, Philipp Wildenhues und Salar Baygan afrocubanische Rhythmen aus nigerianischen Batá-Trommeln oder brasilianischen Caxixi-Rasseln über Florian Wäldeles hitzigen Flügel und machen daraus eine Art tribalistisch angehauchten Clubsound. Das gehobene Feuilleton dürfte ihm ebenso etwas abgewinnen wie die Tanzflächen elektronischer Festivals im Grünen. Schließlich stehen Wäldeles Eigenkompositionen überwiegend im Geiste großer Meister. Reminiszenzen und Respekt treffen dabei allerdings so hingebungsvoll verspielt auf Interpretation und Eigensinn, dass es vom Gehirn übers Herz direkt in die Beine geht.

The Oh!chestra – Vierhändig (Herzog Records)

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