Shoppingzone & Schlagerland

TVDie Gebrauchtwoche

13. – 19. Februar

In Schweden ist am Wochenende eigentlich nichts Schlimmes mit Migrationshintergrund passiert, aber der amerikanische Präsident garniert seine Suada gegen Fake News mit der Fake News, dort sei etwas Schlimmes mit Migrationshintergrund passiert. In der Türkei wird ein deutscher Journalist zum türkischen Staatsbürger erklärt, damit man ihn als Terrorist inhaftieren kann. In England ist Geheimnisverrat vor allem eine Staatsangelegenheit, wofür künftig dennoch vornehmlich Journalisten Strafe droht. In Deutschland wird die Presse gern mit dem Präfix „Lügen“ versehen, in Polen praktisch gleichgeschaltet, der Journalismus kämpft in einem zusehends irren System um seine Haut. Wie schön war es da, Maybrit Illner am Donnerstag kurz vor Lanz eine Lanze für die Meinungsfreiheit brechen zu sehen, die mit so viel Verve schon länger nicht mehr getalkt wurde.

Das war auch bitter nötig, nachdem die zwischendurch scheinbar geläuterte Bild wie zu populistischsten Diekmann-Zeiten die rassistische Sau eines Mobs „arabisch aussehender Männer“ Frauen durch eine Frankfurter Shoppingzone jagen sah – was sich bei genauerer (also journalistischer) Betrachtung als Lüge ganzer zwei (im Zahlen: 2) Zeugen erwies, wie das Springer-Blatt kleinlaut (also so, dass es kaum jemand hörte) einräumen musste. Gegen derlei Fake-News wirkt der zwischendurch scheinbar geläuterte Playboy, der nach einem wirtschaftlich desaströsen Jahr ohne Nacktbilder wieder auf Titten statt Text umschalten will, fast schon seriös.

Peter-Matthias Gaede dürfte dieser Rückfall in hetzerische Berichterstattungsmuster kaum überrascht haben. Der frühere Geo-Chef hatte ja die Jury des Henri-Nannen-Preises mal verlassen, weil dieser der Bild zuteil werden sollte. Nun kritisiert Gaede völlig zu Recht die Wahl zum aktuellen World Press Photo an eines, das den Attentäter Mevlut Mert Altintas zeigt, nachdem der Russlands Botschafter in der Türkei erschossen hatte. So nämlich böte man dem Terror das, was ihn nährt: Aufmerksamkeit. Dieser seltsame Brennstoff der modernen Mediengesellschaft befeuert aber auch ein ganz anderes Genre: Schlager. Doch während sich die Hochkultur naserümpfend abwendet, blickt ein Autor mit aufrichtiger Neugier hinter dessen Kulissen.

Endlich.

0-FrischwocheDie Gebrauchtwoche

13. – 19. Februar

Denn Arne Birkenstocks Dokumentation Schlagerland (Montag, 23 Uhr, ARD) ist ein ebenso kluges wie leichtfüßiges Sittengemälde einer Branche, die man nur von innen heraus verstehen kann. Dafür hat sich der Autor nur an die Fersen des 72-jährigen Bühnenfossils Jürgen Drews oder der halb so alten Glamourschablone Helene Fischer gehängt, aber auch Hersteller, Fans, Profiteure und ein Sternchen namens Franziska Wiese unter die Lupe genommen, die für ein Publikum zugerichtet wird, dem das kühl Berechnete ihrer Stars erstaunlich egal ist.

So gesehen passt der 90-Minüter bestens zur närrischen Zeit, die am Mittwoch um 23.25 Uhr noch vergleichsweise authentisch Fahrt aufnimmt, wenn sich Jecken in Alaaf you selber filmen. Tags drauf aber ersäuft aller Frohsinn Abend für Abend auch öffentlich-rechtlich in orchestriertem Humptataah. Umso mehr seien ein paar Alternativen empfohlen. Dienstag um 23.15 Uhr zum Beispiel wandern Christian Ulmen und Fahri Yardim als Jerks von Maxdome ins Free-TV, was in zehn kaum halbstündigen Häppchen natürlich völlig fehlversendet ist. Ähnlich verhält es sich mit der gewiss sehenswerten Adaption des Mangas Death Note um einen magischen Killer im Namen des Guten, den P7Maxx an 19 Mittwochen ab 22.05 Uhr bringt.

Gut eine Stunde später zeigt Arte einmalig in voller Länge Tod den Hippies! Es lebe der Punk! mit Tom Schilling als Landei im aufgewühlten Westberlin von 1980. Das wird zwar gewiss weniger lehrreich, aber ungleich unterhaltsamer als das Biopic Katharina Luther, mit dem die ARD am gleichen Abend zur besten Sendezeit das Reformationsjubiläum wie üblich am Beispiel einer starken Frau – genauer: Luthers – in männerdominierter Zeit nachstellt. Karoline Schuch und Devid Striesow als Religionspopstars ihrer Zeit machen das im Rahmen der Genregrenzen allerdings ganz gut.

Gänzlich in die Hose geht hingegen das Tatort-Experiment mit dem Ludwigshafener Odd-Couple Odenthal/Kopper an der Seite von Laiendarstellern eines improvisierten Mundarttheaterstücks namens Babbeldasch. Echt nur was für Hardcore-Fans. Das gilt auch für die der Ultimate Beastmasters. Ab Freitag schickt Netflix – auf Deutsch moderiert von Luke Mockridge – echte Kerle auf den krassesten Hindernisparcours seit Takeshi’s Castle. Mindestens. Aber wenn schon Rummelplatz, dann doch lieber den einzig wahren: Echt Reeperbahn heißt eine fünfteilige Doku über den Hamburger Kiez, die 3sat zur Nachteulenzeit am Sonntag um 1.30 Uhr bis Montagfrüh nach fünf zeigt.

Und wenn mit Lava (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte) nach Trapped die nächste Krimiserie aus Island empfohlen ist, gibt‘s lecker Wiederholungen der Woche aus vergangener Zeit. Sonntag (20.15 Uhr, Arte) zum Beispiel Hitchcocks schwarzweißes Thriller Rebecca von 1940 um die Geister der Vergangenheit als Hindernis der Zukunft. In Farbe Der Oscarkrösus Cabaret von 1972 (Samstag, 20.15 Uhr, 3sat). Jung, aber schon wieder sehenswert: Roland Suso-Richters famos inszenierte Spiegel-Affäre (Donnerstag, 23.15 Uhr, Arte) mit Francis Fulton-Smith als Franz-Josef Strauß (2014). Und der neue alte Tatort-Tipp: Todesbrücke (Freitag, 22 Uhr, RBB) von 2005, im Gedenken an Ritter und Stark, das vielleicht beste Berliner Team seit Jahr(zehnt)en.

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