Seltsame Sachen & viermal Luther

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Oktober

Der Tatort, kaum zu glauben, expandiert. Nicht nur, dass die ARD-Reihe einen Großteil der positiven Kritik auf sich zieht; jetzt wächst er auch noch vom Fernsehen übers Radio ins Internet hinein, wo das Dresdner Team demnächst ein pathologisches Online-Spin-Off erhält. Star der kleinen Web-Serie ist der Gerichtsmediziner ist Falko Lammert (Peter Trabner). Und dass sein psychoaktives Wandeln zwischen Dies- und Jenseits in sechs fünfminütigen Folgen witzig wird, dafür sorgt ab 6. November allein schon der Autor: Ralf Husmann, bekannt durch Film, Funk und Stromberg.

Bekannt durch Film, Serie und Dokumentation von Stromlinie bis Weltniveau ist mittlerweile Netflix. Der Streamingdienst beweist der linearen Konkurrenz mit der zweiten Staffel von Stranger Things ja gerade, dass Fortsetzungen sogar noch besser sein können als Anfänge. Und um das auch weiterhin finanzieren zu können, nimmt er weitere 1,6 Milliarden Euro Schulden auf, die – Achtung, Platzhirsche! – vor allem ins Programm, statt die Pensionskasse fließen. Und während Netflix längst erwägt, mit all dem Geld auch News anzubieten, verbannt sie Facebook aus dem regulären Feed. Zumindest probeweise, in Ländern wie Bolivien und Kambodscha. Um mal zu sehen, ist aus dem Valley zu hören, ob dem Publikum Freundschaftsposts und Werbung nicht dicke ausreichen.

So arbeitet der Medienmonopolist fleißig am Ziel, die Aufmerksamkeit der Menschen so zu perforieren, bis alles Entertainment geworden und Kommunikation den Fake News zusehends hilflos ausgeliefert ist. Woran allerdings auch seriöse Anbieter gehörigen Anteil haben. Als Klaas Heufer-Umlauf Philipp Welte kürzlich auf dem Podium der Münchner Medientage fragte, ob er wegen seiner „Erfahrungen mit der Yellow Press einen Wettbewerbsvorteil beim Thema alternative Fakten“ habe, da reagierte der Burda-Chef so patzig, („Sie kommen vom Fernsehen, Sie kennen sich mit Journalismus nicht so gut aus“), dass klar war: Der Pro7-Frechdachs hat verdammt recht.

Die Frischwoche

30. Oktober – 6. November

Was Fernsehen abseits ernst gemeinter Nachrichtenredaktionen mit Journalismus zu tun hat, wäre allerdings wirklich mal einer Debatte wert. Ist zum Beispiel der aktuelle ZDF-Schwerpunkt zum 500. Geburtstag der Reformation Unterhaltung, Information, beides? Allein vier historisierende Fiktionen legen jedenfalls den Fokus schwer auf Historytainment. Gleich vier Schauspieler schlüpfen ab heute ins Gewand von Martin Luther: Maximilian Brückner als eifernder Überzeugungstäter im 160-minütigen Drama Zwischen Himmel und Hölle (Montag, 20.15 Uhr, ZDF), Martin Knizka 24 Stunden später an selber Stelle als süßer Klassenkämpfer im Dokudrama Das Luther-Tribunal, parallel auf 3sat Devid Striesow als feister PR-Stratege in Katharina Luther, außerdem Joseph Fiennes als sexy Glaubensgrübler aus dem Jahr 2003 (ARD, 23.45 Uhr).

Es wird natürlich generell viel geluthert dieser Tage, doch das Herz des Gedenkens ist fiktionaler Natur. Womit hier nochmals auf das Beste verwiesen sei, was diese Art des Zeitvertreibs gerade zu bieten hat: Hans-Christian Schmids Vierteiler Das Verschwinden, dessen zwei Abschlussfolgen heute und morgen zur seltsamen Sendezeit um 21.45 Uhr im Ersten laufen und hoffentlich die 3,66 Millionen Zuschauer vom Auftakt halten. Mindestens. Ebenso lieblos programmiert ist Wim Wenders vielfach prämiertes Filmporträt des Fotografie-Genies Sebastiao Salgado von 2014. Die ARD zeigt Das Salz der Erde am Mittwoch, 22.45 Uhr.

Und David C. Diaz‘ hervorragendes Regiedebüt Agonie um zwei völlig verschiedene Tatverdächtige eines Frauenmordes, muss sich heute Nacht mit der Geisterstunde abfinden. Dafür räumt das Erste jede Primetime frei, um den 186. Abstecher eines deutschen Ermittlers an touristisch verwertbare Drehorte zu feiern. Ab Donnerstag ist der Gelegenheitsweltstar Clemens Schick als Exilkommissar Xavi Bonet im Barcelona-Krimi auf Mörderjagd. Das ist zwar nicht halb so berechnend wie viele der anderen Auslandseinsätze unter Eingeborenen mit fließend deutschem Idiom zwischen Adios, Signore und Yamas, aber doch ein ziemlich stereotyp.

Im Kern ist das auch der Tatort mit Maria Furtwängler. Ihr 25. Einsatz, Der Fall Holdt genannt, weicht jedoch sehr vom ohnehin oft höherklassigen Plot ihrer niedersächsischen Kommissarin ab. Unfreiwillig passend zur #MeToo-Debatte kriegt Charlotte Lindholm es darin mit einem Fall männlicher Gewalt zu tun und dreht im Bann dieser Erfahrung 90 Minuten zusehends durch. Ein hervorragender Jubiläumsfilm. Der er es spielend mit zwei älteren Ausgaben der Reihe aufnehmen kann, die jeweils im WDR die Wiederholungen der Woche einleiten: Grenzgänger von 1981 mit dem damals noch taufrischen Horst Schimanski an der Seit von Günther Maria Halmer als enttarnter V-Mann (Dienstag, 22.10 Uhr). Und zwei Tage später Ulrich Tukurs legendäres Fernsehtheater Im Schmerz geboren von 2014 (20.15 Uhr).

Dahinter braucht sich Steven Spielbergs Frühwerkt Das Duell (Montag, 20.15 Uhr Arte) von 1971, in dem ein Durchschnittsamerikaner von einem Trucker über menschenleere Highways gejagt wird, nicht zu verstecken. Überraschend war 2003 auch ein Film, mit dem sowohl Jim Carrey als auch Kate Winslet gezeigt haben, dass sie mehr als Grimasse und Romanze können: Vergiss mein nicht (Dienstag, 20.15 Uhr, Servus), die ergreifendste, traurigste, aber auch schönste Lovestory ihrer Zeit.

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