The Gift, Gato Preto, Diet Cig, Seiler und Speer

The Gift

Aus alternativer Sicht ist Portugal absolute Pop-Diaspora. Wer als erstes auf Anhieb auch nur drei leidlich bekannte Independent-Bands – also bitte nicht Nelly Furtado – vom Halbinselstaat aufzuzählen in der Lage ist, gewinnt hiermit einen ganzen Pastel de Nata, dieses oberflächlich meist angekokelte Vanillepuddingküchlein, das gern zum Galao gereicht wird nd geschmacklich irgendwie ein wenig an eine Gruppe portugiesischer Superstars erinnert, die jenseits der iberischen Halbinsel trotz mittlerweile sechs Studioplatten kaum jemand kennen dürfte: The Gift.

Das Neue verdient es daher echt, auch hierzulande endlich breiter wahrgenommen zu werden. Es heißt Altar, und wenn der Begriff Pop im besten Sinne mal für einen Stil zutreffend war, dann diesen hier. Koproduziert von niemand Geringerem als Brian Eno, stapelt das geschlechtermäßig paritätisch besetzte Quartett so viele Schichten kreativen Überflusses in fast jedem der zehn Tracks übereinander, dass die Synths und Samples nur so jauchzen. Clinic Hope zum Beispiel, gleich zu Beginn: Wie da die Bontempi-Orgel über den androgynen Gesang in englischer Sprache hoppelt – herrlich! Nichts fürs Feuilleton, sicher. Aber was für die Nacht.

The Gift – Altar (La Folie)

Gato Preto

Ach, wie herrlich ist zuweilen doch überraschte Unwissenheit! Wer Gato Preto hört, muss zum Beispiel schon ganz schön sachkundig sein (oder zumindest die Packungsbeilage gut studieren), um in seinem Debütalbum Tempo sogleich herauszuhören, was das Ethnosound-Duo alles hineingepackt hat: Favela-Funk aus Rio, südafrikanischen Township-Kwaito, Hybrid-Tech namens Kuduro, wie er Angolas Disco grad arschwackelnd zum Sieden bringt, das Ganze angereichert um hitzige Percussions des Senegalesen Moussa Diallo. Klingt in Kombination entfesselt, lebendig, tanzbar, viril.

Klingt jedoch noch etwas entfesselt lebendig tanzbar viriler, wenn man hört, wo Gata Misteriosas und Lee Bass zwar nicht herstammen, aber zuhause sind: Düsseldorf. Hier ist die portugiesische Sängerin mit Wurzeln in Mosambik auf den DJ mit Wurzeln in Ghana getroffen und hat eine Platte aufgenommen, die dem Karneval vor Ort elf Tracks lang das Humptataa austreibt. Dass sie dennoch nie folkloristisch klingt, liegt dabei vor allem an Lees Bass, den er jedem Song magenerschütternd unterjubelt. Und an wunderbar verspielten Samples aus dem Zylinder des Discozauberers. Vier Kontinente, fröhlich vereint am Rhein. Hinreißend!

Gato Preto – Tempo (Unique Records)

Diet Cig

Und wenn Punks nun doch not dead wäre? Wenn er sich mit dem Präfix “Rock” nicht nur in die weitere Welt des Independent gerettet hätte? Wenn das Rohe, Robuste, Unfertige daran irgendwo dazwischen weiterlebte? Dann hieße das Ganze womöglich Diet Cig. So nennt sich ein Duo aus den USA, das mt Schlagzeug und Gitarre allein eine Art Punk liefert, der verwaschen genug klingt, um ein bisschen ans Jahr 1977 zu erinnern, dem das allerdings unwichtig genug ist, um zugleich einen Fuß im Pop zu behalten.

Nach einer Weile New Yorker Undergroundsemipopularität wirkt ihr Debütalbum wie eine Frischzellenkur für alles, was sich mit vielen Posts von Punk und Rock emanzipieren will. Dank Alex Lucianos Stimme, die sich wie ein weibliches Luftpolster fröhlich nölend über Noah Bowmans Drums legt, hoppeln die acht, neun Tempostücke neben drei, vier Balladen aus den Boxen, als ginge es um nichts. Und alles. Das macht Swear I’m At This zu einem ganz feinen Akt von hedonistischem Popfeminismus.

Diet Cig – Swear I’m At This (Frenchkiss Records)

Hype der Woche

Seiler und Speer

Österreich ist ein schönes Land. Politisch gebiert es zwar zu oft den gröbsten Irrsinn von ganz weit rechts. Landschaftlich hingegen ist es durchweg reizvoll, städtebaulich reichhaltig, und seit einiger Zeit setzt die Alpenrepublik auch noch musikalisch Maßstäbe, die man sich weiter nördlich im Sprachraum vergebens erhofft. Wanda, Kreisky, Bilderbuch, Nino aus Wien – die Liste kreativen Austropops moderner Prägung ist beliebig fortsetzbar. Womit sich die Frage stellt, ob darauf alles landen sollte, was Erfolg hat. Seiler und Speer etwa, mit dem vierfach platinbesetzten Debütalbum seit zwei Jahren in den Charts, mit dem Nachfolger gewiss ebenfalls auf dem Sprung nach ganz oben. Aber womit eigentlich genau? Auch und weida (Preiser Records) klingt wie Ham kummst zuvor schwer nach Reinhard Fendrich, also nicht zu einem Achtel so eigensinnig wie, sagen wir: Ja, Panik. Macht aber gar nichts. Denn das quer eingestiegene Schauspielduo schleudert seinen artifiziellen Mundartglamrock mit so großer Geste ins Publikum, dass selbst eher schlichte Harmonien immer noch unterhaltsamer sind als vieles, was in Deutschland auf diesem Feld so ackert. Hinhören!

 

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