Otherkin, Primus, Tricky, Phoebe Bridgers

Otherkin

One-Two-Three-Four-Rotz and Go – es ist nicht unbedingt so, dass im Bereich des vermeintlichen Alternativerocks, der seine Distanz zu Majorlabels oft ja bloß in der Gattungsbezeichnung trägt, irgendwie Nachwuchsmangel herrschte. Seit die Libertines den Britpop zum Britrock gemacht haben und die Arctic Monkeys daraus wiederum Britsmosh, hagelt es fast wöchentlich neue Bands ins Segement harter Gitarren mit weicher Stimme. Und nun also Otherkin. Vier Männer, vier Akkorde, Vierviertel und ab die Post. Nichts Neues. Nichts Neues? Ein bisschen doch.

Die Stimme von Luke Reilly ist ein bisschen rauer als der Rest des Genres, das Schlagzeug von Rob Summons ein wenig wilder, der Bass von David Anthony etwas verwaschener und Conor Wynnes Gitarre sägt dazu Riffs in Fetzen, die stets eine Spur verwegener herumfliegen als andernorts üblich. Referenzen an Rancid oder Pennywise verfestigen dabei die Glaubhaftigkeit der Attitüde, es ernst zu meinen mit einer Distanz zum Mainstream, die jeder im Independent für sich reklamiert. Otherkin erfinden den Britrock nicht neu, bieten ihm aber ein neues Speedquartett, das noch manches Stadion zum Kochen bringen dürfte. Freuen wir uns drauf.

Otherkin – OK (Rubyworks)

Primus

Die Begegnung mit Primus, so viel persönliches Erleben ist an dieser Stelle durchaus mal angebracht, kann Leben verändern. Wer Les Claypool Anfang der Neunziger live beobachten durfte, wie er den Bass zugleich funky slappt, rockig pickt und metallisch drischt, während Tim Alexander Dinge am Schlagzeug vollführt, die selbst bei noch so viel eigener Übung unnachahmlich sind. Wenn Larry LaLondes Gitarre dazu tritonale Kryptik verbreitet und Claypool bizarrste Sachen über erschossene Hundebabys singt. Dann war das in seiner Komplexität so überwältigend, dass Musik danach nie wieder dieselbe sein konnte. Lange her.

Und doch sehr präsent, sobald man die neue, neunte Platte hört. In Originalbesetzung zeigt das Trio aus San Franzsico, was es schon 1990 beim legendären Debüt Frizzle Fry zelebriert hat: jazzigen Mathcore mit der Kraft elaborierten Unsinns. Und diese psychedelic polka, wie sie es selbst nennen, hat nichts von ihrer Sokraft verlorgen. Die Stücke mit konzeptionellen Titeln von The Valley bis The Ends? baden im gediegenen Aberwitz, tun es aber wie gewohnt mit einer an Genialität grenzenden Virtuosität, die man immer noch nicht so recht begreift. Kein Album für den entspannten Fünf-Uhr-Tee, eher eine Eigentherapie eleganter Überforderung.

Primus – The Desaturating Seven (ATO Records)

Tricky

Stockdunkel ist das neue Album von Tricky, stockdunkel ist auch dessen Cover, vom Künstler am Rand ganz zu schweigen. Stockdunkel ist schließlich alles am Pseudonym von Adrian Nicholas Matthews Thaws, der dem freudlosen Trip-Hop einst eine Extraportion Trübsinn verpasst hat. Jetzt aber scheint Tricky Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Eher ein zartes Schimmern als gleißenden Sonnenschein, aber keine Frage: das 12. Album ist von allen am luzidesten. Noch immer besingt das Waisenkind aus Bristol zwar alles, was es 45 seiner fast 50 Jahre nach dem Suizid der Mutter das Leben verhagelt hat. Doch mithilfe einer Riege russischer Produzenten und Rapper, die bei der Herstellung in Moskau am Werk waren, wirkt Ununiform geradezu gelöst.

Blood on my Blood zum Beispiel oder Dark Days mögen wie so viele seiner Songs eher rhythmisiertes Hintergrundrauschen sein als Melodien für Millionen; stets herrscht darin minimalistisches Nichts in Moll, ständig flehen vereinsamte Tonfetzen um Gesellschaft. Doch all die Worte über Familiendramen und den Tod darin wirken, als blicke er diesmal nach vorn und ließe seine Dämonen zurück. Tricky macht seinen Frieden mit sich. Und wir können dabei zuhören, ohne in uns zusammenzufallen. Endlich.

Tricky – Ununiform (False Idos)

Phoebe Bridgers

Hell ist das erste Album von Phoebe Bridgers, hell ist auch dessen Cover, selbst das handgemalte Geisterkostüm am Rand glänzt im Sonnenlicht. Hell ist schließlich fast alles an der platinblonden Sängerin mit der glockenklaren Stimme. Den Alternativefolk ihres Debüts als unbedingt lebensbejahend zu bezeichnen, wäre dann aber doch zu oberflächlich. Phoebe Bridges war noch ein Teenager, als Ryan Adams vor zwei Jahren auf die erste Single Killer aufmerksam wurde und begann, Stranger in the Alps mit ihr aufzunehmen. Und Melodramatik ist ja kein allzu fernes Gefühl von Menschen dieses Alters.

Melodramatik ist es daher auch, die ihre Lyrik hauchzart durchwirkt, mit Worten voller Sehnsucht, Selbstzweifel und Schwermut. Alles gern garniert mit tröpfelndem Hintergrundpiano oder einer Geige, die im Opener Smoke Signals den dünnen Gitarrenvorhang gleich mal wie ein laues Lüftchen aufwirbelt. Trotzdem klingt die Platte nie getragen, geschweige denn pathetisch, dafür selbstbewusst, aber nie abgebrüht. Damit hat sie es immerhin zum Support von Conor Oberst gebracht und in mehrere Soundtracks bekannter Fernsehformate. Da wächst was heran im Sommersonnenschein.

Phoebe Bridgers – Stranger in the Alps (Dead Oceans)

 

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