Reichsbürgernaidoo & Polizeimodel

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Mai

Die Innovationsmaschine RTL, sie läuft seit einiger Zeit schwer auf Hochtouren. Nachdem ihr Programm zusehends an die 80er erinnert, hat der Barrikadenstürmer des Fernsehens von gestern nun den nächsten Barrikadensturm des Fernsehens von heute angekündigt und wiederholt auf seinem Ableger mit dem Zusatz „Plus“ im Juni selbsternannte „Kultklassiker“ wie Ein Schloss am Wörthersee oder RTL Samstag Nacht. Für den Ex-Marktführer reicht es jetzt also nicht mal mehr zur Neuauflage. Wobei Wiederholung keineswegs gleich Wiederholung ist.

Dass der BR zurzeit samstags Graf Yoster gibt sich die Ehre aus der schwarzweißen Mottenkiste holt und mit der seltsam religiösen Vorsilbe „Kult“ versieht, weckt nämlich fürwahr nostalgische Erinnerungen an eine Zeit, da sich innovative Kreativität im Fernsehen nicht auf Jan Böhmermann beschränkt hat, der sich am Donnerstag mal die Soul des Reichsbürgertums Xavier Naidoo zur Brust genommen hat. Und es beweist den Spürsinn der Programmplaner. Denn kaum sind die ersten Folgen zum 50. Geburtstag des adeligen Hobbydetektivs gelaufen, ist dessen Darsteller Lukas Ammann im biblischen Alter von 104 Jahren gestorben, der interessanterweise im selben Jahr seinen Durchbruch in der Literaturverfilmung Bel Ami feierte, als der ESC unterm sehr deutschen Titel „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ Premiere feierte.

1956 galt der Musikwettbewerb als Element der europäischen Einigung, bei dem echte Menschen richtig gesungen haben. Die 62. Ausgabe in Kiew dagegen glich schon bei der Vorbereitung vergangene Woche eher einem Hochsicherheitstrakt im Kriegszustand als dem Slogan „Celebrate Diversity“ – was angesichts des Boykotts von Russland und der Türkei ohnehin ziemlich schal klingt. Immerhin bildet Peter Urban als deutscher Moderator seit 1997 eine Konstante aus jener Zeit, als Deutschland von Helmut Kohl regiert wurde, beim ESC sogar Punkte erhielt und Fernsehen Fernsehen war, weil alle fernsahen, vornehmlich das gleiche, also meist Krimis.

Die Frischwoche

8. – 14. Mai

Witzigerweise sahen sie schon damals ungefähr so aus wie jene der italienischen Reihe Die Toten von Turin. In sechs Doppelfolgen wird darin ab Donnerstag auf Arte je ein Mordfall gezeigt, was ästhetisch sogar überzeugen kann. Doch Regisseur Guiseppe Gagliardi hat bei aller Liebe zur schönen Kamerafahrt durch düster dekorierte Kulissen oft vergessen, dass Serien längst horizontal erzählt werden, also etwas mehr thematischen Überhang aufweisen sollten als das – hoppela! – dunkle Geheimnis von Ermittlerin Valerio Ferro, deren Mutter wegen Mordes an ihrem Mann im Gefängnis sitzt.

Damit nicht genug, wird sie von Miriam Leone verkörpert, die zwar keine Schauspielerin ist, aber klasse aussieht. Miss Italia 2008 müht sich im Auftaktfall um ein getötetes Mädchen zwar redlich, an ihrer Optik vorbei zu wirken. Doch ein 30-jähriges Model in leitender Polizeifunktion – da könnte einem glatt die Idee kommen, es gehe der Serie eher ums Äußere als Inhalt. Dabei ist das doch die Spezialität von RTL… Das nächste Woche wie so viele Sender übrigens wenig Innovatives zu bieten hat.

Einmal mehr überlässt es das Regelprogramm daher den Streamingdiensten, echt televisionär zu sein. TNT und Sky strahlen Montag den deutschen Sechsteiler 4 Blocks über einen arabischen Clan in Berlin-Neukölln aus, der visuell, ästhetisch, dramaturgisch drastischer, aber eben auch authentischer und horizontaler ist als alles, was ARZDLPRO1 je zustände brächten. In abgeschwächter Form gilt das auch für gleich drei Netflix-Serien, die ab Freitag abrufbar sind. Allen voran die zweite Staffel des hinreißenden Migrationshipsterporträts Master of None, dicht gefolgt von der Doku-Reihe Get me Roger Stone, die einen der einflussreichsten Spin-Doctors der US-Politik auf der Spur ist. Und dann wäre da noch Anne with an E, was das vielschichtig schöne Coming-of-Age-Thema endlich mal aus der erweiterten Gegenwart um gut 100 Jahre zurückverlagert.

Linear gibt es dann aber doch auch was Sehenswertes: Den wahrhaft gelungenen ARD-Mittwochsfilm About a Girl mit Heike Makatsch als heillos überforderte Mutter von Jasna Fritzi Bauer als düstere Außenseiterin – herrlich morbide. Interessant ist hingegen die Doku Verbotene Filme (Dienstag, 21 Uhr, Phoenix), in der Das Erbe des Nazi-Kinos skizziert wird, zu dem unter anderem mehr als 40 NS-Werke wie Jud Süß gehören, die bis heute unter Verschluss stehen. Frei verfügbar sind die Wiederholungen der Woche wie Robert Thalheims Familiendrama „Eltern“ (Dienstag, 20.15 Uhr, 3sat), in dem Charlie Hübner und Christiane Paul 2013 die klassische Rollenverteilung unfassbar glaubhaft umgedreht haben. In Schwarzweiß ratsam: Die Hoffnungslosen (Mittwoch, 23 Uhr, Arte), ein verstörend düsteres Knastdrama aus dem Ungarn des Jahres 1966. Und der Tatort-Tipp lautet diesmal Salzleiche (Montag, 22.05 Uhr, RBB), bei dem Charlotte Lindholm 2008 im Atomklo Gorleben ermittelt hat.

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