Essay: Die Polizei – dein Feind und Helfer

800px-polizei_laser_messungAre Cops All Bastards?

Seit Jugendbeinen macht es die Polizei (Foto: Christian “VisualBeo” Horvat) dem freitagsmedien-Autor mit viel Willkür und manchem Rechtsbruch im Dienst schwer, sie zu respektieren. Dank wachsender Aufgaben bei sinkendem Renommee und mäßigem Lohn ruft er jetzt aber zur Milde für jene auf, die ungeachtet schwarzer Schafe, Racial Profiling, Gewaltexzessen und Korpsgeist täglich den Kopf zwischen alle Fronten halten. Bei der Veröffentlichung auf ZEIT-Online hat das erstaunlich vielfältige Reaktionen hervorgerufen. Hier ist der Text in voller Länge.

Von Jan Freitag

Es war ein kühler Samstag in Hamburg, als das Gefühl in mir hochkroch, langsam zu alt zu sein, mindestens aber zu bürgerlich fürs radikale Revoltieren. Auf der Bühne stand die Band Waving The Guns und erhob Worte Waffen gleich gegen alles, was ihr HipHop gern fickt: Nazis, Kapital, Trump, das System – von weit links betrachtet alles äußerst verachtenswert, wenngleich nicht halb so sehr wie sie: Cops.

Polizisten.

„ACAB“ brüllt das Publikum mehrfach lautstark, manchmal als Teil eines Songs, manchmal einfach so. Wie es halt so ist, wenn sich ein Publikum gemeinsam mit der Gruppe on stage weit links verortet. Oder andernorts im schwarzen Block antifaschistischer Demos. Oder im schwarzen Block antiantifaschistischer Demos. Oder unter fußballfanatischen Ultras beider Lager. All Cops Are Bastards – darauf können sich braune wie rote Hardcorefans einigen. Moment, Bastards? Bevor man sich fragt, warum „uneheliches Kind“ einer libertären Ideologie als Schimpfwort dient und Individuen ungeachtet ihrer Persönlichkeit in Sippenhaft nimmt, bevor man sich also den Kopf zerbricht, wie rechts die linke Parole ACAB klingt, zerbreche ich mir meinen darüber, warum ich pauschalen Hass auf Polizisten so selbstgerecht und engstirnig finde, so nazikapitaltrumpsystemgefickt dumm.

Die Polizei, das zu sagen fällt mir als Bilderstürmer der Castor-Blockieren- bis Rote-Flora-Verteidigen-Ära nicht leicht, verdient Solidarität auch von denen, die Freunde und Helfer in toto für Feinde und Faschisten halten. Leider gibt‘s nämlich grad ein paar Feinde und Faschisten, die den Namen auch wirklich durchweg verdienen, zu viel. Und wer stellt sich zwischen die und uns, wenn‘s haarig wird? Genau! Doch der Reihe nach. Vor einiger Zeit wäre mir das Gebrüll wider die Staatsmacht durchaus lieb gewesen. Ich hatte ja auch Grund dazu.

Kaum volljährig, wurde ich erstmals Ziel polizeilicher Willkür. Gut, mit drei Freunden auf einer Wache betrunken die Freilassung des vierten zu fordern, dem wegen Alkohols am Steuer (zu Recht) Blut abgenommen wird, war wenig diplomatisch. Doch dass ausgerechnet die zwei Besonnenen unter uns Prügel bezogen und – bezeugt von mehr Beamten als zugegen – eine Anzeige wegen Widerstands, hat mein Vertrauen in die Ordnung der Ruhe früh erschüttert. Und so ging es weiter, je weiter ich auch deshalb nach links rückte. Anfang der Neunziger wurde ich als junger Journalist Zeuge uniformierter Gewalt gegen zwei Fotografen im Einsatz. Damit nicht genug, erzählte mir der Abteilungsleiter „Interne Ermittlungen“ meiner Heimatstadt, die fünf Jahre zuvor 861 Demonstranten 13 Stunden im berühmten „Hamburger Kessel“ ihrer Freiheit beraubt hatte, deprimiert von zwei Handvoll Anklagen gegen rechtsbrüchige Kollegen in zwei Dekaden Dienst.

Wuchs mein Zweifel an der Polizei da bereits heftig, geriet er nach einer Demo in Kiel zur Gewissheit. Auf dem Rückweg nahm mich ein SEK-Kommando wahllos fest und garnierte das Unrecht mit einer Anzeige wegen Landfriedensbruchs, die trotz eines Dutzends Zeugen mit Dienstgrad „mangels Beweisen“ zurückgezogen wurde. Obwohl ich über Rangeleien im Getümmel hinaus nie die Hand gegen Polizisten erhoben habe, arbeiten sie also hart an meiner Antipathie. Wie vor vier Jahren, als ganz St. Pauli zum Gefahrengebiet wurde. Über Tage patrouillierten Einsatzkräfte damals mit schlechter Laune und Schlagstock im Wohngebiet für 23.000 Bewohner wie mir. Es war erniedrigend. Doch obwohl mein achtjähriger Sohn sich nun ein wenig vor Uniformen fürchtet, mache ich hiermit ein Friedensangebot. Denn trotz überdurchschnittlich rechter Gesinnung, trotz Korpsgeist aus dem ethischen Präkambrium kaiserlichen Obrigkeitsdenkens, trotz Racial Profiling, Scheinexekutionen und Lächelverbot im Fronteinsatz sind Polizisten ja zunächst mal – Menschen.

Und als solche, liebe „ACAB“-Hater, bitte individuell zu beurteilen. Davon abgesehen ist die Polizei 2017 trotz aller Auswüchse nicht mit der von 1987 zu vergleichen, schon gar nicht mit der von 1968. Seither ist sie liberaler geworden, weiblicher, selbstkritischer, demokratischer, ja sogar migrationshintergründiger. Vielleicht nicht im Tempo der Gesamtgesellschaft, aber in ähnlicher Richtung. Und abgesehen vom Häuflein Anarchisten, das Ordnung per se ablehnt, seid ihr am Ende vermutlich ebenso erleichtert wie ich, wenn ein rechtschaffender „Bulle“ den Raddiebstahl aufnimmt, Brandanschlag aufklärt, Vergewaltiger findet. Das aber erfordert Personal, zumindest mal rund 10.000 Stellen, denen 20 Millionen Überstunden der 310.000 Beamten 2016 entsprechen. Gut geschult und moralisch gefestigt, versteht sich. Dazu unbestechlich, liberal, human und auch dann cool, wenn es attackiert wird. Da dies selbst im Alltag so oft passiert, dass 2015 mit 64.371 Delikten gegen Polizisten 2,5 Prozent als im Jahr zuvor registriert wurden (wo die Steigerung gar doppelt so hoch war), legte Justizminister Maas gerade den Straftatbestand „tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ vor. Höchststrafe: Fünf Jahre.

Man muss kein Fanatiker sein, um die Streichung von fast jeder zehnten Polizeistelle seit 1995 angesichts wachsender Aufgabenfelder irgendwie kontraproduktiv zu finden. Die Zahl insbesondere schwerer Delikte geht laut Kriminalstatistik trotz aller Überwachung zwar konstant nach unten; parallel indes wächst der Präventionsbedarf, wenn jeder Päderast, jeder Islamist, jeder potenzielle Täter 24/7 eskortiert und zugleich jedes Fußballspiel, jede Nazidemo, jeder Weihnachtsmarkt bewacht werden soll. Umso mehr verstört ein Zeit-Dossier, das die Misere von ungeheizten Diensträumen bis uralter Bewaffnung am Beispiel der Berliner Polizei gerade tragisch auf den Punkt brachte: So inakzeptabel jeder Rechtsbruch durch jene ist, die das Recht schützen sollen, so bizarr wirkt es, den überforderten, unterbezahlten und doch oft hingebungsvollen Rest verantwortlich für den statistisch üblichen Arschloch-Anteil zu machen.

Der „Bürgernahe Beamte“ meines Wohnviertels zum Beispiel ist von einer verbindlichen Lässigkeit, als gehöre er nicht mal derselben Spezies an wie mancher Kollege, der offenbar Polizist wurde, weil Hooligans keinen Sold beziehen. Auf seiner Wache wurde mir zuletzt nach einem Unfall die Strafanzeige mit einer so klugen Philippika zur heilenden Kraft des Diskurses ausgeredet, dass ich die überlastete Justiz damit nicht behelligt habe. Als der US-Rapper Ice-T angesichts der vielfach tödlichen Diskriminierung schwarzer Amerikaner durch weiße Cops einst “Fuck the Police” ins Mikro brüllte, klang das irgendwie nach Notwehr. Aber in Deutschland, dessen Polizei pro Jahr überhaupt nur 40 Mal auf Menschen schießt? Gut, selbst da trifft es auch falsche Opfer. Und bei Bundesligaspielen ums Eck sähe ich gern mal ein Lächeln zwischen Helm und Schild statt provokanten Missmut. Aber das ist wohl ein Panzer, den in der 356. Überstunde für 2300 Euro brutto selbst jene anlegen, die ihren Job mit gewissenhafter Hingabe ausüben.

Ich werde also auch weiter laut, wenn die Polizei das Recht beugt. Zugleich aber will ich nicht, dass Individuen – ob Flüchtling, Sachse, Journalist, Mann, Frau, Häftling oder eben Ordnungshüter – pauschal verunglimpft werden. Da halte ich es lieber mit Extrabreit als Waving The Guns oder Body Count: „Sie haben Angst vor Terroristen / denn sie ziehen oft nicht schnell genug“, sang die Band 1981, als Polizisten mehr Respekt als Überstunden auf dem Konto hatten. „Sie rauchen Milde Sorte / weil das Leben ist doch hart genug.“ Die Zigaretten gibt’s nicht mehr, das harte Polizisten-Leben schon. Machen wir‘s nicht härter als nötig.

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