Pragmanoia & Inderherz

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. Oktober

Das neue Kino horizontaler Serienerzählung ist offenbar nicht nur ein Medium unbegrenzter Möglichkeiten, sondern auch der Angst. Weil zuletzt einige Folgen geleakt wurden, lässt HBO die achte und letzte Staffeln von Game of Thrones gerade drehen, als handele es sich bei den Drehbüchern um die Rezepte gegen Krebs und Krieg in einem. Die Darsteller kriegen daher kein Skript, sondern ihren Text vor der Kamera erstmals ins Ohr geflüstert. Ist das nun Pragmatismus, Paranoia oder so eine Art Mischform namens Pragmanoia?

In jedem Fall ist es Ausdruck eines neuen Argwohns, der längst alle Bereiche der multimedialen Gegenwart ergriffen hat und von Sender zu Empfänger und wieder zurück flattert, bis niemand niemandem mehr traut und alles in einem Vorwurfsknäuel verknotet ist. Dazu passt zum Beispiel die sonderbare Begebenheit aus Niedersachsen vorige Woche. Am Abend der Landtagswahl, so wurde vielfach verbreitet, habe der ZDF-Reporter Wulf Schmiese versucht, die abtrünnige Ex-Grüne Elke Twesten zu interviewen, was die CDU-Überläuferin allerdings wortlos verweigert haben soll. Eine ziemlich fehlerhafte Sicht der Dinge, wie der Original-Mitschnitt dieser Situation nahelegt, auf dem der Journalist im Gegenteil die Politikerin wortlos stehenlässt.

Gut, verglichen mit dem Tonfall, der Lügenpresse-Debatten sonst dominiert und gerade auch die überaus sinnvolle Anti-Sexismus-Kampagne #MeToo ergreift, klingt das harmlos. Es zeigt allerdings auch, wie angespannt die Situation zwischen Wahrheit und Dichtung, Propaganda und Fakten ist.

Die Frischwoche

23. -29. Oktober

Angespannter war sie jedenfalls vor genau 60 Jahren im Kalten Krieg auch nicht, als er von der Erde ins All expandierte und kurz echt heiß zu werden drohte. Die ARD gedenkt daher heute um 23.30 Uhr dem Sputnik-Schock, als die Sowjetunion erstmals einen Satelliten in den Orbit geschickt hatte und den Westen damit gehörig unter Zugzwang. Weit entfernt von allem, was der Wahrheitsfindung dient, war in der heißesten Phase des Nahostkonflikts vor fast 50 Jahren auch die Berichterstattung über den palästinensischen Widerstand. Um 0.20 Uhr kompiliert die bemerkenswerte Arte-Dokumentation Off Frame aka Revolution bis zum Sieg heute Filmmaterial von 1968 bis 1982 zu einer äußerst erhellenden Collage dieses vielleicht vertracktesten Konflikts unserer Zeit.

Um dessen ebenso düstere Rückseite geht es gewissermaßen drei Tage, wenn die ungeheuer bedeutsame Reportage Re: Weil du Jude bist den Fall einer Familie in Berlin nachzeichnet, deren Sohn Opfer antisemitischen Mobbings wurde und somit abermals zeigt: Im schier endlosen Kampf ums gelobte Land gibt es allerorten nur Opfer. Mit dem Hinweis auf die konstituierende Sitzung des neuen Bundestags, die das Erste Dienstag um 10.50 Uhr überträgt, kommen wir jetzt aber endlich zu leichterer Unterhaltung. Wie der furiose Tatort: Fürchte dich!, in dem uns die Kommissare Brix und Janeke allen Ernstes in ein Spukhaus entführen. Natürlich auch wie die 2. Staffel der genialen Mystery-Serie Stranger Things, aber Freitag auf Netflix. Aber auch wie der ARD-Film Kein Herz für Inder, der einen weniger debilen Titel verdient hätte. Die Culture-Clash-Komödie um einen neunmalklugen Austauschschüler, den die Gastfamilie um Martin Brambach am Freitag (20.15 Uhr) wieder loswerden will, verbrät zwar jedes erdenkliche Klischee, tut es aber mit viel Feingefühl und herausragendem Schauspiel.

Genau das fehlte einst der monatlichen Verbrecherjagd Aktenzeichen XY, die trotz oder wegen der laienhaften Nachstellung kapitaler Verbrechen dieser Tage 50 wird. Mittwoch folgt auf den XY-Preis eine Doku darüber, wie sich das Format seit seiner Premiere verändert hat – oder eben nicht. Einen gänzlich anderen Fokus hat die Arte-Doku Rock’n’Religion (Freitag, 23.25 Uhr). Es geht darin ums Spannungsfeld von Musik und Glauben im Pop – alles im Anschluss ans legendäre Live-Konzert einer fürwahr diabolischen Band: Rammstein in Paris (21.45 Uhr) von 2011. 47 Jahre älter ist ein anderer Film, der Musikgeschichte geschrieben hat: Alexis Sorbas (Montag, 23.05 Uhr, MDR). Die Legende mit Anthony Quinn als hedonistischer Grieche, der dem verstockten Briten Basil (Alan Bates) zeigt, wie das Leben lebenswert wird, machte aus dem unbedeutenden Volkstanz „Sirtaki“ den Soundtrack einer ganzen Nation.

Womit wir mitten in den Wiederholungen der Woche sind. Nach dieser schwarzweißen von 1964 gibt es am Donnerstag um 14 Uhr auf Arte den nachkolorierten Dieb von Bagdad aus 1001 Nacht, 1940 das Maximum dessen, was an Kostüm- und Trickdichte denkbar war. Dem Tatort-Tipp dieser Woche Mord in der Ersten Liga gelang vor sechs Jahren übrigens auch etwas vergleichsweise Innovatives: Bei den Ermittlungen von Maria Furtwängler im niedersächsischen Milieu der Fußball-Hooligans tritt ein schwuler Bundesliga-Profi auf (Freitag, 22 Uhr, ARD). Davon ist die Realität des deutschen Leib- und Magensports noch enorm viel weiter entfernt als das Fernsehen.

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