Regenreporter & Rollstuhlhumor

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. September

Schon ein wenig durchschaubar, wie Martin Schulz da mit scheinbarer Vehemenz ein zweites Fernseh-Duell mit Angela Merkel fordert, das die so kurz vor der praktisch gewonnen Bundestagswahl natürlich ganz lässig ablehnt, worauf ihr der vermeintlich diskussionsfreudige Konkurrent genüsslich Feigheit vor dem Feind vorwerfen kann. Noch durchschaubarer ist es da nur, dass ARD, ZDF und RTL angesichts der zu erwartenden Top-Quote die aussichtslose Forderung unterstützen. Warum sich Sat1 allerdings nochmals der Lächerlichkeit preisgeben will, wenn auf dem früher durchaus politischen Kanzler*innen*sender wieder nur ein paar Prozent des Zuspruchs entfallen, bleibt ebenso schwer zu beantworten wie die wichtigste Frage dieser sturmumtosten Tage.

Warum stellen sich Journalisten in den Orkanen, Hurricans Taifunen zwischen Nordsee, Karibik und Asien eigentlich nicht mal irgendwo unter, anstatt im Starkregen das eigene Wort nicht zu verstehen. Denn es entbehrte ja nicht einer gewissen Komik, wenn die Außenreporter aller Kanäle klitschnass im Wind standen, um davon zu berichten, dass man im Wind ganz schön nass werde und überhaupt dieses extreme Wetter ganz schön extrem sei. Krasse Bilder als Sinn und Zweck der News – schon ein bisschen windig.

Windig wie die Strategie sozialer Netzwerke, allen voran Facebook, im Umgang mit Rechtsextremen allenfalls die Strategie zu verfolgen, keine zu haben. Hoffentlich… Schlimmer nämlich wäre es, wenn dies Teil eines konkreten Plans wäre, dass in Mark Zuckerbergs angeblich seriöser Feed-Kategorie „Nachrichten und Politik“ hierzulande praktisch nur recht(spopulistisch)e Inhalte und Gruppen empfohlen werden. Das pumpt die Desinformationsblase des Internets nur weiter auf und ist Wasser auf die Mühlen von Protagonisten einer MDR-Doku, die am Donnerstagabend um 22.35 Uhr läuft.

Die Frischwoche

18. – 24. September

Sie heißt Wir kriegen dich! und zeigt einen Pfarrer im Visier echter und Gelegenheits-Nazis, die dem Geistlichen eines Dorfes wegen seiner Hilfe für Flüchtlinge ans Leder wollen. Nun ist es gewiss nicht so, dass der Einfluss des Hasses so flächendeckend wird, um die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte neu aufzuschlagen. Aber einen Film wie A mi, mit dem die Autorin Caterina Klusemann am Montag um 23.55 Uhr auf Arte das Schweigen ihrer Mutter und Oma über den Holocaust erforscht, dem beide einst entkommen sind, sieht man im Angesicht des fruchtbaren Schoßes schon mit anderen Augen.

Zur Ablenkung empfiehlt sich da ein bisschen Humor, der die Abgründe des Daseins nicht vollends außer Acht lässt. Und nein, damit ist explizit nicht Detelf Soost gemeint, der ein paar Tausend Jahre, nachdem die Schlüpferblicke von Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer oder Vera Int-Veen selbst dem dusseligsten Zuschauer zu blöd geworden sind, ab heute täglich um 16 Uhr auf RTLII seine Zielgruppe verächtlich macht. Im ARD-Mittwochsfilm Jürgen – Heute wird gelebt hingegen zeigt Lars Jessen nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk, wie ernst man unterprivilegierte Protagonisten nehmen kann.

Sicher, es geht manchmal ganz schön derb zu, wenn der Rollstuhlfahrer Bernd (Charly Hübner) mit dem Pförtner Jürgen – gespielt von Strunk selber – auf Frauensuche nach Polen reist. Den Respekt vor diesen Verlierern der Leistungsgesellschaft verliert der Film aber dennoch zu keiner Zeit und ist dabei oft beißend lustig. Eher unfreiwillig komisch dagegen ist der RTL-Versuch, David Rott als Bad Cop ab Donnerstag (21.15 Uhr) zehn Teile lang gegen sein Schwiegersohn-Image anzubesetzen. Und sonst? Kann man sich den Ernst des Lebens früherer Tage ab morgen drei Abende lang ins Haus holen, wenn Arte je drei Stunden am Stück den Vietnam-Krieg aufarbeitet, wie es noch niemand in dieser Dichte getan hat.

Am Freitag um 21.15 Uhr dann geht die sehenswerte Schirach-Verfilmung „Schuld“ mit dem ziemlich unbekannten Weltstar Tom Wlaschiha (Game of Thrones) in die zweite Runde, während Sky tags drauf die grandiose Mystery-Serie Room 104 auch auf Deutsch zeigt. Ganz unmysteriös ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche: Im Spätwestern Der Wildeste unter Tausend (Montag, 20,15 Uhr, Arte) spielte Paul Newman 1962 einen Cowboy, der die Zeit des Herdentriebs zugunsten der florierenden Ölindustrie hinter sich lassen will und dafür das Lebenswerk seines Vaters ruiniert. Dafür gab es drei Oscars.

In Farbe gibt es zwei Tipps: Pepe Danquarts grandiose Freikletterer-Doku Am Limit von 2007 über die Huber-Buam, als sie noch nicht Werbung für Schokoriegel gemacht haben, sondern die weltberühmte Nose bezwingen wollten (Mittwoch, 22.45 Uhr, BR). Am Freitag wiederholt 3sat um 22.25 Uhr Duncan Bowies brillantes Regiedebüt Moon von 2009 über einen Minenarbeiter auf dem Mond, der dort seinen eigenen Klon trifft. Und der Tatort reist heute um 22.15 Uhr beim RBB zurück ins Jahr 1992, als Kommissar Markowitz (Günter Lamprecht) im chaotischen Berlin der Nachwendezeit mit einer Leiche zu tun hat, die ihm sonderbar ähnlich sieht.

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