Bullbarts Werk & Honecker Beitrag

Die Gebrauchtwoche

25. September – 1. Oktober

Also gut: die, deren Namen man nicht aussprechen soll, sitzen in Fraktionsstärke an einem Ort, der seither seltsam entweiht zu sein scheint, weshalb all jene, die eigentlich zur dauernden Thematisierung verpflichtet sind, nicht mehr so recht wissen, ob sie mit ihrer Berichterstattung am Ende nicht all jene, deren Namen man wie gesagt nicht ausspricht, überhaupt erst dorthin gebracht hat, wo sie nichts zu suchen haben. Ach, es ist echt kompliziert mit der medialen Begleitung von Populisten, deren einziger Treibstoff nun mal diese Begleitung ist.

So gesehen muss man sogar froh sein, dass die Unaussprechlichen bislang keinen richtig echten Steve Bannon zur Seite haben, dessen rechtsextreme Plattform Breitbart vor fast einem Jahr Donald Trump ins Weiße Haus gehetzt hat. In Österreich allerdings wächst gerade die Sorge, dass Dietrich Matteschitz nun derart populistische Publizistik betreibt. Während sein Feelgood-Sender ServusTV bislang schon nicht durch Kritik an irgendwas aufgefallen ist, das dem Zuckerbrausedosenmüllmilliardär missliebig sein könnte, wird sein investigatives Online-Medium „Addendum“ bereits als „Bullbart“ verspottet.

Mit dem will Mateschitz nach eigener Aussage zwar vor allem vertieften Journalismus bieten; da sich Österreichs mächtigster Tycoon jedoch zuletzt bedenklich zur Flüchtlingsfrage geäußert hat und den Klimawandel seiner Planetenverheerung gemäß für ein Märchen halten dürfte, droht da eher Propaganda in eigener Sache. Und die wirkt dann gewiss auch auf unseren Markt, der für Red Bull ungemein bedeutend ist. Zum Tag der deutschen Einheit könnte die mediale Lage im Land also kaum zwiespältiger sein. Und dann verbannt das ZDF auch noch seine groß angekündigte, aber furchtbar missratene Journalismus-Serie Zarah mangels Erfolg auf den Spartenkanal Neo.

Die Frischwoche

2. – 8. Oktober

Beim Mutterschiff dagegen startet heute zur publikumsfreundlichen Mitternacht der Vierteiler Stunde des Bösen, in der Nachwuchsregisseure vier Montage zu nachtschlafender Zeit die menschlichen Abgründe erforschen. Den Anfang macht Astrid Schults Thriller Winterjagd mit Carolyn Genzkow als junge Frau, die sich einen Alt-Nazi zur Brust nimmt – den ausgerechnet der Holocaust-Überlebende Michael Degen spielt. Ebenfalls Neulingen gewidmet ist der SWR-Schwerpunkt Junger deutscher Dokumentarfilm. Ab Mittwoch bietet er bereits zum, 17. Mal Sachfilm-Rookies eine Plattform. Zum Auftakt nutzt sie Aslý Özarslan für ihr Porträt der deutschen Kurdin Leya, die am Ort ihrer Wurzeln zur jüngsten Bürgermeisterin der Region gewählt wird.

Tief gläubig, aber auch überaus bizarr wird es im Till Endemanns stillen, aber aufwühlenden ARD-Mittwochsfilm So auf Erden. Das real existierende Ehepaar Edgar Selge und Franziska Walser spielt darin ein fiktionales Ehepaar evangelikaler Prediger, das im Gewitter weltlicher Versuchungen zu bestehen versucht. Eher ungläubig, aber keinen Deut weniger absurd ist Dietrich Brüggemanns Kino-Groteske Heil (Arte, 22.25 Uhr) um einen Afroamerikaner, der wegen einer Amnesie plötzlich Naziparolen faselt und so zum Medienstar der Rechten wird.

Tags zuvor, dem Namen nach der deutschen Einheit gewidmet, geht es aber von morgens bis abends um alles rund um die sogenannte Wende. Darunter sind so unterschiedliche Werke wie Ein Herz und eine Seele, wo Ekel Alfred um 16.25 Uhr im WDR passenderweise Besuch aus der Ostzone kriegt. Brandneu dagegen ist die Komödie Willkommen bei den Honeckers zur besten Sendezeit im Ersten. Nach realen Motiven kriegt die Titelfigur darin 1991 ungebetenen Besuch von einem Bild-Reporter, der sich 1991 unterm Vorwand, ein kommunistischer Fan zu sein, bei den zwei abgehalfterten Ex-Diktatoren einschleicht. Johanna Gastorf und Martin Brambach spielen Margot und Erich Honecker dabei so wahrhaftig, zugleich lustig, aber nie verächtlich, als seien sie es wirklich.

Um all dies abzüglich des Humors ging es Veronica Ferres vor zehn Jahren zweifellos auch in ihrer Rolle als Die Frau vom Checkpoint Charlie (ARD, 1.00 Uhr). Dass das Melodram am Ende doch oft unfreiwillig komisch geriet, liegt dann halt an der Hauptdarstellerin, die von Understatement und Augenzwinkern vermutlich weniger versteht als von Spiralgalaxien. Dann doch lieber echter Humor mit Hintersinn wie Good Bye, Lenin! um 20.15 Uhr auf 3sat oder zur Abwechslung mal etwas, das seinerzeit durchaus heiter sein wollte, obwohl es um Mord und Totschlag ging: in der schwarzweißen Wiederholung der Woche zeigt Kabel1 am Dienstag ab 16.30 Uhr gleich vier der legendären Wallace-Verfilmungen aus den Sechzigern Mit Käuzchen, Kunstnebel und Frauengeschrei lässt sich der Feiertag mit Der Fälscher von London, dann Das Indische Tuch, zwischendurch Der Frosch mit der Maske und zum Finale Der grüne Bogenschütze ganz gut überstehen.

Dagegen wirkt der erste Tatort von Ballauf/Schenk trotz seiner 20 Jahre auf dem Buckel fast modern. Aber eben nur fast. Eingeleitet wird Willkommen in Köln am Dienstag im WDR (22.30 Uhr) übrigens eine Dreiviertelstunde zuvor mit einer kleinen Geburtstagsdoku an die zweitdienstältesten Ermittler. Happy Birthday! Gefolgt von einem tieftraurigen Nachruf: Andreas Schmidt, einer der überraschendsten, vielschichtigsten, besten Schauspieler im Land ist nach schwerer Krankheit mit nur 53 Jahren gestorben. Fairwell, liebste Bohnenstange!

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