Hans-Chr. Schmid: Verschwinden & Kino-TV

… wenn man es anständig nutzt

Mit Filmen von Nach fünf im Urwald über Requiem und 23 bis hin zu Was bleibt hat sich Hans-Christian Schmidt (Foto: picture alliance) zu einem der Regie-Stars im Land gemacht. Nur das Fernsehen war ihm stets zu begrenzt. Jetzt aber hat er es doch ausprobiert – und mit dem ARD-Vierteiler Das Verschwinden (Teil 2-4 von Sonntag bis Dienstag, 21.45 Uhr) mal eben das Beste erschaffen, was dieses Medium in deutscher Sprache je hervorgebracht hat. Ein Gespräch über Kino am Bildschirm, die Drogenszene seiner bayerischen Heimat und ob er als Jugendlicher von dort fliehen wollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schmid, haben Sie Julie Jentsch einen kleinen Schrein gebaut, vor dem Sie abends darum beten, der Herr möge mehr solcher Schauspielerinnen vom Himmel regnen lassen?

Hans-Christian Schmid: Genau so, mit Foto und Rosenkranz. Nee, ernsthaft – Julia ist wirklich toll in dieser Rolle. Aber interessanterweise wurde erst im Verlaufe der Arbeit deutlich, wie sehr sie in ihre Figur hineinwächst. Denn die kommt ja keineswegs nur von mir und dem Drehbuch, sondern ebenso sehr aus ihr selbst heraus.

Macht es Das Verschwinden zu einem Julia-Jentsch-Film?

Sie ist die Hauptfigur der Geschichte, ihr Motor, das emotionale Zentrum, keine Frage. Zugleich aber ist ihre Rolle anfangs gar nicht so dankbar. Seine Tochter zu suchen und immer die gleichen Fragen zu stellen – da gibt es echt spannenderes Spielmaterial. Was im zweiten Teil zwischen den Esslingers Sebastian Blomberg, Nina Kunzendorf und Johanna Ingelfinger abgeht ist daher viel dramatischer. Trotz ihrer permanenten Interaktion mit aller Welt fehlt Julias Michelle nämlich das Gegenüber. Sie agiert oft allein, hat aber sechs Stunden Zeit, daraus etwas zu formen. Und wird im Verlaufe der acht Folgen immer mehr zur Hauptfigur.

Wobei es noch eine andere, ebenso zentrale gibt, oder?

Welche denn?

Den Drehort, dieses diffuse, keinesfalls idyllische Ostbayern am Rande Tschechiens.

Das haben Sie gut beobachtet. Im Kino, wo ich herkomme, spielt die Umgebung dank der großen Leinwand eine ungleich größere Rolle als am kleinen Bildschirm. Umso mehr haben wir uns bemüht, das Gefühl für den Ort des Geschehens ins Fernsehen zu holen.

In diesem Fall eine seltsam düstere Provinz, die nichts mit dem gängiger Fernsehbild davon gemein hat.

Dabei ist sie aber dennoch vielschichtig. Man versucht beim Schreiben zwar nicht alles genau so auszuzirkeln, dass die gesamte Breite der Gesellschaft vorkommt. Aber es entsteht automatisch ein Bewusstsein dafür, Differenz zu erzeugen. Und dafür habe ich gemeinsam mit Bernd Lange vom ersten Treatment bis zur letzten Fassung permanent am Inhalt gefeilt.

Wie zum Beispiel?

Eine Figur wie Laura Wagner kam ursprünglich erst im vierten Teil und ohne Verwandtschaft vor. Jetzt ist sie von Anfang an mitsamt ihrer Familie präsent. Aber nicht, weil da die spießige Vorstadtsippe noch gefehlt hätte, sondern weil es die Figur voranbringt. Sie holt sich von mir, was sie braucht, nicht umgekehrt. Gleiches gilt für den Drehort, also die Provinz. Auch in der gibt es von total runtergerockt bis blitzeblank alles, aber nichts davon erstarrt zum Konzept.

Sie stammen ja selbst aus einer Ecke von Bayern, die dieser nicht unähnlich ist. Rechnet die trostlose Darstellung dieser Gegend auch ein wenig mit Ihrer Vergangenheit ab?

Abrechnen, ich weiß nicht… Da gab es in Was bleibt und Requiem oder auch 23 sicher mehr Bezüge zu meiner Biografie. Andererseits hilft es natürlich beim Verständnis, dass ich 100 Kilometer von dort entfernt aufgewachsen bin. Drogen haben auch im Grenzgebiet zu Österreich eine Rolle gespielt, obwohl es in den Achtzigern nicht Chrystal Meth war. Und ich kenne das Wechselbad der Gefühle – Bleiben oder Gehen, Flucht oder Heimat – nur zu gut.

Wollten Sie denn damals eher flüchten oder bleiben?

Ich fand es in der Kleinstadt nie so ganz dramatisch schlimm, wollte aber unbedingt weg aus Altötting und war auch gleich nach dem Abitur ein Jahr in England. Als ich mit einer Klasse im tschechischen Grenzgebiet gesprochen habe, wollte die eine Hälfte schon woanders studieren, aber irgendwann zurückkehren, während die andere echte Fluchtimpulse hatte. Jugendliche hält erstmal wenig in der Provinz.

Hat der Titel Das Verschwinden so gesehen nicht nur mit dem eines Mädchens zu tun, sondern auch vom Mythos einer heilen Welt jenseits der hektischen Städte?

Das darf man sich gern so vorstellen, aber ehrlich – wie unheil die Welt da draußen ist, vermittelt das Fernsehen doch schon seit Twin Peaks. Wenn man diesen Achtteiler genau dort zeigen würde, wo er entstanden ist, wie wir damals Lichter in Frankfurt an der Oder gezeigt haben, würden viele ihre Heimat vermutlich als viel zu düster kritisieren. Aber der Dienststellenleiter vor Ort, den wir zur Drogenproblematik interviewt haben, würde unserer Interpretation zustimmen. Alles eine Frage der Perspektive – weshalb wir die Geschichte in etwas anderer Konstellation auch in der Großstadt erzählen könnten. Es mag ein pessimistischer Blick sein, aber weniger auf den Ort des Geschehens, als den Bund der Familie.

Wie tief mussten Sie dafür in die reale Meth-Szene eintauchen?

Zum Glück nicht so tief, dass ich es selber nehmen musste (lacht). Aber im Gegensatz zu historischen Filmen wie Sturm, wo es um den Internationalen Strafgerichtshof fürs ehemalige Jugoslawien geht, fühlte sich die Recherche hier fast ein bisschen nebensächlich an. Wir haben alles getan, um Figuren lebendig werden zu lassen. Deshalb waren wir in einer Entzugsklinik, haben mit Drogenfahndern geredet, uns juristisch schlau gemacht. Aber all dies hat in den drei Jahren Vorbereitung keine Entscheidung so beeinflusst, dass wir den Inhalt geändert hätten.

Verfolgen Sie denn generell einen eher lässigen oder akribischen Rechercheansatz?

Weil ich es als Zuschauer überhaupt nicht mag, wenn das, was im Kino oder Fernsehen passiert, unglaubwürdig ist, versuche ich auch als Regisseur so realitätsnah wie möglich zu sein. Schon weil ich vom Dokumentarfilm komme. Ich mag Genauigkeit.

Haben Sie als Filmemacher dabei auch den Impuls, die Menschen irgendwie zu bilden, indem Sie ihnen Dinge zeigen, von denen sie bis dahin nichts oder das Falsche wussten?

Ich hatte einfach immer das Bedürfnis, den Leuten keinen Quatsch zu erzählen. Aber es ist gewiss nicht der Impuls meiner Geschichten, sie pädagogisch zu erziehen. Das wird sich durch das Medium Fernsehen nicht ändern.

Warum hatten Sie bislang eigentlich nur Kino gemacht?

Weil mir nie klar geworden ist, warum ich Fernsehen machen sollte, solange ich Kino finanziert bekomme. Die Freiheiten sind dort ungleich größer und das Seherlebnis sowieso.

Und wieso jetzt doch Fernsehen?

Weil in Bernd Lange und mir über Jahre hinweg der Wunsch gewachsen ist, mal dieses epische Format über sechs Stunden zu probieren. Dank Serien wie Twin Peaks, den Sopranos, aber auch Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens war uns 2012 klar, wie spannend dieses Medium sein kann, wenn man es anständig nutzt. Kann sein, dass Bernds Erinnerung eine andere ist, aber ich glaube, wir hatten schon vor dem Stoff Lust aufs Fernsehen.

Jetzt wo es fertig ist – waren Sie fürs Fernsehen unfreier? Ist das Seherlebnis geringer?

Nö. Mir hat aber auch niemand je was vorgeschrieben. Es war ein gutes Arbeiten mit gutem Ergebnis.

Und haben Sie jetzt Blut geleckt, ist die Scheu vorm Medium verflogen?

Ach, Scheu hatte ich nie. Und so wie sich das Fernsehen diversifiziert hat, schon gar nicht. Zumal sich dieses Eintauchen in eine Serie wie zuletzt bei Top of the Lake fast so anfühlt wie im Kino, wo man nach anderthalb Stunden ja oft denkt: Was, schon vorbei?! Es mag ein Unterschied sein, ob man für einen Streamingdienst arbeitet oder das Öffentlich-Rechtliche, aber wir haben es so gemacht, wie wir es wollten.

Und das Ergebnis?

Sechs Stunden Kino fürs Fernsehen. Hoffe ich.

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