TV-Beben & Hit-Maschinen

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Mai

1998 war das Leben am Bildschirm noch geordnet. Auf MTViva sangen Boygroups von Girls und Girlgroups von Boys. Linda de Mol arrangierte heteroherrliche „Traumhochzeiten“ und Homosexuelle gab es in exakt vier Aggregatszuständen: Tunte, Tunte, Tunte oder gar nicht. So gesehen war die US-Serie Will & Grace nicht nur ein Format mit schwuler Hauptfigur, es war ein TV-Beben. Dieser Will hatte zwar so seine Probleme mit dem Coming-Out, zeigte sich allerdings 194 Folgen lang als leicht überspannter, ansonsten recht gewöhnlicher Mitbewohner seiner Ex Grace.

Was es uns da sagen könnte, dass NBC vorige Woche die Fortsetzung in gleicher Besetzung angekündigt hat? Außer der puren Freude: Nix! Elf Jahre nach der letzten Staffel sind Homosexuelle überall präsent, aber selten tuntig, also ganz schön normal. Was weniger normal ist? Alles andere. Mittlerweile gibt es ja halbkybernetische Fernsehgeschöpfe wie Helene Fischer, der die NDR Talk Show am Freitag so tief ins Zentrum ihres Verbrennungsmotors kroch, dass der sein neues Album mit gleich fünf Songs vermarkten durfte und zwischendurch im Kreise lobhudelnder Hofschranzen saß.

Mittlerweile gibt es aber auch vollkybernetische Webstars wie Bibi, deren Youtube-Kanal Abertausende Mädchen zu Sexobjekten schminkt. Selbst ein drastisch missratenes Musikvideo steigert ihren Umsatz da nur noch weiter, vom fabelhaften Ulk des Postillion, der IS habe sich zu dem Clip bekannt, ganz zu schweigen. Ach ja – was es mittlerweile auch gibt: Milliardäre, die Sport kaufen wie kleine Mädchen Bibis PR-Produkte. Einer davon ist der US-Investor Leonard Blavatnik. Er hat gerade die Übertragungsrechte an der Champions League ersteigert, weshalb Spitzenfußball ab 2018 nur auf der PR-Plattform Dazn (und Sky) zu sehen ist. Das Free-TV geht leer aus.

Die Frischwoche

22. – 28. Mai

Das erinnert an 2009. Damals wanderte ein Kanal ins kostenpflichtige Kabelangebot ab, der die Popkultur geprägt hatte wie zuvor nur Vinyl und danach das Internet: MTV. Ohne konkreten Anlass erinnert Arte Freitag um 21.50 Uhr an Aufstieg und Fall des Musiksenders. Vom allerersten Clip am 1. August 1981 (Video Killed The Radio Star) bis zur hinterletzten Reality-Show (my super sweet 16) von heute schwelgt die französische Doku im Vergangenen und beklagt im Kreise diverser Zeitzeugen, was daraus geworden ist.

Dabei widerstehen die Regisseure Laurent Thessier und Tierry Teston der wohlfeilen Versuchung, bloß tolle Videos und Teaser aus den ersten drei (sehr erfolgreichen) Jahrzehnten abzuspielen. Das tun sie auch. Vor allem aber wird Die Hit-Maschine als das skizziert, was sie war: Ein Geschäftsmodell, das anfangs von bilderstürmendem Feuer entfacht zusehends den Mechanismen der Marktwirtschaft gehorchen musste. Als reines Rendite-Instrument jedoch versank sie spätestens 2009 in der Bedeutungslosigkeit. Das macht die 55 Minuten zwar ungeheuer trist, aber eben auch nostalgisch schön. Besonders (wenngleich nicht nur) für die Jugendlichen von damals.

Wie man wohl besser nicht auf Vergangenes zurückblickt, zeigt am Mittwoch der RTL-Dreiteiler I Like die 2000er, dessen Titel allein schon Anlass für Schmerzensgeldforderungen wäre. Dann doch lieber pur und unkommentiert die Rocknacht am selben Abend (1.05 Uhr), wenn der MDR an die Tour von Depeche Mode des Jahres 1993 erinnert. Das war übrigens gar nicht so lange vor einem Fußball-Triumph der besonderen Art, als Schalke und Dortmund 1997 kurz nacheinander Uefa-Pokal und Champions League gewonnen haben – woran der WDR am Freitag (20.15 Uhr) zum Jubiliäum gewiss nicht ohne Stolz erinnert.

Irgendwie auch bereits historisierend könnte der Blick auf Trumps Weg an die Macht sein, den ZDFinfo 24 Stunden zuvor wagt, während sich der US-Präsident bereits wieder zügig von ihr, der Macht, verabschiedet. Ebenso weitsichtig wirkt die Doku „Wir hacken Deutschland“ (Montag, 22.45 Uhr), mit der das Erste den globalen Virenangriff von voriger Woche am Beispiel eines Neusser Krankenhauses antizipiert hat. Ohne aktuellen Anlass kommt die Fortsetzung der ZDFinfo-Reihe Szene Deutschland – Unter Tätern aus, wo sich der grimmepreisnominierte Ex-Knacki Sascha Bisley wieder in die Abgründe der Kriminalität begibt, am Samstag etwa zu den Eltern eines getöteten Kindes. Und damit es an dieser Stelle auch ein wenig heitere Fiktion gibt, sei hiermit War-Machine empfohlen, mit dem Netflix am Freitag nicht nur zeigt, dass seine eigenproduzierten Filme längst Superstars wie Brad Pitt anlocken, sondern auch, wie man ein ernstes Thema wie den Afghanistan-Krieg heiter aufbereitet, ohne sich über jemanden lustig zu machen.

Ersteres, nicht letzteres gilt auch für die schwarzweiße Wiederholung der Woche am Montag (13.20 Uhr). Dann zeigt 3sat zweimal Laurel & Hardy hintereinander, im Knast und bei der Fremdenlegion. In Farbe läuft Donnerstag (23.25 Uhr, Sat1) Tom Tykwers Das Parfüm von 2006 mit dem hinreißenden Dustin Hoffman. Und der WDR serviert uns Samstag um 22.25 Uhr den schönen Schimanski-Tatort namens Freunde von 1986.

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