Manfred Groove, Sequoyah Tiger, Morrissey

Manfred Groove

Wäre die Welt ein gerechter Ort, dann gäbe es nirgendwo Hunger, Donald Trump würde Gebrauchtautos verkaufen, Nestlé gar nichts und im HipHop stünden nicht biedere BlingBling-Rapper mit Gangstafassade ganz oben auf der Einkommensskala, sondern Manfred Groove. Hättewärewenngelaber. Vor zwei Jahren nämlich eroberte das Duo aus Berlin die Nische des Sprechgesangs mit einem Album, das vor Witz und Herz und schnodderigem Charme schier überlief; so richtig durchgebrochen ist es damit freilich nicht. Und das ist auch mit dem Nachfolger kaum zu erwarten. Wie gesagt – gerecht geht anders. Denn Blumen aus Wachs ist wie Ton, Scheine, Sterben so vielschichtig, dass man von keinem der 20 Stücke genug kriegt.

Schon das Intro Kunstgewordenes Tresengeschwätz überwältigt exakt mit dem, was der Titel verheißt, durch ein Feuerwerk getoasteten Tempos. Im anschließenden Runner’s High sorgen die Lyrics von Bottom Lip für Southeast L.A.-Appeal, Und der Wettermann folgt trashig, Humphrey Bogart raucht derbe, Mannimachen funky, alles zusammen bildet ein schillerndes Panoptikum getragener Beats, die YellowCookies unter die proklamatorischen Raps von Milf Anderson legt. “Zu viel Kardeshian, zu viel Youporn / ich bin völlig abgenutzt” klagt er zu nostalgischem eins, zwo-Geplödder und rät: “Komm wir reißen alles ein und bauen alles neu”. Danke dafür, Manfred Groove, bitte weitermachen.

Manfred Groove – Blumen aus Wachs (Rummelplatz Musik)

Sequoyah Tiger

Kennt irgendjemand noch die unvergesslich süffige Goombay Dance Band? Das karibisch angehauchte Schlagerpop-Orchester aus dem kühlen Hamburg blies Anfang der Achtziger ja eine schwül-warme Urlaubsbrise durchs Traumschiff-Land. Und verglichen damit war Easy Listening hart wie Heavy Metal. Warum das an dieser Stelle der Rede wert ist? Weil es ausgeschlossen sein sollte, die Verantwortlichen von Sun of Jamaica zur Referenzgröße einer Tonträger-Empfehlung zu machen. Eigentlich. Denn Sequoyah Tiger mögen nach dem westdeutschen Wohlfühlsound klingen, wenn Steeldrum und Marimba durchs Debütalbum von Leila Gharib aus Verona hallen; und dann schwingen auch noch ihre Landsleute Oliver Onions mit, die einst den Haudrauf-Quatsch von Bud Spencer vertont haben.

Aber natürlich ist da noch etwas mehr an Parabolabandit, das all dies auf hochinteressante Art und Weise kontrastiert. Ein zappeliger Breakbeatsteppich zum Beispiel, der sich über den vollsynthetischen LoFi-Pop dieser kleinen Albumperle legt. Und weil Gharibs verhuschter Gesang in ihrer sympathischen Nuscheligkeit einer weiblichen Version von Beck gleicht, wirken die zehn aneinandergereihten Stücke trotz der mitunter fiesen Alleinunterhalteraura oft seltsam ergreifend. Schlechter Geschmack kann so unterhaltsam sein.

Sequoyah Tiger – Parabolabandit (Morr Music)

Morrissey

Darf man, muss man womöglich die Kunst an der politischen Attitüde des Künstlers bemessen? Ist ein Werk schon deshalb kritikwürdig, weil der Verantwortliche dahinter rechtspopulistisches Gefasel von sich gibt? Bei brachialen Knallchargen wie Böhse Onkelz oder Frei.Wild stellt sich die Frage nicht, da sie ungeachtet ihrer geistigen Reife einfach miese Musik machen. Bei einem Ausnahmetalent wie Steven Patrick Morrissey hingegen führt der Versuch, sie zu beantworten, zielsicher ins Jammertal des Sowohlalsauch. Seit Jahren schon äußert sich der Godfather des Britpop bedenklich positiv zum neoliberal-nationalistischen Mainstream seiner Heimat und gibt sich als Fan von Margaret Thatcher bis Nigel Farage. Was das mit seiner neuen Platte zu tun hat? Alles. Und nichts.

Denn sein 16. Soloalbum Low In Highschool ist wie immer ohne die legendären Smiths zur Seite von grandioser Nonchalance. Mit nöliger Stimme seziert er alles, was die Welt von Brexit bis Bürgerkriege, von Armut bis Reichtum bewegt. Und die meisten der zwölf Songs klingen dabei gewohnt souverän, mit dieser unvergleichlichen Dringlichkeit im Ausdruck und herausragenden Indie-Arrangements ringsum. Nur: Jedes Stück atmet eben auch den Alterskonservatismus eines 58-Jährigen, dessen Sozialkritik schon immer im Schatten seiner Ansichten stand. Die frühe Singleauskopplung Spend The Day In Bed zum Beispiel klingt oberflächlich nach einer eleganten Kritik am Hamsterrad Kapitalismus, ist aber eine Suada gegen Lügenpresse und Systemparteien. Die Empfehlung lautet daher: Wem die Sicht eines Künstlers egal ist: unbedingt anhören! Alle anderen: Finger weg!

Morrissey – Low in Highschool (BMG)

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