Fernsehpreise & Fragestellungen

TVDie Gebrauchtwoche

30. Januar – 5. Februar

Den Satz muss man kurz durchkauen, runterschlucken, sacken lassen und behält ihn doch unverdaut im Magen: „Wir haben uns zu diesem Schritt entschieden, da wir aufgrund der Berichterstattung in den letzten Wochen und Monaten derzeit keine Basis für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit sehen.“ So verweigerte der amerikanische Geschäftsführer des bayrischen Fußballclubs TSV 1860 München am Dienstag die Dauerakkreditierung kritischer Lokalzeitungen. Da macht der gelernte Maschinenbauer Anthony Power seinem Namen ja mal Ehre im Umgang mit Medien und zugleich klar, als was nicht nur sein Landsmann Trump Reporter betrachtet: Dienstleister oder Feinde.

Andererseits ist die Presse auch untereinander nicht immer von Objektivität und Fairness geprägt. Das Berliner Arbeitsgericht wies gerade die Klage der vielfach preisgekrönten Fernsehjournalistin Birte Meier (Frontal 21) ab, bei gleicher Leistung schlechter als ihre (männlichen) Kollegen bezahlt zu werden. Dabei ließen die Richter an der Tatsache geschlechtsbedingter Ungleichbehandlung gar keinen Zweifel, sondern nur an deren Unrechtmäßigkeit. Vielleicht wäre das ja mal ein Fall fürs nächste ARD-Melodram am Mittwoch mit entsprechender Chance auf einen jener Deutschen Fernsehpreise, die am Donnerstag in Düsseldorf mehr oder weniger feierlich verliehen wurden.

Erwartungsgemäß räumten die Öffentlich-Rechtlichen ein Dutzend Trophäen ab, mehr als alle Privaten zusammen. Weniger zu erwarten war hingegen, dass mit Sonja Gerhardt eine Schauspielerin prämiert wurde, die in Ku’damm 56 und Jack the Ripper fachlich allenfalls solide die Kaugummikulissen dekorierte. Ebenfalls ein Schlag ins Gesicht von Niveau und Anstand: Auszeichnungen für Galileo (Pro7), Kitchen Impossible (Vox), Autoquartett (RTL Nitro) und letztlich auch Familienfest (ARD) als bester Film, der fraglos gut, aber keinesfalls herausragend war.

Das ist nach wie vor und immer wieder der Seriensieger Jan Böhmermann, dessen Neo Magazin Royale nach der Rückkehr gleich wieder mit einen Geniestreich sarkastischer Daseinsbeschreibung glänzte, der das Weltgeschehen rund um Trump mit angemessener Heiterkeit einordnet.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. Februar

So gar nicht zum Lachen ist hingegen eine herausragende Doku, die damit sehr unmittelbar zu tun hat. Anstelle der auf 23.30 Uhr verschobenen ARD-Geschichtsstunde Unsere Städte nach `45 über die Architektur-Sünden der jungen Bundesrepublik setzt Hubert Seipel in Abgehört und Abgenickt (Montag, 22.45 Uhr) sein legendäres Fernsehinterview mit Edward Snowdon von 2014 fort und macht daraus „eine kleine Geschichte des Nachrichtendienstes und ihrer Zwänge, Mechanismen, Kommunikation“, wie der sie vielfach preisgekrönte Filmemacher nennt.

Eine Quintessenz aus Gesprächen mit vier früheren BND-Chefs oder dem einstigen NSA-Boss Hayden lautet dabei in Anlehnung an Angela Merkels berühmten Satz: „Abhören unter Freunden geht sehr wohl!“ In Zeiten falscher Fakten stellt Seipel dazu eher die richtigen Fragen, als selbstgerechte Antworten zu geben. Das ist mehr als genug auf einem Erdball im Würgegriff eines selbstverliebten Potentaten, der Konfliktlösungsansätze wie jene bevorzugt, die Sat1 zweieinhalb Stunden zuvor starten lässt. Als Filmreihe machte Leathal Weapon vor einem Vierteljahrhundert Mel Gibson zum Weltstar, als Serie macht es die testosterongesteuerte Gesetzesselbstermächtigung cooler Cops nun für die postheroische Gegenwart auf der Suche nach Männerhelden verwertbar.

Da überspringen wir doch fix mal ein paar Tage und machen mit dem Kontrast der Woche weiter. Während 3sat am Donnerstag um 19.20 Uhr wie jedes Jahr die Eröffnung der Berlinale zeigt und später am Abend (23 Uhr) das beeindruckende Bürgerkriegsepos `71 – Hinter feindlichen Linien aus dem irischen Bürgerkrieg der Siebziger, schert sich Pro7 nicht weiter um die Hochkultur und startet die 5283. Staffel von Germany’s Next Topmodel by Heidi Klum and Several Top Brands Intending to Make Woman More Sexualized Again and Less Smart. Aufgepasst und dünngekotzt, ihr biegsamen Fans der Jahrgänge 1995 bis 2005!

Da ballt man doch instinktiv jene Faust, die 3sat tags drauf den ganzen Abend in mehreren von Goethes Wahnsinnswerken feiert. Oder besser gleich Die Todeskralle von Bruce Lee, mit der es auf Tele 5 (Montag, 20.15 Uhr) ein 1972 noch blutjunger Chuck Norris zu tun kriegt. Ansonsten aber stehen die Wiederholungen der Woche ganz im Zeichen von Manfred Krug, der am Mittwoch 80 geworden wäre. Montag (20.45 Uhr) zum Beispiel zeigt der MDR den kürzlich verstorbenen Schauspieler in seiner alten Heimat als Teil der DDR-Gaunerkomödie Mit mir nicht, Madam! von 1969, während der RBB zeitgleich den letzten Tatort mit Kommissar Stoever aus dem Jahr 2001 namens Mord vor Scharhörn wiederholt. Und auch der schwarzweiße Tipp ist „Manne“ gewidmet. Und wie könnt es anders sein: Spur der Steine (Montag, 23.15 Uhr, NDR) – 51 Jahre alt, für immer sehenswert.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s