Pullman: Kostümverbot im Kölner Karneval

koln-lorenz1Im Auge des Sturms

Ausgerechnet in Kölns offizieller Hofburg, wo seit 11.11. um 11 Uhr 11 das Dreigestirn residiert und auch sonst alle janz jeck sind, kann man dem Karneval selbst von Weiberfassnacht bis Aschermittwoch entkommen. Hoch droben, unterm Dach, in einer Bar mit fantastischem Domblick, dezenten Drinks und einer Chefin, der Kostüme eher fremd sind.

Von Jan Freitag

Das Auge des Hurrikans liegt nicht im, sondern überm Sturm. Zwölf Stockwerke, um genau zu sein, hinauf zu einer Bar, die kein Lüftchen durchweht. Der Fahrstuhl des Pullman Cologne nimmt sie in einem Tempo, dass die Vollbremsung den Magen am Ziel kurz weiter aufwärts fahren lässt. Es ist also eher nichts für Betrunkene, hineinzugelangen in den stillen Kern eines Wetterextrems namens Kölner Karneval. Dabei läuft das Nobelhotel zwölf Etagen tiefer vor Narren schier über an diesem besonderen Tag im Leben eines jeden Karnevalisten.

Wir schreiben 11/11. Für Nord-, Ost-, Süddeutsche ist das ein Datum wie jedes andere, für Rheinländer die Quintessenz allen Seins. Gute sieben Stunden sind seit dem Auftakt zur aktuellen Session vergangen. Gefühlt jeder Kölner auf dem Planeten plus messbare Teile der Restweltbevölkerung hat den 11.11. um 11 Uhr 11 in der ganzen Altstadt runter gezählt. Und hier, in Grölweite zum rappelvollen Heumarkt, wo Abertausende den Alltag schon mittags alkoholvernebelt zur Samstagnacht machen, da ist die Hofburg, sein offizielles Zentrum, nicht irgendein Hotel also.

Seit 44 Jahren residiert das Dreigestirn genannte Trifolium aus Prinz, Bauer, Jungfrau im äußerlich wenig ansehnlichen Klotz der betonsüchtigen Siebziger. Seinerzeit als Fünfsterne-Haus der Marke Interconti gegründet, hat das mittelgroße Hotel bis heute schließlich den zweitgrößten Ballsaal dieser latent größenwahnsinnigen Metropole des organisierten Frohsinns. Angemessen prunkvoll bietet er spielend Platz für tausend Gäste und mehr, die von mächtigen Kronleuchtern ebenso angemessen hell beleuchtet werden.

Wer dieser Stadt am „Elften im Elften“ nicht vorsorglich (und oft naserümpfend) entflohen ist, kann in dem handballfeldgroßen Raum an diesem kühlen Novemberfreitag all das vorfinden, was Karnevalsfans lieben, Karnevalsgegner hingegen umso mehr verachten: Kontrolliert abdrehende Ottonormalverbraucher vornehmlich reiferen Alters mit viel Farbe am Leib, sehr viel Alkohol im Blut und sehr, sehr viel Volksliedgut auf den Lippen. Heuer startet hier die regional bedeutsame Grosse Braunsfelder Karnevalsgesellschaft von 1976 e.V. in ihre fünfte Jahreszeit, und weil das designierte Dreigestirn nebst Entourage nach der Krönung Anfang Januar bis Aschermittwoch für sechs Wochen acht Zimmer auf Hotelkosten bezieht, zelebriert es sich in seiner künftigen Residenz besonders ausdauernd. Innbrünstig vor allem.

Noch ohne Ornat wärmt seine „Tollität“ in zivil und spe die Feiermeute lautstark für größere Aufgaben vor. Eine Batterie Karnevalsparolen nach der nächsten schleudert Stefan I. von ständigem Alaaf gekrönt in einen Saal, der zwar noch nicht brodelt wie am 23. Februar, wenn die Weiberfassnacht den Regler gen Höchsttemperatur schiebt. Doch schon jetzt wird deutlich, was das Hotel und seine Gäste an diesem geweihten Ort profaner Massenkultur dann erwartet. Das Foyer platzt vor Jecken, deren Stimme immer ein wenig lauter, deren Stimmung stets etwas euphorischer, deren Gestus viel überdrehter ist als nötig, aus allen Nähten. Unkostümiert fällt man zwischen den Paradiesvögeln und Piraten, den Pokemons und – 2016 schwer in Mode – Sondereinsatzpolizisten mehr auf als diese wohl an gewöhnlichen Tagen, wenn gesittete Dreiteiler und Businesskostüme die Lobby dominieren. Und dann das Gesangsrepertoire, Hymnen Kölner Eigenlobes, musikalisch zwischen Après-Ski-Gaudi, Fußballarena und Schützenfest: für alle, die davon Hitzepickel kriegen, empfiehlt sich nur eines: Flucht in ruhigere Gefilde, raus aus dem Sturm, hinein in sein Auge.

Zum Glück haben sie es nicht weit.

„Einfach in den Fahrstuhl, zwölfter Stock drücken und tief durchatmen“, so empfiehlt es der offizielle Herbergsvater des Dreigestirns, Hoteldirektor Henk Jan van Oostrum. Und in der Tat: Kaum schließt sich die Tür, setzt Staunen ein über den Segen guter Schallisolierung. Man hört mit einem Mal – nichts. Zumindest, bis der Lift rund 40 Meter höher hält. Mit gedämpfter Stimme weist die Security den Weg in eine Bar, die nun für mehr steht als den branchenüblichen Ort gediegener Absacker nach getaner Geschäftstätigkeit jeder Art. „Es ist ein echtes Refugium“, meint Henk Jan van Oostrum, ein holländischer Köln-Immigrant, der beim jahrzehntelangen Marsch durch die Institutionen seines Hotels nicht nur zum Manager, sondern zum Karnevalisten geworden ist. Doch weil davon bei zwei von fünf seiner Gäste erwiesenermaßen keine Rede sein kann und 20 Prozent die Maskerade gar offen ablehnen, hat van Oostrums Vorgänger das Restaurant unterm Dach Ende 2015 in die LAB12 verwandelt.

Karnevalsmusik ist zum spektakulären Blick über die halbe Stadt ebenso tabu wie allzu ekstatisches Gebaren in allzu offensichtlicher Verkleidung. Der „Fasteleer“, wie Karneval an dessen globaler Zweitkapitale nach Rio heißt, muss also ausgerechnet da draußen bleiben, wo die offiziellen Fahnen vom Festkomitee, seiner Ehrengarde und des Prinzenkorps wehen. Und das ist absolut im Sinne von Christin Lorenz, die hier gleich doppelt exotisch wirkt: Als Hotelbarchefin ist sie eine der ganz wenigen Frauen in einer der letzten Männerdomänen des Gastgewerbes. Und als Ostdeutsche hat sie ein, nun ja, differenziertes Verhältnis zum Karneval. Was damit beginnt, dass sie ihn beharrlich beim falschen Namen nennt.

„Bei uns in Sachsen-Anhalt feiern nur Kinder Fasching“, sagt die gelernte Restaurantfachfrau und lacht dazu ihr herzliches Lachen, das noch häufiger mal den loungig gedämpften Soulpop vom echten Plattenteller übertönen wird. Normalerweise bildet ihr Stammpublikum aus Handlungsreisenden mit Stehvermögen und Laufkundschaft mit Standesbewusstsein ein distinguiertes Konzentrat der solventen Großstadtbohème. Longdrink-Preise für den Gegenwert eines Wochenendeinkaufs bei Aldi machen ihnen ebenso wenig aus wie Zimmerpreise rund um den Hartz-IV-Satz. Heute dagegen gleicht ihr schicker Laden bereits abends um sieben einem Asyl für Anzugträger, denen die Lobby schlicht zu derbe ist.

Im gestärkten Hemd zur Weste mischt sie einem davon ihr eigenkreiertes Antiserum zur grassierenden Karnevalsinfektion: „Scent of a Woman“, ein Rumcocktail mit Schokoladenlikör und Chilihonig von vier hoteleigenen Bienenvölkern auf dem Dach. Dezent in der Farbe, zurückhaltend im Geschmack. Gut, die dekorative Minipaprika könnten Skeptiker als Clownsnase interpretieren; die Darreichung im unprätentiösen Kristallglas konterkariert die schrille Kostümorgie auf Straßenniveau allerdings durchaus bewusst. So sieht es jedenfalls die Erfinderin eines Barkonzeptes, das den genretypischen Hang zum Chichi im Manufaktum-Stil jetzt auch nicht immerzu leugnet.

Ständig sprüht das vierköpfige Team angeblich exakt austarierte Aromen aus plüschigen Parfümflacons über die Drinks. Und wenn die 33-jährige Selfmade-Barchefin Lorenz aus einer Glaslocke mit großem Trara Holzrauchdampf überm Whisky-Gemisch, Titel: „Smokey Bacon“ entlüftet, feiern eben edle Spirituosen etwas Karneval. Auch wenn ihre Trinker gesitteter trinken. Ja, selbst wenn es Karnevalisten sind. Sogar von denen verirrt sich schließlich der ein oder andere zur LAB12. Die meisten fotografieren zwar nur fix den hell erleuchteten Dom durchs Panoramafenster gegenüber dem gediegenen Marmortresen und verschwinden wieder abwärts. Zwei aber bleiben kurz sitzen: Kurze Erholung vom Tumult, bisschen Fachsimpelei über deutschen Gin, kleine Kostprobe mit Fruchtzerstäubung, gedimmter Gesprächston – das erdfarbene Ambiente schluckt nicht nur Schall und Licht, sondern scheinbar auch Emotionen.

Christin Lorenz hätte zwar nichts dagegen, wenn ihr Arbeitsplatz während der 30 Karnevalssitzungen bis Ende Februar generell jeckenfrei wäre. „Aber ich schmeiß‘ natürlich niemanden raus.“ Die gehobene Gastronomie ist wesensgemäß duldsam. Besonders im Vielsternesegment wird exaltiertes bis exzentrisches Gehabe jeder Couleur stillschweigend bedient. Da wäre es mindestens unschicklich, Besucher auch nur scheel anzusehen, weil sie sich anlassweise kleiden wie Cowboys & Indianer. Doch auch für die hat Christin Lorenz‘ unsagbar professioneller Kollege David, mit dem sie aus dem artverwandten Hilton ins Pullman gewechselt ist, das richtige Rezept: „Jede Situation hat ihren Alkohol“, sagt der Barmann strahlend. Unten Kölsch aus dem Träger, oben Scent of a Woman im Kristallglas. Unten stehen, oben sitzen. Unten „Riesenparty“, wie es der sturmumtoste Herbergsvater van Oostrum ausdrückt, oben „was Schlichtes, Herbes“, so lautet das Angebot von Christin Lorenz. Im Auge des Orkans.

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