Wahlkonsequenzen & Schwarzwaldtote

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. September

So, die Wahl ist gelaufen, und obwohl nun Neonazis im Bundestag sitzen, ist die Erde noch immer keine Scheibe, das Leben weiterhin lebenswert, und der Pro7-Moderator Thore Schölermann hat mit seiner vorab gesendeten Empfehlung gegen die AfD aus journalistischer, menschlicher, rationaler Sicht zwar alles richtig gemacht, musste aber dennoch Abbitte leisten für eine Art Subjektivität, die bei Licht und Abwägung aller Fakten betrachtet objektiv kaum gewissenhafter sein kann. Aber gut – Schluss mit Politik an dieser Stelle. Kommen wir zum Glamour der Fiktion. Auch wenn sie zuletzt wieder politisch war wie lange nicht.

Die Emmys wurden verliehen.

Da war es im aufgewühlten Amerika natürlich kein Wunder, dass sie voll und ganz im Zeichen ihres vogelwilden Präsi…, besser: Pfaus Donald Trump standen. Doch obwohl etwa Saturday Night Life auch wegen der heiteren Kritik am Berserker im Weißen Haus Preise wie die der besten Sketch Serie abgeräumt hat, ging es natürlich vor allem ums Fernsehen als Unterhaltungsmedium. Und darin zeigt sich, dass Netflix zwar die meisten Nominierungen verzeichnet hatte, aber keineswegs zu den großen Siegern des Abends im Microsoft Theater zu L.A. zählte. Von denen war einer die Internetplattform Hulu mit der Ungleichberechtigungsdystopie The Handmaid’s Tale, zum drittenmal die HBO-Komödie Veep und an gleicher Stelle (also hierzulande Sky) das fabelhafte Gesellschaftsdrama Big Little Lies. Auch die Feier des Netflix-Erfolgs Stranger Things änderte also wenig daran, dass der Streamingdienst sein Bärenfell besser noch nicht verteilen sollte.

Denn auch das alte Fernsehen ist noch immer nicht so richtig totzukriegen. Das zeigt hierzulande zum Beispiel die ARD-Serie Babylon Berlin, die kurz vorm Vorabstart im Oktober auf Sky bereits für Furore sorgt. Andererseits ist es am Ende doch zusehends der Sport, mit dem im Regelprogramm Quote gemacht werden kann; sofern es darin überhaupt um Sport geht. RTL Nitro hingegen verdient für sein weitestgehend fußballloses Dauergelaber 100% Bundesliga am Montag schon deshalb Missachtung, weil es den schwer erträglichen Tritt ins Gesicht eines Stuttgarters vom vorangegangenen Wochenende siebenmal gezeigt hat. Sie! Ben! Mal! Teils in Zeitlupe und voll Geifer für die geilen Bilder.

Abschalten, bitte!

Die Frischwoche

25. September – 1. Oktober

Zuschalten kann man dann spätestens wieder kommenden Sonntag. Gar nicht unbedingt (aber durchaus auch), weil Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau das 1763. Tatort-Team bilden, das allen Ernstes im Schwarzwald zwischen Waffenhändlern und Kindermördern ermittelt. Nein, empfehlenswert ist endlich mal ein Stück Historytainment aus vordemokratischer Zeit. Im Dreiteiler Maximilian beleuchtet Regisseur Andreas Prochaska ab Sonntag drei Abende in Folge um 22 Uhr den Aufstieg des frühen Habsburgers im späten Mittelalter zur Keimzelle dieser mächtigen Dynastie. Und das tut Jannis Niewöhner als Nachwuchskaiser in sehr eindrücklichen Bildern. Gewiss, wie der junge Autodidakt um Christa Théret als Maria von Burgund kämpft, ist trotz historisch verbürgter Sachlage heutigen Sehgewohnheiten angepasst. Trotz aller Anpassungen bleibt Maximilian aber ziemlich glaubhaft.

Wenngleich nicht annähernd so wie Nicole Weegmanns fantastische Fiktionalisierung vom Unglück auf der Duisburger Love Parade vor sieben Jahren. Besonders Jella Haase zeigt in Das Leben danach als schwer traumatisiertes Opfer, dass sie weit mehr kann als die Ulknudel bei Fack yu Göhte. Vom grandiosen Carlo Ljubek als Taxifahrer, der mit Antonia ein Bündnis unter Leidensgenossen eingeht, ganz zu schweigen. Ein typischer ARD-Mittwochsfilm und doch etwas Unvergleichliches. Schade, dass er sich parallel mit der Champions League im ZDF messen muss… Im dritten Teil von Schuld dann beweist am Freitag (21.15 Uhr, ZDF) auch  Josefine Preuß im besten der vier Filme, dass sie nicht nur Mittelalterfeministinnen kann.

Ob Maria Furtwängler so wahnsinnig viel mehr kann als Charlotte Lindholm ist angesichts ihrer seltenen Auftritte außerhalb vom niedersächsischen Tatort hingegen schwer zu sagen. Aber dass sie zumindest dort gut aufgehoben ist, bewies die erschütternde Doppelfolge Wegwerfmädchen 2012, die der NDR uns am Samstag ab 20.15 Uhr nochmals zumutet. Die schwarzweiße Wiederholung der Woche spielt im Jahre 1932, als Ryan O’Neal mit Töchterchen Tatum durchs Weltwirtschaftskrisenland USA reist und dort das Glück sucht. Besonders die Intensität des Kinderstars in spe machte Peter Bogdanovichs Paper Moon 40 Jahre später zu einem Evergreen des Kinos (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Ebenfalls farblos ist Ulrich Plenzdorfs lange Zeit verbotenes DEFA-Drama von 1965 um die systemkritische Lehrerin Karla am gleichen Tag (23.05 Uhr) im MDR. In Farbe, aber ganze acht Jahre älter: Das wilde Schaf (Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD) mit Romy Schneider, die den schüchternen Nicolas (Jean-Louis Trintignant) das Feuer der Leidenschaft entlockt, wie es nur Romy Schneider konnte, die dafür oft nicht mehr tun musste, als vor der Kamera zu sein. Ein Meisterwerk.

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