Jesca Hoop, Dude York, Phantom, B.O.X.E.R.

tt17-hoopJesca Hoop

Wenn eine Künstlerin wie Jesca Hoop in zehn Jahren fünf Alben herausgebracht hat und noch immer keinen (deutschen) Wikipedia-Eintrag hat, wenn sie mit Bands von Eels über Elbow bis Placebo kolaboriert hat und dennoch hierzulande ziemlich unbekannt ist, wenn es dieser weithin unbekannte Superstar des Singer/Songwritings also noch immer nicht ganz aus der Nische ins Rampenlicht geschafft hat, dann muss irgendwas grundsätzlich schief laufen in der Welt alternativer Musik. Gut, das ist mit Binsenweisheit sogar noch beschwichtigend umschrieben. Aber die Kalifornierin von 41 Jahren macht Platte um Platte von so hingebungsvoll verschrobenem Folkpop, dass man ihr umgehend eine Monsterkarriere in riesigen Hallen vor Milliarden Menschen wünscht.

Nur – das täte ihrem Sound auch nicht unbedingt gut. Der nämlich irrlichtert gewohntermaßen wie verhinderte Hits auf der Flucht vor den Charts durch den Hallraum ihrer knarzigen Country-Stimme, als würde Ani Di Franco mit den White Stripes jammen. Hübsche Gitarrenpicks wechseln sich da in Simon Says mit merkwürdig blechernem Doppelgesang ab, bevor Cut Connection wie eine Art Ethnopunk über die Prärie fegt und es im anschließenden Songs of Old fast ein bisschen nach Kate Bush klingt. Man kann sich hier Track für Track durch ein reichhaltiges Biotop folkiger Klänge wühlen, dass es die pure Freude ist. Mit der Berühmtheit wird es dennoch auch diesmal noch nicht klappen. Macht aber nix.

Jesca Hoop – Memories Are Now (Cargo Records)

tt17-dudeDude York

Ein bisschen wie bei Jesca Hoop verhält es sich auch mit Dude York. Das Trio aus Seattle macht einen Sound, der seinesgleichen sucht – mitreißend, verspielt, kreativ, durcheinander, schön. Trotzdem hängt ist ihr fantastisches Debütalbum Dehumanize selbst daheim in den USA nicht so richtig übers Off-Art-Feuilleton hinausgekommen. Zu blöd eigentlich. Denn auch der Nachfolger Sincerely bereichert das Genre des Alternative-Pop um eine Spielart, die man vielleicht Glampunk nennen könnte. Endlich mal ein Hipphipphurra-Rock’n’Roll, der die ohnehin harte Zeit nicht mit Schwermut überfrachtet, ohne dabei irgendwie flach und öde zu klingen.

Die 13 Stücke sind einer wie der andere von so himmelschreiender Lebenszugewandtheit, dass man sich zwar bisweilen schon etwas mehr Transzendenz wünschen würde, wenn soziokultureller Tiefgang schon nicht auf der Agenda von Sänger Peter Richards zu stehen scheint. Doch wie der Gitarrist gemeinsam mit Claire England am Bass und Drummer Andrew Hall die Mittelzonen des Popwerpop in den Wave der späten Siebziger zieht, kann man da prima drüber hinweg sehen. Der frühe, der Look-Sharp-Joe-Jackson hätte seine helle Freude an dieser Wiedergeburt seines fuzzigen Uptempo-Discorocks am Ende der Punk-Ära, die mit John Goodmanson spürbar den gleichen Produzenten hat wie Sleater Kinney und Bikini Kill. Und wir freuen uns einfach mal mit.

Dude York – Sincerely (Hardly Art)

tt17-phantomPhantom

Die Kunst, künstlich zu wirken, und dabei natürlich zu bleiben, ähnelt dem Versuch, vor der Kamera schlecht eiszulaufen, wofür man besser gut eislaufen können sollte. Ganz schön kompliziert. Aber machbar. Wie gut, belegt das finnische Elektropo-Duo Phantom auf seinem Debütalbum MMXII. Der Klangkosmos, den die Jazz-Sängerin Hanna Toivonen und ihr Beatproduzent Tommi Koskinen erschaffen, vollführt nämlich das kleine Wunder, zugleich höchst artifiziell und dabei organisch zu sein. Beim Hören ist man deshalb ständig hin und her gerissen: Oh Gott, war das da grad Rhythm & Blues? Nein, nein – eher schon Dreampop. Oder nee, doch eher eine Art Electroclash. Und so geht das die ganze Zeit.

Vom winzigen Youtube-Hit Scars über die Singleauskopplung Kisses bis hin zu all den Tracks mit raspelkurzen Titeln wie Smoke oder Shadows, in denen Hanna Toivonens Stimme zu oft verstörend düsteren Synths den Spagat schafft, zugleich zerbrechlich und tough zu klingen, soulig und kratzig. Für den Lounge-Club mit fancy drinks wirkt das dabei alles viel zu verstiegen und schräg, fürs Feuilleton dagegen schon manchmal etwas zu cheezy. Aber vielleicht ist ja genau dies das Geheimnis guten Pops: sich nirgends so recht einordnen zu lassen, bei allem Eklektizismus eigensinnig zu klingen. MMXII schafft genau das.

Phantom – MMXII (VILD)

Hype der Woche

tt17-boxerB.O.X.E.R.

Die Kunst, künstlich zu wirken und dabei natürlich zu bleiben, ähnelt wie gesagt der Sache mit dem schlechten guten Eiskunstlaufen. Die Kunst hingegen, künstlich zu sein, weil man eben künstlich ist, ist gar keine Kunst, sondern im besten Fall ein leidlich gutes Vermarktungskonzept, im schlechteren einfach Bullshit. Ganz schön berechenbar. Das Hamburger Duo B.O.X.E.R., schafft es, beides zu sein – Vermarktungskonzept und Bullshit, wenn auch verrührt mit einer unüberhörbaren Ladung Lässigkeit, die ihr Debütalbum Opium durchaus unterhaltsam macht. Dennoch werden das weltweit gebuchte Model Anna Maria Nemetz und ihr indiegeschulter Musiker Jan Ole Jönsson (Caracho) nicht umsonst wegen der hübschen Optik über die Laufstege der Oberflächlichkeit von GNTM bis GQ geschickt. B.O.X.E.R. klingen in jedem ihrer Electropop-Strücke exakt so artifiziell wie ihr Äußeres für den kalkulierten Medienhype. Das Ergebnis ist Musik aus der Nische zwischen Regal, Showroom und Tresen, von wo aus Opium prima die Verkäufe stylischer Items der Überflussgesellschaft untermalt. Nicht viel mehr, selten weniger. Na ja.

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