Lügenfront & Kliniklegenden

Die Gebrauchtwoche

13. –  19. März

Schwer zu sagen, was am Hype um das BBC-Video, in dem ein südkoreanischer Politikprofessor bei der Live-Schalte ins heimische Arbeitszimmer eher mit seinen Kindern als dem Gesprächsthema zu tun, bemerkenswerter ist: Dass es nach Abermillionen Clicks sogar eine Pressekonferenz mit der gesamten Familie nebst Aufklärungsvideo nach sich zog? Dass ihr natürlich die übliche Erregungsmaschine inklusive Shitstorm (Gewalt! Fake!! Rassismus!!! Und überhaupt!!!!) vorausging? Dass auch wir an dieser Stelle da mitmachen? Oder vielleicht doch, wie schön es in der in der Flut drastischer News von islamistisch über populistisch bis rechtsradikal ist, mal wieder was Belangloses wie das hier zu verbreiten?

Von allem etwas, vermutlich. Weil letzteres aber einfach schöner ist als die ewigen Horrormeldungen von der Lügenfront (an der Justizminister Maaß nun endlich mit schwerem Geschütz des Strafgesetzbuchs aufrüstet), setzen wir die Liste schöner Irrelevanz hier kurz mal fort: Matthias Schweighöfer ist jetzt also ein Amazon-Star und tut in You Are Wanted das einzige, was er kann, nämlich niemandem mit seiner Nettigkeit wehzutun. Von Big Bang Theory entsteht demnächst ein Prequel aus der Kindheit eines dieser liebenswert lustigen Nerds. Sibel Kekilli beendet ihr Tatort-Gastspiel, um auf der Erfolgswelle von Game of Thrones in die Welt zu reiten.

Und dann wäre da noch die Frage, wer denn bloß Guido Westerwelle spielen soll, wenn sein „Lebensbuch“ wie vom Großchronisten deutscher Zeitgeschichtsbefindlichkeiten (Nico Hofmann) verkündet, demnächst verfilmt wird? Heino Ferch? Ulrich Noethen? Heino Ferch? Ken Duken? Oder vielleicht Heino Ferch? Wir sind gespannt! Und zwar ausdrücklich auch auf das lang ersehnte Stück Zeitgeschichtsbefindlichkeit, dem sich ab Dienstag kein Geringerer als Sönke Wortmann widmet.

Die Frischwoche

20. – 26. März

Nachdem der Regisseur bereits mehrfach das Nationalheilmittel Fußball filmisch verabreicht hat, lässt er nun einen Ort auferstehen, an dem der Begriff Heilen einst sehr merkwürdig ausgelegt wurde: die Berliner Charité. Wortmanns Hochglanzblockbuster spielt im Dreikaiserjahr 1888, wo mit Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich zwar gleich drei künftige Medizinnobelpreisträger unterm Klinikchef Rudolf Virchow tätig waren. Allerdings in einem Umfeld, das Menschen seinerzeit mehr krank als gesund machte.

Natürlich geht es im opulent ausgestatteten Historytainment dieser Art auch um ein (fiktives) Mädchen (Alicia von Rittberg) zwischen zwei (duften) Männern. Im Zentrum steht aber der medizinische Epochenwechsel in politisch spannender Zeit an einem Ort, den Wortmann (und die anschließende Doku) stimmig zwischen hygienischer Hölle und wissenschaftlichem Aufbruch skizziert. Wenn man jetzt noch kurz beiseite lässt, dass Charité dank dreier Doppelfolgen eigentlich ein handelsüblicher Mehrteiler ist, könnte man sagen: Serie, nun ja, ganz gut gelungen, Patient meist tot.

Von der Machart her genauso konventionell und doch ebenfalls recht sehenswert ist ein (echter) Dreiteiler, den die ARD ab Freitag jede Woche an gleicher Stelle um 20.15 Uhhr zeigt. Die Titelklammer Eltern allein zu Haus ist zwar denkbar blöde. Doch Harald Krassnitzer und Ann-Kathrin Kramer, die auch im echten Leben verheiratet sind, verkörpern das erste dieser Paare mit Empty-Nest-Syndrom wirklich glaubhaft und dabei sehr humorvoll. Seine Jugend könnten die verlassenen Eheleute aus Hamburg übrigens durchaus im Onkel Pö verbracht haben, ein legendärer Rockschuppen aus den Siebzigern, dem der Dokumentarfilm Die Höhle von Eppendorf am Dienstag (0.00 Uhr) ein wunderbares Denkmal setzt.

Den Abend zuvor verbringt Art damit, den 60. Geburtstag der Römischen Verträge mit einem Schwerpunkt zu begehen. Europa, was nun? wagt dabei erst einen Aus- und dann einen Rückblick auf sechs Jahrzehnte EU, der überaus erhellend ist und dabei Themen wie das streicht, dem 3sat heute die Dokumentation Neuland über junge Flüchtlinge in der Schweiz widmet. Und weil das Wochenende bis aufs Ende der Winterzeit nicht viel Neues zu bieten hat, kommen wir gleich zu den Wiederholungen der Woche: Am Dienstag (20.15 Uhr, BR) Gelobtes Land, der erste gemeinsame Auftritt von Edgar Selge und Michaela May im Polizeiruf , mit dem beide die Tradition herausragender Münchner Folgen der Reihe 2001 eingeläutet haben. Ebenfalls in Farbe, aber nicht künstlerisch, sondern nur phänomenologisch empfehlenswert ist Top Gun (Mittwoch, 20.15 Uhr, Kabel1), der selbst für Hollywood-Verhältnisse 1986 erstaunlich offene Militär-Propaganda war, darin aber sehr kurzweilig ist.

In Schwarzweiß ratsam: Billy Wilders Gerichtsfilmklassiker Zeugin der Anklage, 1957 herausragend kühl verkörpert von Marlene Dietrich (Sonntag, 21.40 Uhr, 3sat) im Anschluss der unfassbar farbsatten Komödie Wie angelt man sich einen Millionär mit der alles andere als kühlen Marilyn Monroe von 1953. Und der Tatort-Tipp: Reifezeugnis (Donnerstag, 23.30 Uhr, NDR), mit Christian Quadflieg im Griff der 1977 noch frühreifen Nastassja Kinski. Ein Meilenstein.

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