Candelilla/vanHolzen/SamedayRec/Holofernes

Candelilla

Die Achtziger waren nicht ohne Grund aseptisch kühl und trashig bunt. Das Patt globaler Zerstörungsgewalt sorgte mit saurem Regen und Privatfernsehen für jenen unverwüstlichen Mix aus Hedonismus und Fatalismus, der seine Anziehungskraft nie verloren hat. Wenn Donald Trumps nun verkündet, Amerika solle wieder Kriege gewinnen, wirkt der verdrießliche Nihilismus von Candelilla umso weniger nostalgisch, sondern sehr zeitgemäß. Schon auf den ersten zwei Studioalben hat das zum Frauenquartett geschrumpfte Kollektiv sein Thema Liebesleben in Substantive von so rabiater Seelenlosigkeit zerhackt, dass man sich fragte, ob es die Zeichen besserer Zeiten nicht gehört oder ignoriert hat.

Auf der neuen Platte Camping scheint es: Candelilla waren uns einfach ein paar Erkenntnisse voraus. Nie seit der Gründung in München, als 9/11 kurz bevor stand, wirkten die dystopisch brüllenden Synths und Saiten unterm übellaunigen Sprechgesang aktueller als jetzt. Mögen muss man diese Noisepunk gewordene Skepsis aus der Produktion von Hannes Plattmeier und Tobias Levin nicht; ein virtuoser Kommentar auf den Lauf der Dinge aus weiblicher Perspektive bleibt sie trotzdem.

Candelilla  – Camping (Trocadero)

Van Holzen

Wann immer die Härte aus Deutschland „neu“ genannt wird, scheint sie heillos eingeklemmt zwischen Männlichkeitskult und politischer Radikalität, Rammstein und Messer, Ausdruck und Attitüde. Einfach nur grob in magengrubentief verzerrte Gitarrensaiten zu dreschen wie es Van Holzen gerade tut, ist da zumindest im Rampenlicht eher die Ausnahme. Genau dorthin jedoch könnten es die Schulfreunde aus Ulm durchaus schaffen. Und das liegt (schon ganz schön, aber) nicht allein am mächtigen Majorlabel Warner im Rücken. Wichtiger ist die angenehm unprätentiöse Beiläufigkeit, mit der das junge Trio sein Debütalbum Anomalie präsentiert.

Brettharte Rockriffs aus der Blütezeit des Indie-Rocks dies- und jenseits der späten Neunziger, gepaart mit Jonas Schramms düster flatternden Bass und Daniel Kotitschkes variabl slammenden Drums, grundiert eine Alltagsprosa vorzeitig gereifter Teenager, durch die Gitarrist und Texter Flo Kiesling weder übertrieben poetisch noch allzu politisch wirken will. Da machen dann einfach drei große Jungs aus dem Süden deutschsprachigen Posthardcore, der zu subtil ist für Mackerposen und zu uneitel für Posterboypop.

Van Holzen – Anomalie (Warner)

Sameday Records

Das mit der eigenen Sprache hätte sich ein geografisch benachbartes Trio anderer Art besser mal durch den Kopf gehen lassen. Doch Sameday Records haben sich entschieden, ihren sinnesfreudigen Folkpop aus dem Badischen auf Englisch zu singen. Und das tut ihm angesichts vorgestanzter Gefühlsduseleien wie „our hearts we’re open / feet on the ground“ oder „these walls in front of you / we need to bring them down“ keinesfalls gut. Schade eigentlich. Auf ihrem Erstlingswerk Never Ending kreieren Daniele Cuviello, Severin Ebner und Patrick Huber nämlich etwas sehr Seltenes: unterhaltsamen Folkpop ohne Pahtos.

Die Instrumente fröhlich durchgewechselt, wirkt das perfekt abgestimmte Blending ihres konsequent intonierten Dreifachgesangs auf angenehm aktuelle Art altmodisch. Crosby, Stills, Nash & Young schimmern da hindurch, Simon & Garfunkel, aber beides ohne jeden Hippie-Appeal, einfach glaubhaft einträchtig und trotz einiger Schnulzen eindrücklich schön. Dass sie mit der Schmalz-Stulle Andreas Bourani auf Tour waren und mit dem Gelee-Brötchen Ed Sheeran verglichen werden, kann man einer so jungen Band mit dem Ziel, ihre Leidenschaft zur Profession zu machen, da ja irgendwie nicht vorwerfen.

Sameday Records – Never Ending (Blackwood Music)

Hype der Woche

Judith Holofernes

Ach, wenn man sie so singen hört. “Nichts ist so trist / wie ein Optimist” kommt da von der weltgrößten Heldin im deutschen Popolymp oder noch toller, klüger, zugleich verspielter: “Freude schöner Götterfunken / Tochter mach dein Physikum” gefolgt von “alle Menschen werden Brüder / später, später Rentnerglück”. Wer Judith Holofernes heutzutage singen hört, mag Wir sind Helden stets im Hinterkopf haben. Doch ohne ihr auf Eis gelegtes Stammensemble, so scheint es auch auf dem zweiten Solo-Album Ich bin das Chaos, ist die Sängerin der konsenstauglichsten Band der Nuller im Land buchstäblich wie entfesselt. Da prasseln die Ideen nur so aus den elf Popkunstwerken, da sprüht das Charisma, da pendelt die Hauptverantwortliche mit so einer Innbrunst zwischen soziokulturellem Anspruch und fast kindlicher Lebensfreude, dass einem das Herz aufgeht, von Track zu Track zu Track ein bisschen weiter. Ach Judith, was soll man sagen, mach einfach so weiter, ob solo, ihm Team, wie im freitagsmedien-Interview egal. Einfach immer weiter. Danke!

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