Judith Holofernes: Solo & Helden

Ich sauf mir nichts schön

Judith Holofernes ist so ziemlich alles, was Pop nur selten ist: kreativ, klug, belesen, schön, sympathisch und bei all dem gesegnet mit einem Gespür für seichte Stellen im Tiefgang, aus denen wahre Nachhaltigkeit erwächst. Als sich die erfolgreichste Deutschpop-Band der Nuller 2012 nach zehn Jahren vorläufig getrennt hat, war daher klar, dass die frühere Straßenmusikerin aus Berlin auch solo was Bleibendes produziert. Ihr zweites Album Ich bin das Chaos (17. März, Därängdängdäng Records) ist von so orchestraler Verspieltheit, dass die melodramatischen Texte Appelle der Zuversicht im drohenden Untergang sind. Ein Gespräch über melancholische Zuversicht, positive Autosuggestion, Glückssuche im Kollektiv und warum sie manchmal gern ein wilder, kaputter Mann wäre.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Kann es sein, dass du zurzeit bester Laune bist, wenn nicht gar richtig glücklich?

Judith Holofernes: Das ist ja lustig. Eben grad wollte jemand wissen, ob ich wirklich so traurig bin. Aber in der Tat, ich bin eigentlich sehr gut aufgelegt. Sollte das Album also gute Laune verbreiten, könnte das mit meiner eigenen Stimmung zu tun haben; obwohl ich berufsbedingt natürlich einen gewissen Zugang zur Schwermut habe und auch sonst für Stimmungen jeder Art empfänglich bin.

Nur die Schlechten?

Nein, auch die Guten. Ich bin im Rückblick oft selber erstaunt, wie wenig ich beides in meiner Musik verbergen kann. Wenn ich Platten aufnehme, sind die Gefühle der Songs darauf schon mal ein Jahr und mehr her. Da fühle ich mich beim Hören oft ganz schön entblößt.

Auch im Fall dieser Platte?

Ja. Im Dunklen wie im Hellen.

Wobei alle Songs etwas gemeinsam haben: Während sie textlich entweder melodramatisch, wütend oder beides sind, ist die zugehörige Musik vorwiegend heiter.

Das war im Prinzip auch geplant. Ich gehe zwar selten ins Studio, um Platten genau so oder so zu machen. Andererseits hatte ich frühzeitig eine Art Farbe vor Augen, eine Ausstrahlung, die ich nur noch wahrnehmbar machen musste. Und die sollte in diesem Fall eher glänzend sein, funkensprühend.

Darf man sich das dann als farbenfrohes Statement in grauer Zeit dunkler Populisten schönhören?

Sehr gern sogar, auch wenn ich mir das nicht bewusst so überlegt hatte. Ich halte sehr viel davon, magisches Handeln in sein Leben zu integriert.

Magisches Handeln in Form von Autosuggestion?

Genau. Wobei ich Autosuggestion nicht von Wahrnehmung insgesamt unterscheiden würde, weil aus meiner Sicht jede Wahrnehmung Autosuggestion ist und umgekehrt. Ich gehe da jetzt nicht in Richtung Eskapismus, sich das Schlechte der Welt schön zu fantasieren. Aber man muss die guten Gefühle wie Freude, Liebe, Verbundenheit unabhängig vom äußeren Einfluss verinnerlichen, um ihnen nicht ein Leben lang vergebens hinterherzulaufen.

Und du hast diese Kraft positiver Autosuggestion?

Schon. Ich kann mich ganz gut in Stimmungen versetzen, die mir weiterhelfen, ohne ein Schäfchengrinsen aufzusetzen. Ich sauf mir also nichts schön, habe aber verstanden, dass aus einer Haltung von Verzagen, Angst, gar Panik noch nie etwas besser geworden ist.

Halse ich dem Genre Pop zu viel auf, wenn es mir so vorkommt, als wäre seine vielleicht vornehmste Aufgabe, über eine gewisse Leichtigkeit Optimismus zu erzeugen?

Warum nicht! Musik hat ja generell die sehr spezielle Möglichkeit, gleichzeitig Kopf, Körper und Herz zu erreichen. Es so gesehen eine Chance des Pop, die Widersprüche der Wirklichkeit in eine Gleichzeitigkeit der Stimmungen zu verwandeln. Das wollte ich auch mit diesem Album.

Auf dem du sehr an einen deiner Kollegen erinnerst.

Da bin ich ja gespannt.

Moritz Krämer.

Echt? Toll! Warum?

Der versprüht auch diese melancholische Zuversicht.

Das nehme ich als Kompliment. Komischerweise hat kürzlich jemand getwittert, ob der Typ von Die Höchste Eisenbahn eigentlich Judith Holofernes‘ Bruder von einer anderen Mutter ist. Ich dachte da eher an Francesco Wilking, weil ich mit dem seit 15 Jahren befreundet bin. Aber es stimmt: ich habe einen ausgeprägten Hang sowohl zur Melancholie als auch zur Zuversicht, gern auch gleichzeitig. Das hatte ich aber auch schon mit Wir sind Helden.

Worin unterscheiden die sich von dir als Solo-Künstlerin?

Das kann man insofern gar nicht genau sagen, weil ja auch die Helden Entwicklungen durchgemacht haben. Bring mich nach Hause klingt völlig anders als Von hier an blind. Schon deshalb ist Judith Holofernes nicht Wir sind Helden minus drei. Andererseits steckte auch in den Helden so viel von mir, dass man mich nie ganz davon abstrahieren kann. Ein leichtes Schwert war analoger und damit näher an den mittleren zwei Alben, während die Synthies auf Ich bin das Chaos mit der ersten und vierten Platte verwandt sind. Es war immer so viel möglich, dass keiner von uns rausgeht und sagt, endlich mach ich was anderes!

Gibt es solo nicht trotzdem irgendwas, das vorher nicht ging?

Klar. Spezielle Vorlieben wie Alternative Country oder die Cramps waren immer mein Ding und finden jetzt eher mal statt. In meiner Fantasie bin ich oft ein wilder, kaputter Mann. Umso frustrierter bin ich dann, dass es am Ende ja doch wieder nur ich ist.

Plus Band allerdings oder spielst du alle Instrumente selbst ein.

Natürlich nicht!

Es klingt halt stets ein bisschen selbstverliebt, wenn jemand unterm eigenen Namen aus einem Bandkontext aussteigt, aber immer noch nicht alleine musiziert…

Deshalb finde ich das Label „Solo“ komisch. Hab ich mir auch nicht ausgedacht. Das Interessante ist aber, dass man durch das Lösen alter Verbindungen ein Stück seiner Selbstgenügsamkeit im vertrauten Zusammenhang verliert. Mit den Helden hätte ich nicht meine tolle Live-Band oder was mit Bonaparte geschrieben. Ganz allein kann ich gar nicht, dafür arbeite ich viel zu gern mit Leuten zusammen.

Allein mit Hocker und Westerngitarre auf großer Bühne wäre nichts für dich?

Na ja, von dort aus bin ich einst zu den Helden gekommen, weil ich allein überhaupt nicht glücklich war.

Ist es ein Ausdruck dieser Glückssuche im Kollektiv, dass diese Platte so orchestral klingt?

Schön, das ist gewollt. Wir alle waren uns einig, dass der rote Faden des Albums ein fiktives Orchester sein soll, das manchmal neben der Spur liegt. Zu echten Streichern und Bläsern kommt daher manchmal eine bescheuerte Flöte hinzu.

Klingt, als wären gewöhnliche Clubbühnen dafür demnächst zu klein…

Wir waren auch vorher schon zu sechst. Aber obwohl Teitur ein Multiinstrumentalist ist, müssen wir uns Live vermutlich schon noch mal neu aufstellen. Das wird ‘ne echte Herausforderung.

Eine Frage zum Schluss, die sich schwer vermeiden lässt.

Die Helden…

Liegen die wirklich nur auf Eis oder ist damit Schluss?

Dass wir uns nicht abschließend aufgelöst haben, war eine Bauchentscheidung, die immer noch nicht ganz getroffen ist. Ob wir je wieder was zusammen machen, steht in den Sternen, aber es wäre doch traurig, wenn wir alle dächten, unser eigentliches Leben hätte bis vor fünf Jahren stattgefunden. Wir sind mit dem, was wir machen, sehr zuhause im Leben.

Das Interview ist vorab auf MusikBlog erschienen
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