Gipfelthemen & Spokenpunk

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Juli

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel ist schon wieder Schorndorf ist schon nicht mehr Themar ist dafür Royal-Besuch in Deutschland und Becker-Pleite im Ausland ist also alles, was die Medien gerade in Wallung versetzt, weil sie sich halt gern in Wallung versetzen lassen. Dieser Tage war das aber interessanterweise auch mal wieder was Fiktionales. Fiktionaler sogar als einem Hamburg vor zwei Wochen für fünf Tage vorkam: Game of Thrones ist zurück, ein Ereignis von wahrhaft globalem Rang. In den USA sahen dem Start der vorletzten Staffel gut 16 Millionen Menschen zu, mehr als ein Drittel davon im Internet. Gut, damit – so berichtet die Süddeutsche Zeitung süffisant – hätte die derzeit bedeutendste Serie des Planeten in den Neunziger allenfalls auf dem Niveau einer durchschnittlichen Folge Akte X gelegen, aber gut: Im Verhältnis zum gewachsenen Angebot ein Monsterwert.

So wie 91 Nominierungen, mit denen Netflix ins diesjährige Rennen um die Fernsehtrophäe Emmy geht. Wahnsinn, einerseits. Andererseits nimmt die zweite Auflage einer Studie der Hochschule Fresenius gemeinsam mit der Marktforschung Yougov dem Streaming-Hype gleich mal wieder etwas Wind aus den Segeln: Gerade junge Deutsche, so  heißt es bei „Vielfalt online“, kehren nach dem Ausprobieren von Video-on-Demand-Diensten wie Amazon Prime Video zurück zum linearen Programmangebot klassischer Kanäle. Selbst den medialen Multitaskern von 18 bis 24 ist die Verfügbarkeit von allem auf einmal und zwar immer offenbar zu anstrengend. Klingt viel. Aber doch weniger als jene zwei Drittel dieser Alterskohorte, die aus Prinzip gar kein klassisches TV schauen.

Eine andere Umfrage jedoch sorgt weniger für Erhellung als Bestürzen: Im Auftrag von RTL aktuell hat Forsa die Menschen im Land befragt, ob sie nach dem G20-Gipfel in Hamburg für ein generelles Verbot von Demonstrationen mit Gewaltpotenzial sind. Verwerflicher als die knappe Mehrheit dafür ist allerdings die Tatsache, dass RTL solche demokratiefeindlichen Fragen überhaupt zur Auswahl stellt. Aber gut – man kennt beim Sender in Köln halt sein Stammpublikum und weiß es zu umschmeicheln. So richtig harte News ohne Hintergedanken holt man sich da dann vielleicht doch lieber bei den Öffentlich-Rechtlichen ab.

Die Frischwoche

24. – 30. Juli

Die ARD-Doku Komplizen zum Beispiel beleuchtet Montag um 23.35 Uhr ein Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte, das besonders im Lichte des Diesel-Skandals interessant ist: VW und die brasilianische Militärdiktatur, so lautet der Untertitel. Tags drauf um 20.15 Uhr erklärt Arte in Religion, Macht und Archipele ein anderes Land, in dem es – das zeigt auch die anschließende Doku The Borneo Case über die gezielte Vernichtung des dortigen Regenwalds – mindestens merkwürdig zugeht: Indonesien. Und am Mittwoch  (22.45 Uhr, ARD) gibt es mit Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea den nächsten Film der Reihe: Bizarres aus dem Reich des Bösen, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Einfach nur unvoreingenommen witzig sind dagegen Denis Moschitto, Tristan Seith und Manuel Rubey, die auf ZDFneo zum zweiten Mal Im Knast sitzen. Das ist wie in der ersten Staffel ab Donnerstag (23 Uhr) von so hinreißender Absurdität, dass die weltweit erfolgreichste Gefängnisserie im Anschluss (Orange is the new Black) fast schon normal daherkommt. Das ZDF zeigt zwischendurch am Dienstag um 23 Uhr einen Film, den man ruhig auch mal zur Primetime wagen könnte: Ex Machina – kammerspielartige Gegenwarts-SciFi über die Risiken und Nebenwirkungen künstlicher Intelligenz. Im Anschluss läuft aber wieder Science Fiction der alten Schule: Lautlos im Weltraum von 1972. Eigentlich eine Wiederholung der Woche. Zuvor aber noch ein Sachfilm-Tipp der grandioseren Art.

Im Rahmen des Summer of Fish’n’Chips zeigt Arte Freitag um 22.45 Uhr Bunch of Kunst, was nicht allein wegen der Umsetzung gelungen ist, sondern mehr noch wegen des Themas: Die Sleaford Mods, eine Spoken-Punkband aus England, die sich jeder Kategorisierung entzieht und dennoch weltweit erfolgreich ist. Im selben Rahmen gibt es am Sonntag an gleicher Stelle Mythen in Tüten: Um 20.15 Uhr Highlander (1986), gefolgt von Dokumentationen über die Herren Robin Hood und König Arthur. Jetzt aber zur Wiederaufführung. In Farbe: Agenten-Poker (Montag, 1.00 Uhr, MDR), ein Thriller aus der frühen 007-Epoche (1966), aber mit mehr politischer Wucht als optischem Reiz. Schwarzweiß kann man mit Rund um Kap Hoorn von 1973 (Sonntag, 20.15 Uhr, NDR) mal eins der uralten Ohnsorg-Stücke ansehen und prüfen, warum einen die eigenen Eltern seinerzeit immer dazu gezwungen haben, solche Bauernschwänke mitzugucken. Das hätte man beim Tatort ja viel lieber gemacht, durfte aber noch nicht. Zum Beispiel Zweierlei Blut (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR), mit Götz George als Horst Schimanski im Hooligan-Umfeld der frühen Achtziger, wo sein Nachfolger Dietmar Bär witzigerweise einen Täter spielt.

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