Ozark: Liliyhammer & Walther Soprano

Grüne Hölle

Etwas Walther White, etwas Tony Soprano: In der fabelhaften Netflix-Serie Ozark (Foto: Netflix) flieht ein Geldwäscher ab heute aus Chicago nach Missouri und zeigt dort, wie fies die Provinz sein kann. Und wie gut mutiges Fernsehen.

Von Jan Freitag

Das horizontal erzählte Fernsehen auf Kinoniveau spielt oft an den Rändern zweier Pole, die sich gern ineinander verkeilen: hier das biedere Bürgertum beim Abstecher in die kriminelle Subkultur, da Gesetzlose auf der Suche nach Behaglichkeit, ersteres verkörpert durch Breaking Bad, letzteres durch Tony Soprano. Wobei: das Gute im Bösen und umgekehrt ist mittlerweile ein so verbreiteter Handlungsstrang, dass er langsam schon wieder langweilig wird.

Da kommt Ozark gerade recht.

Was geografisch ein Plateau im Herzen Amerikas ist, betitelt fiktional eine Serie, die ab sofort auf Netflix den Drang zur gegenseitigen Durchdringung sozialer Randlagen unterläuft. Ihr Hauptdarsteller ist ja weder ein biederer Chemielehrer noch ein skrupelloser Mafioso auf Abwegen, sondern ein Finanzjongleur, der von seinem Drogenboss aus dem hyperkapitalistischen Chicago in die aufgestaute Seenlandschaft des Staates Missouri vertrieben wird.

Da bricht niemand aus, es bricht auch keiner ein. Dieser Marty Byrde zieht seine Frau nebst Kindern aus Geldgier in den Abgrund. Zehn Jahre hat er nicht nur mexikanisches Blutgeld gewaschen, sondern auch noch geduldet, dass sein Partner genug abzweigt, um in ein repräsentableres Büro umziehen zu können. Kurz zuvor jedoch kommt ihm sein Gangsterboss auf die Schliche, richtet Martys Geschäftspartner hin und gibt dem einzig Überlebenden eine letzte Chance: In den Ozark-Mountains soll er ein Vielfaches der bisherigen Geldmenge waschen.

Hier beginnt in Folge 2 die klassische Fish-out-of-water-Geschichte: Großstädter landet bei Provinzgewächsen, im Amerikanischen Hillibillies genannt. Was folgt, könnte also der branchenübliche Gesinnungscrash gegensätzlicher Charaktere sein, wie man es auf gleichem Kanal bereits bei der ebenso brutalen, aber oft brüllend komischen Flucht eines amerikanischen Mafia-Killers ins norwegische Lilyhammer gesehen hat. Hier jedoch gibt es nach dem Buch von Bill Dubuque (The Judge) zunächst zehn Folgen lang wenig zu lachen. Und verschiedene Mentalitäten prallen hier eigentlich auch nicht aufeinander. Denn die Landeier vor Ort, so zeigt sich rasch, haben es mindestens ebenso faustdick hinter den Ohren wie der zugezogene Bandenverbrecher.

So entspinnt sich unter der Regie von Hauptdarsteller Jason Bateman, der für Netflix bereits in der Sitcom Arrested Development dabei war, eine durch und durch spannende Story, die vor allem handwerklich gut gemacht ist und trotz einiger Standards derartiger Stoffe nie sonderlich klischeehaft gerät. Ständig ist man beim Zusehen sehnsüchtig auf der Suche nach Sympathieträgern und wird ebenso oft enttäuscht. Familie Byrde zum Beispiel mag anfangs ein recht normales Mittelstandsleben führen; beim der Finanzplanung für zwei arglose Kunden aber schaut Vater Marty ein Video, auf dem ihn seine Frau Charlotte (Laura Linney) mit ihrem Anwalt betrügt. Im Anschluss geht er auf den Straßenstrich. Die vermeintlich gottesfürchtigen Provinzbewohner im amerikanischen Bibelgürtel hingegen erweisen sich als mindestens genauso gottlos wie das organisierte Verbrechen aus der Großstadt. Kaum einer ist unschuldig, jeder verdächtig. Selten traf „Grüne Hölle“ ein landschaftliches Idyll demnach besser als in Ozark.

Und das weiß Jason Bateman nicht nur durch sein undurchschaubares Spiel in Szene zu setzen; als Regisseur und Produzent tut er es auch durch fehlendes Kunstlicht, das der Kulisse eine Aura permanenter Dämmerung verpasst. Zugleich wird fast jede Einstellung in geruhsamer Kamerafahrt durch eine einzelne Geige knapp unterm Schmerzpegel zersägt. Selten zuvor war eine Thriller-Handlung ohne Effekthascherei daher so zum Zerreißen gespannt wie diese. Und selten zuvor hatte eine Serie das Potenzial, sein Publikum schon in der Auftaktfolge, die üblicherweise noch mühsam Charaktere einführen muss, derart zu fesseln. Solch einen Grenzgang kann zurzeit vermutlich nur ein Streamingdienst mit seiner Möglichkeit zum Bingewatching gewährleisten. Wer hier nach der ersten Folge abbricht, ist beim alten Fernsehen vermutlich besser aufgehoben.

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