Maximilian Brückner: Mundart & Amigos

Ich vermeide Wohlfühlzonen

Maximilian Brückner sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Umso erstaunlicher ist, dass er ständig abgründige Rolle spielt wie Alfons Zischl, der sich als korrupter Bürgermeister des Provinznestes Hindafing mittwochs im BR und vollständig in der Mediathek abrufbar von Folge zu Folge näher an den Abgrund stößt. Ein Gespräch über Lokalpolitik, Heimatdialekt und die Schönheit des Scheiterns.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Brückner, wenn Sie wählen müssen – was wäre der bislang wichtigste und wegweisendste Film Ihrer Karriere?

Maximilian Brückner: Wenn man’s genau nimmt, war das 2003 mein erster: Männer wie wir. Ich kam damals frisch von der Schauspielschule, durfte sofort die Hauptrolle eines großen Kinofilms spielen – und dann auch noch einen schwulen Fußballer. Das war mein Entrée, ich hatte sofort einen Namen, eine Agentur. Ich war drin. Drin zu bleiben ist zwar manchmal schwieriger, als drin zu sein, aber der Start war schon mal perfekt – obwohl es oberflächlich betrachtet nur eine Komödie ist.

Welchen Stellenwert hat im Vergleich da Ihr Räuber Kneißl fünf Jahre später?

Warum der?

Weil Sie darin nicht nur einen Schurken mit reiner Seele spielen, sondern auch noch in Ihrer Mundart.

Stimmt schon; witzig, dass Sie das sagen. Zuletzt hatte ich mit Pregau eine ganz ähnliche Figur in der Gegenwart, die ohne es zu wollen immer tiefer in eine kriminelle Spirale gerät. Vorm Kneißl dagegen war ich tatsächlich viel öfter die Unschuld vom Lande. Trotzdem verlaufen auch Schauspielerleben in Phasen. Vorige Woche erst stand ich als Ibsens Baumeister Solness auf der Bühne, ein älterer Herr um die 60 mit schwerer Midlife  Crisis, den jetzt halt mal ein jüngerer wie ich spielt. Meine Rollenauswahl lässt sich vermutlich darauf reduzieren, dass ich Wohlfühlzonen vermeide.

Wie jetzt, in Hindafing.

Ganz genau. Wobei der Alfons Zischl zwar wie der Räuber Kneißl Mundart spricht, aber alles andere als eine reine Seele hat. Er ist zwar kein waschechtes Arschloch, aber es ist völlig offen, wohin es ihn im Strudel aus Korruption und Vetternwirtschaft in der Provinzpolitik treiben wird.

Die kennen Sie als Dorfbewohner ja auch aus eigener Erfahrung.

Grundsätzlich wird es die in viel schlimmerer Form geben. Es ist verglichen mit meiner eigenen realen Umgebung eine heillose Überspitzung.

In der Sie selbst sogar mal kommunalpolitisch aktiv waren.

Aber wirklich nur ganz kurz und ganz pragmatisch, weil ich die Leute dort halt kannte, wie es auf dem Dorf eben so ist.

Die berüchtigte Amigo-Wirtschaft der CSU haben Sie nicht erlebt?

Nein! Deshalb hat meine Realität da draußen mit der dieser Serie auch wirklich überhaupt nix zu tun. Zumal dieser Alfons Zischl im Grunde auch gar nicht am System scheitert, sondern an all den selbst gestellten Fallen, in die er permanent hineintappt. Fernsehen kann natürlich auch in aller Ruhe funktionieren, aber die permanente Eskalation einer heillos überforderten Figur finde ich fesselnd. Zumal man ihn ständig packen, durchschütteln und da raus holen möchte.

Sie empfinden scheinbar große Sympathie für diese Figur?

Es ist ja das Geheimnis jeder schlüssigen Filmfigur, dass das Publikum selbst dann Empathie empfindet, wenn sie abgründig ist. Nehmen Sie Francis Underwood in House of Cards, bei dem das Publikum mit fiebert, ob er es ganz nach oben schafft, obwohl das ein skrupelloser Zyniker ist, der für sein Ziel sogar tötet. Da ist es doch kein Wunder, wenn man den kleinen Zischlaus Hindafingmag. Wobei mir anders als Kevin Spacey bei dessen Figur auch wichtig war, das Menschliche an meiner herauszuarbeiten. Eigentlich will er das Gute, aber die Gier ist stärker und der Drang, aus dem Schatten des übermächtigen Vaters herauszutreten.

Kennen Sie das als ältestes von acht Geschwistern, sich behaupten zu müssen?

Nein. Wir sind zwar alles andere als stets harmonisch; das schafft man ja nicht mal in Zweierbeziehungen. Aber die Grundlage ist solide genug, um bei allen notwendigen Auseinandersetzungen am Ende immer gut miteinander klarzukommen.

Sie wohnen immer noch mit zwei Brüdern auf dem Bauernhof?

Brüder ja, Bauernhof klingt jetzt zu sehr nach Landwirtschaft. Wir haben ein bisschen Kleinvieh, das war’s.

Apropos Kleinvieh: Warum läuft Hindafing eigentlich im kleinen Dritten, nicht im großen Ersten Programm?

Weil es in seiner Besonderheit hervorragend auf diesen Sendeplatz passt. Am Anfang geht es ja noch gemächlich los, aber mit jeder weiteren Folge nimmt alles so absurd Fahrt auf, dass es für die ARD vielleicht etwas zu wild ist.

Suchen Sie als Hauptrollenschauspieler manchmal gezielt nach solchen Abseiten?

Ich suche weder das eine noch das andere, schließe aber auch nichts aus. Nachdem ich zum Beispiel Martin Luther gespielt habe, mache ich jetzt ein Low-Budget-Projekt fürs Kino. Dabei bin ich mir allerdings auch des riesigen Glückes bewusst, diese Wahl zu haben.

Nutzen Sie die auch, um Ihre Bandbreite zu erweitern?

Ich drehe jedenfalls ganz bestimmt keine schlecht geschriebene Komödie, weil ich jetzt grad was mit Humor zur Primetime brauche. Dann mach ich lieber weiter gute Krimis, danach besteht hierzulande ohnehin ständig Bedarf, gerade in meinem Alter. Oder ich spiele Theater, um mich wieder mehr der Gefahr auszusetzen, auf die Schnauze zu fallen. Das ist mir mal mit Schillers Die Räuber passiert, hat mich aber eher angestachelt, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Solange dich die Niederlage nicht zerstört, macht sie dich im Gegensatz zum Erfolg nur stärker.

Lesen Sie Kritiken?

Manchmal ja, besonders die schlechten. Auch wenn mir Lob natürlich gut tut.

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