Heinz Strunk: Mathias Halfpape & Jürgen Dose

Bescheuert und provinziell

Wie aus dem Nichts ist der frühere Kirmes-Musiker Heinz Strunk vor zehn Jahren zum wortgewaltigen Provinzchronisten geworden. Auch sein neuer Roman Jürgen (Foto: Georges Pauly/WDR) skizziert skurrile Figuren, die sich dort behaupten. Und das so wahrhaftig, dass ihn die ARD sofort verfilmt hat. Mit Strunk neben Charly Huber in der Hauptrolle.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Strunk – oder soll ich Sie Halfpape nennen?

Mathias Halfpape alias Heinz Strunk: Ganz, wie Sie wollen.

Also Strunk, das kennt man eher. Kann es sein, dass ihr frisch verfilmter Romanheld Jürgen Dose vor 23 Jahren der erste einer langen Reihe Figuren aus eher wenig privilegierter Unterschicht war?

Das stimmt.

Haben Sie damals ihr Faible für diesen Typus entwickelt?

Schon, weil ich selber ja dem entstamme, was man wohl untere Mittelschicht nennt. Aus meinem eigenen Elternhaus kenne ich jetzt nicht gerade echte Armut, aber durchaus ein Form von Elend der Verhältnisse. Umso wichtiger ist es mir, die unterprivilegierten Figuren meiner Geschichten nicht bloß zu stellen oder vorzuführen, sondern schlicht darzustellen, wie sie sind.

Welche Tricks wendet man denn an, nicht über ihn, sondern eher mit ihm zu lachen?

Wichtig ist immer, die Figuren auch und besonders dann ernst zu nehmen, wenn sie ein bisschen unterprivilegiert sind. Von meinem Telefonstreichen beim Studio Braun hab ich gelernt, besonders im Umgang mit solchen Leuten vorsichtig zu sein. Da gab es öfters mal die Situation, sich über jemanden lustig zu machen, der in seinem Leben ohnehin eher einsteckt als austeilt. Das war eine gute Schule fürs Schreiben. Richtige Tricks gibt es aber eigentlich nicht, im Grunde nicht mal eine besondere Technik. Nur Beobachtungsgabe und Empathie. Das fiel mir 1994, als ich die Figur entwickelt habe, sogar noch leichter, weil ich ihr damals noch deutlich näher stand als heute.

Und was privilegiert solche Figuren für den Humor?

Zunächst mal finde ich die Schicht der Reichen und Mächtigen aus humoristischer Sicht weit weniger spannend als die untere. Mitgefühl lautet die frohe Botschaft der Literatur. Eigentlich mache ich mir meine Zitate ja selber, aber das hier von Rainald Goetz. Ich bin leidenschaftlicher Zitate-Sammler. Auch Jürgen und Bernd werfen sich ja immer eher Redewendungen zu als Pointen zu reiße oder selbst der Gegenstand von welchen zu sein.

Zu welchem Typus Mann zählen denn der gefühlvolle Pförtner Jürgen und sein körperbehinderter Freund Bernd?

Seit Donald Trump mithilfe solcher Typen zum Präsidenten gewählt wurde, sind sie als White Trash bekannt. Bei uns könnte man sie vielleicht schweigende Mehrheit weißer Männer nennen, die sozial inkompetent, beruflich unzufrieden, leicht reizbar, voller Vorurteile, oftmals wütend und alles andere als stilvoll oder gar moderbewusst sind.

Wie ist es denn, sich so eine tendenziell unzufriedene Figur wie Jürgen selbst auf den Leib zu schreiben – mutet man dem eigenen Ego da womöglich mehr an Abgründen und Hässlichkeit zu als einen anderen Schauspieler?

Absolut. Es wäre für mich unvorstellbar gewesen, mir zum Beispiel einen Jürgen Vogel darin vorzustellen oder überhaupt irgendeinen Profi. Ich kann mir da selbst deutlich mehr zumuten als anderen.

So wie ein Schwarzer Nigger sagen darf, was man sich als Weißer besser verkneift?

Ganz genau.

Ist Jürgen trotz aller Nähe zu Ihrer eigenen Biografie dennoch eine Kunstfigur?

Nein. Es ist natürlich eine Verdichtung, aber keine Kunstfigur? Um das verstehen, empfehle ich jedem, mal in irgendeine beliebige Fußgängerzone ganz egal in welcher Provinz oder auch nur großstädtischen Peripherie zu gehen und sich die Leute darin genau anzusehen. Da wimmelt es nur so vor diesen Menschen.

Sind Sie selber eher Ihre Kunstfigur Heinz Strunk oder doch der reale Mathias Halfpape?

Heinz Strunk ist ja weniger Kunstfigur als Künstlername, den ich mir vor mehr als 20 Jahren zugelegt habe, weil das damals besser zu meinem Humor gepasst hat als Mathias Halfpape. Die gehen seither fließend ineinander über.

Wobei manch ein Rapper für den Namen Halfpape einen Finger geben würde.

Stimmt, heute klingt Halfpape cooler, obwohl es auch damals den Begriff Halfpipe schon gab. Ich denke heute auch manchmal, wie bescheuert und provinziell Heinz Strunk klingt. Aber als Autorenname passt er ganz gut zu Jürgen.

Geht es mit dem denn noch weiter?

Das wird die Einschaltquote zeigen. Wenn sie stimmt, könnte ich mir das gut vorstellen, so mit Charly Hübner und mir in fortlaufender Rolle mit ein paar Antagonisten. Lars Jessen hat sich das ja schon vor zehn Jahren als Serie vorgestellt.

Damals ging es grad steil bergauf oder?

Gar nicht unbedingt. Bevor ich 2004 „Fleisch ist mein Gemüse“ geschrieben habe, war ich eigentlich richtig im Arsch. Danach dachte ich dann, jetzt geht’s die ganze Zeit nur noch aufwärts, aber es kam völlig anders. Bis zum Goldenen Handschuh ging die Kurve eigentlich nur noch so leicht flach bergab – obwohl ich selbst Junge rettet Freund aus Teich drei Jahre vorher viel besser fand, das hab ich richtig gut geschrieben.

Bezeichnen Sie sich selbst eigentlich als Schriftsteller?

Schriftsteller, ich weiß nicht. Eher als variantenreich Kulturschaffender.

Und als Politiker?

Überhaupt nicht. Ich habe schon vor Jahren aufgehört, in Die Partei aktiv zu sein, das muss ich unbedingt mal aus Wikipedia löschen.

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