Eule findet den Beat: Kindermusik mit Niveau

Die Eltern haben sich geändert

Kindermusik – das waren jahrzehntelang simple Beats mit argloser Poesie. Langsam jedoch traut man dem Nachwuchs selbst im Vorschulalter mehr zu als Heididei im Dur-Sound. Bestes Beispiel ist das HipHop-Trio Deine Freunde, auf deren Label ein weiteres Projekt mit Anspruch erscheint: Eule findet den Beat. Angestoßen vom Hamburg-Berliner Trio Charlotte Simon, Christina Raack und Nina Grätz erklären sie Musikstile von Pop über Klassik, Rock, Jazz bis hin zu Folklore spielerisch, aber versiert und grafisch illustriert, was zu einem Theater-Stück mit echten Schauspielern ausgeweitet wurde. Am Sonntag, 24. September, läuft es um 16 Uhr in der Hamburger Fabrik – und es gibt noch .

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Eule findet den Beat ist eine Art frühkindlicher Musikerziehung mit Spaßfaktor. Was war zuerst da – die Theorie oder die Praxis?

Nina: Ach, das kam fast gleichzeitig. Wir wollten ein Hörspiel machen, was den Kindern qualitativ anspruchsvoll einen ersten oder auch zweiten Zugang zur Musik verschafft. Da kam die Idee auf, das über verschiedene Genres zu machen, damit Kinder bewusst einen Geschmack entwickeln können, der nicht nur von den Erwachsenen vorgegeben wird.

Bringen die Kinder da heutzutage größere Kompetenz mit als früher, wo Musik für diese Zielgruppe wenig fordernd war?

Nina: Das hängt natürlich stark von den jeweiligen Eltern ab, die den Musikzugang glaube ich mehr beeinflussen als in meiner Kindheit, und das, was im Kinderzimmer läuft, grad zu Beginn stark mitgestalten. Aber es ist in der Tat so, dass heute schon mit wenigen Jahren Präferenzen für Stile entstehen, die es früher eher seltener gab.

Christina: Was vielleicht auch ein wenig damit zu tun hat, dass weniger Mainstream übers Radio gehört wird, während über iPod oder Streamingdienste mehr Eigeninitiative entsteht, die schon frühzeitig für eigene Geschmacksnuancen sorgen.

Nina: Und über klassische Kinderlieder früherer Zeiten hinaus gibt es nun verstärkt Tendenzen, bestimmte Musikstile gezielt auf deren Anspruch zuzuschneiden. Das reicht von Kinderschlager über Singer/Songwriter bis hin zum HipHop von Deine Freunde.

Christina: Und genau das ist ja unser Anspruch: einen Pool zu eröffnen, der den Anfängern im Publikum die Möglichkeit gibt, selbstständig Vorlieben zu entwickeln, die ihnen niemand vorgibt, schon gar nicht wertend.

Charlotte: Oder schlimmer noch, abwertend.

Und wie ist die Resonanz der Kernzielgruppe – gehen die erleuchtet aus euren Konzerten raus?

Christina: Weniger nach Konzerten, wo die Kinder oft leicht verstrahlt sind. Aber auf unsere CDs kriegen wir ziemlich süßes Feedback, das zwar noch eher von den Eltern aufgeschrieben wird, weil die Kinder ja noch nicht so flink am Computer sind, aber da steht dann schon mal, dass ihr Sohn sauer war und dreimal hintereinander den Punk-Song der ersten Platte hören musste, um wieder ein bisschen runterzukommen. Oder eine Tochter, die im Beach-Club ein Lied hörte und dank unserer CD wusste, dass es Reggae ist.

Charlotte: Die Kinder erkennen Beats, die sie zuvor nicht zuordnen konnten, leichter wieder. Zu Anfang war das gar nicht unsere Intention; die sollten erstmal Spaß haben und dabei was Neues entdecken. Aber jetzt merken sie eben, dass das nicht nur etwas ist, das ihnen irgendwie gefällt, sondern HipHop, Elektro oder auf der neuen Platte eben Irish-Folk oder Salsa.

Nina: Und sie finden auch nicht nur die Beats an sich, sondern den popkulturellen Kontext dazu, der neben dem Lied ja auch Einstellungen oder Kleidungsstile wiedergibt. Punk steht da für Aufsässigkeit und Pop für Spaß. Auch das vermittelt Eule.

Musstet ihr selbst euch all die Stile erst theoretisch erschließen, um sie Kindern näher bringen zu können?

Nina: Teilweise schon.

Charlotte: Absolut.

Christina: Ich bin halt überhaupt keine Musikexpertin im pädagogischen Sinne, musste mir also vieles zusammengoogeln und wichtiger noch: so verinnerlichen, dass es nicht trocken klingt, wenn ich es für andere greifbar mache, ohne es zu pädagogisch klingen zu lassen.

Ihr seid also gar keine Pädagoginnen?!

Charlotte: Nein, Null!

Christina: Überhaupt nicht, ich hab Germanistik studiert und eher journalistisch gearbeitet, Drehbücher lektoriert, alles rund um Schrift.

Nina: Charlotte und ich sind schon seit dem Kindergarten befreundet, hatten allerdings bis zu Eule nie miteinander gearbeitet. Vor ein paar Jahren haben wir uns dann überlegt, gemeinsam was für Kinder zu machen. Charlotte kommt als Grafikerin aus der visuellen Richtung, ich komme aus der Musikindustrie – da dachten wir, mit einem Kindermusikhörspiel würden wir uns in der Mitte treffen und zugleich etwas besetzen, was noch ausbaufähig ist. Christina hat das Ganze dann textlich mit Leben gefüllt.

Vermittelt von Rolf Zuckowski, so eine Art Keimzelle deutschsprachiger Kindermusik mit zeitgemäßem Anspruch.

Nina: Das war ein verrückter Zufall. Als ich gerade meine Bachelor-Arbeit geschrieben habe, hab ich ihn bei Universal im Fahrstuhl getroffen und in den paar Sekunden Zeit mein Konzept geschildert. Er fand es gleich so toll, dass wir in Kontakt geblieben sind.

Christina: Kreativ war das Konzept zu dem Zeitpunkt allerdings schon fast fertig, er hat es dann aber sehr unterstützt.

Nina: Er hatte gerade bei Universal ein Unter-Label namens Noch Mal! gegründet.

Charlotte: Damals übrigens extra für Deine Freunde.

Nina: Um Musik speziell für Kinder zu fördern. Da passten wir natürlich prima rein.

Habt Ihr das Gefühl, Kinder sind musikalisch belastbarer als früher, als man ihnen selten mehr als einfache Dur-Abfolgen mit Heididei-Texten zugemutet hat?

Charlotte: Ich glaube, nicht die Kinder haben sich geändert, sondern die Eltern. Kinder waren schon immer belastbar, wurden aber musikalisch sonderbar unterschätzt. Dabei sind sie im Grunde viel offener selbst für abseitige Stilrichtungen, weil sie neugieriger sind und weniger voreingenommen.

Nina: Man sieht das auch gut am Theaterstück. Während Erwachsene im Publikum auf Stile wie Techno oder Rock schnell mal verhalten reagieren, oft gar skeptisch, gehen ihre Kinder voll ab. Da hättest du mal bei der Vorstellung heute Morgen dabei sein sollen.

Christina: Eltern fühlen sich da manchmal mehr an ihre Jugend erinnert als wirklich aufrichtig mitzugehen.

Nina: Andererseits achten wir schon darauf, Musik anzubieten, die auch für Eltern was ist; die müssen das schließlich den ganzen Tag ertragen.

War die Erweiterung eures sehr visuellen Live-Konzeptes grafisch animierter Tiercharaktere ins Theater eigentlich eine logische Konsequenz?

Christina: Es war jedenfalls früh unser Wunsch, der allerdings erst Wirklichkeit werden konnte, als wir die Fördermöglichkeiten entdeckt haben, vor allem von der Kulturbehörde. Kunst kostet Geld.

Charlotte: Das Kunst alleine dummerweise selten einspielt.

Zur ersten Platte von Pop über Jazz bis Punk und Oper, die ja alle auch im Theaterstück vorkommen, gibt es auch eine Reise durch volkstümliche Melodien Europas. Welche Abzweige sind da noch denkbar?

Nina: Oh, da ist in der Welt noch vieles zu entdecken.

Deathmetal zum Beispiel…

Christina: Ist bereits angedacht. Eule war ja gerade in Finnland, wo Metal zum Mainstream gehört. Der Metal-Elch ist zwar zwischendurch wieder rausgeflogen…

Nina: … aber theoretisch ist alles möglich.

http://www.eule-findet-den-beat.de/

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