Clemens Schick: bondböse & barcelonacool

Ich liebe es radikal

Zehn Jahre schwamm Clemens Schick (Foto: ARD/Lucia Faraig) sehr sicher durchs Fahrwasser des deutschen Theaters. Dann war er Bonds Gegenspieler und alles plötzlich anders. Zur Weltkarriere reichte es zwar nicht, aber für den Barcelona-Krimi (2. November, 20.15 Uhr, ARD) allemal. Der Mittvierziger über Städtekrimis im Ersten, den katalanischen Nationalismus am Drehort und was 007 so grandios macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Clemens Schick, Sie sind ein politischer Künstler, der sich über seine Arbeit hinaus gesellschaftspolitisch engagiert und voriges Jahr gar in die SPD eingetreten ist. Welchen Einfluss hat das auf die Auswahl Ihrer Rollen?

Clemens Schick: Wenn Sie jetzt hören wollen, dass ich nur Filme machen will, die diesem Engagement auch inhaltlich entsprechen, muss ich Sie enttäuschen. Solange darin nicht gerade zu Gewalt, Hass oder Rassismus aufgerufen wird, mache ich, was mir Spaß macht, mich fordert oder eben Geld einbringt. Ich muss ja auch leben von dem Beruf. Deshalb drehe ich vom kleinen Debütfilm über internationale Blockbuster bis hin zum Fernsehen eigentlich alles, sofern mir die Geschichte und meine Rolle darin gefällt. Und was im Grunde an erster Stelle kommt sind die Kollegen und die Regie. Bestimmte Botschaften sind dafür nicht vonnöten.

Gibt es trotzdem welche, die den Barcelona-Krimi für Sie interessant machen?

Schon. Wir thematisieren darin zum Beispiel das, was auch meinen eigenen Wohnort Berlin zurzeit auf schmerzhafte Art prägt: diesen komplett ausufernden Massentourismus, der alles überflutet. In Barcelona kommt allerdings, wie man grad sieht, dieser grassierende Nationalismus hinzu. Dass sich eine Region wie die katalanische im 21. Jahrhundert von Spanien abspalten will, finde ich schlicht unfassbar. Denn wenn etwas im Verlauf der Geschichte zielsicher zu Krieg und anderen Katastrophen geführt hat, dann war es schließlich zum Nationalismus gesteigerte Heimatliebe. Dieses Thema kommt allerdings erst im dritten und vierten Teil zur Sprache.

Bis dahin firmiert Barcelona indes vor allem als etwas, das den ARD-Krimis auf diesem Sendeplatz häufiger mal vorgeworfen wird: vor allem ein touristisch verwertbares Postkartenambiente zu zeigen.

Finden Sie? Barcelona ist wirklich traumhaft schön. Und ich weiß da, wovon ich rede; ein Teil meiner eigenen Familie lebt dort. Anderseits zeigen wir von der Stadt ja keineswegs nur die schönen, also die Postkarten-Seiten, im Gegenteil. Es kommen auch viele der schmutzigen Ecken vor. Andererseits finde ich es überhaupt nicht verwerflich, Filme als Angebote ans Publikum zu inszenieren, etwas zu tun, das vielen im Alltag unmöglich ist: um die Welt zu reisen, andere Länder zu sehen, fremde Kulturen. Das macht Fernsehen im Übrigen ebenso wie das Kino schon immer so; auch James-Bond-Filme sind seit jeher Hochglanzprospekte der jeweiligen Drehorte.

Hat sich für Ihre Arbeit als Schauspieler eigentlich grundlegend etwas geändert, nachdem Sie im ersten Einsatz von Daniel Craig als 007 einen Bösewicht spielen durften?

Das war damals ja eine ziemlich kleine Rolle. Die Aufmerksamkeit dafür war in Deutschland zwar groß. Schauspielerisch allerdings war mein Einsatz darin schlicht zu unbedeutend, um mir international einen Namen zu machen. Trotzdem war es eine unglaubliche Erfahrung, in diesen riesigen Produktionsprozess geraten zu sein. Handwerklich geschieht dort alles, wirklich alles am oberen Limit dessen, was möglich und machbar ist. Die kriegen für jede Arbeit die allerbesten Leute der gesamten Branche weltweit. Und das spürt man nicht nur beim Drehen, sondern im Ergebnis. Man darf auch nicht vergessen, dass ich zuvor zehn Jahre fast nur Theater gemacht hatte. Diese Welt zu verlassen und plötzlich sechs Monate mit einer solchen Produktion unterwegs zu sein, war ein großes Abenteuer.

Haben sie damals Blut geleckt, mehr solcher Großproduktionen zu drehen?

Was heißt Blut geleckt – es hat in mir den Wunsch entfacht, mobiler zu werden, mich nicht mehr an einen Ort zu binden. Deshalb hab ich damals auch mein Engagement am Schauspielhaus Hannover gekündigt, so gerne ich dort gearbeitet habe. Ich wollte freier sein in meinen Entscheidungen.

Fällt es nach so einem Schnupperkurs im ganz großen Kino, den Sie da 2006 absolviert haben, nicht ein bisschen schwer, dann wieder für den kleinen deutschsprachigen Markt zu arbeiten, also sich gewissermaßen zu erden?

Überhaupt nicht. Ich habe gleich danach einen kleinen deutschen Debütfilm gemacht, verglichen mit Bond ein fast lächerliches Budget, umgesetzt von Neulingen im Fach. Aber er war mir zu dem Zeitpunkt genauso wichtig wie der Bond-Film oder so wie jetzt mein Kommissar Xavi Bonet.

Was unterscheidet den eigentlich von all den Kommissaren, die jetzt bereits im Fernsehen ermitteln?

Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht alle Kommissare im Fernsehen kenne. Aber mir gefällt es sehr, wie ruhig und zurückhaltend, fast ein bisschen eigenbrötlerisch er ist. Außerdem finde ich seine Bisexualität spannend. Xavi Bonet ist schweigend, beobachtend aber eben auch lebenshungrig und angetrieben von einer Wut die Welt gerechter zu machen.

Haben Sie die Figur unter diesem Gesichtspunkt mitentwickelt?

Auch. Ich war schon sehr früh im Entwicklungsprozess mit eingebunden. Was ein Geschenk ist, aber auch eine Herausforderung. Fernsehen zu machen bedeutet sich mit sehr viel mehr Mitwirkenden auseinander zusetzen als beim Kino oder Theater. Solange die Kinoproduktion nicht zu groß ist. Ich liebe es radikal. Andere weniger. Da gilt es dann sich irgendwo zu treffen. Was ein absolut normaler Prozess ist.

Sie haben vor ein paar Jahren öffentlich gemacht, selber schwul zu sein. Ohne jetzt über Privates reden zu wollen…

Danke!

… glauben Sie, dass man das Thema Homosexualität durch die Präsenz massentauglicher Charaktere wie diesen Fernsehkommissar so weit normalisieren kann, dass es irgendwann keiner Erwähnung mehr wert ist?

Meine Erfahrung ist so.

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